Wein

Öko-Weine noch auf Schattenseite: Urs Jauslin ist begeistert von einem «Cal 1-28»

Weinreben. (Archivbild)

Weinreben. (Archivbild)

Neue, resistente Traubensorten munden gut, wie eine Grossdegustation zeigte. Durchbruch lässt aber auf sich warten.

Würden Sie einen Wein namens Cal 1-28 kaufen? Wir auch nicht. Oder besser: nicht bis vorgestern. Denn am Montagnachmittag degustierten und benoteten auf Einladung der Weinproduzenten Region Basel/Solothurn, des Zentrums Ebenrain und des Interregio-Projekts Agro Form rund 50 Personen aus der Weinbranche in Muttenz nicht weniger als 32 Weine. Und zwar nicht irgendwelche, sondern sogenannte Piwi-Weine, wobei piwi für pilzwiderstandsfähig steht. Dabei handelt es sich um neuere Traubensorten mit Resistenzgenen, die dadurch einen Bruchteil der ansonsten üblichen Spritzungen mit Pflanzenschutzmitteln benötigen.

Bei dieser Grossdegustation schlossen die Rotweine mit der unsäglichen Bezeichnung «Cal 1-28» mit einer Durchschnittsnote von 3,8 am besten ab. Die Note besagt nicht, dass die Weine knapp genügen, sondern dass sie annähernd sehr gut sind; denn die Skala reichte von 1 (nicht empfehlenswert) über 2 (geht so), 3 (interessanter Tischwein), 4 (sehr gut) bis 5 (grossartig).

Urs Jauslin ist begeistert von einem «Cal 1-28»

Besonders einer dieser Weine begeisterte Urs Jauslin; der Muttenzer Winzer, in der regionalen Branche einer der ganz Grossen, hatte die Aufgabe, die degustierten Cal-1-28-Weine zu kommentieren: «Glas zwei ist für mich das Highlight des Tages und der einzige Wein, dem ich die Note 5 gegeben habe. Er ist in Holz angebaut, hat eine Weichheit und ist schön im Abgang. Das ist ein Top-Wein.»

Da alle Degustationen anonym erfolgten, wusste Jauslin nicht, dass besagter Wein aus der Domaine Chiquet in Orma- lingen stammt. Dieser Chiquet mit Vornamen Claude war zugleich der Moderator des Anlasses. Und er nahm das Lob aus berufenem Munde sichtlich erfreut entgegen. Dies umso mehr, da er einige Durchgänge zuvor bei den Weissweinen – geprüft wurden fünf Weiss- und drei Rotweinsorten mit Namen wie Souvignier gris, Cabernet blanc, Muscaris, Divico oder Cabernet Jura – mit der Note 2,4 für einen seiner beiden Sauvignon Soyhières einen Dämpfer hinnehmen musste. Er quittierte das mit den Worten: «Entschuldigung, der stammt aus meinem Keller.» Und er ergänzte, dass sein Maispracher Rebberg im Gegensatz zu jenem in Ormalingen für diese Traubensorte zu warm sei. Was wiederum zeigt, dass es allein mit der Züchtung von resistenteren Sorten nicht getan ist, sondern dass auch das Umfeld stimmen muss.

Winzer setzen auf besseres Marketing und Austausch

Obwohl sich die geprüften Piwi-Weine bei der Benotung fast alle im Bereich zwischen «interessanter Tischwein» und «sehr gut» bewegten, haben sie den Durchbruch bis jetzt nicht geschafft. Chiquet sprach von einem «noch schlafenden Dasein», weil die Weinproduzenten und -bauern das Potenzial noch nicht abschätzen könnten und sich entsprechend zurückhielten. Aber die Konsumenten verlangten zunehmend nach möglichst wenig gespritzten Weinen.

Martin Auer, Betreiber einer Rebschule und Piwi-Veredler aus Hallau, der alle Traubensorten der geprüften Weine detailliert vorstellte, verdeutlichte das: «In der Schweiz werden heute auf 283 Hektaren Piwi-Sorten angebaut. Das entspricht zwei Prozent der gesamten Rebfläche und ist eine absolute Nischenproduktion. Aber es ist ein langsamer Fortschritt ersichtlich.» 

In der abschliessenden Diskussion wurden Verbesserungsvorschläge wie gezielteres Marketing, besserer Austausch unter den Kelterern und mehr Präsenz an Weinmessen eingebracht. Andere sehen dank der eingereichten Landwirtschaftsinitiativen politischen Rückenwind für Piwi-Weine. Apropos Marketing: Ein Fachmann meinte, dass ein griffiger Name zentral sei für einen Wein. «Cal 1-28» ist von daher so etwa die schlechteste Lösung. Doch die Namensgebung für eine neue Traubensorte fällt in die Kompetenz des Züchters. Und jener dieser neuen Sorte ist ein Hansdampf in vielen Gas-sen und kommt kaum nach mit Kreationen. Claude Chiquet hilft sich in der Not mit der Bezeichnung «Caliv 28» für seinen Überflieger.

Verwandtes Thema:

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

Meistgesehen

Artboard 1