Historischer Roman

Mit 19 wanderte seine Urgrossmutter aus – jetzt folgt er ihren Spuren

Stephanie Cordelier fuhr mit dem Auswandererschiff «Westernland» über den Atlantik, Benedikt Meyer folgte ihr mit dem Containerschiff «Indonesia» über hundert Jahre später. ZVG

Stephanie Cordelier fuhr mit dem Auswandererschiff «Westernland» über den Atlantik, Benedikt Meyer folgte ihr mit dem Containerschiff «Indonesia» über hundert Jahre später. ZVG

Auswanderergeschichten gibt es viele. Bis Ende des 19. Jahrhunderts erlagen Millionen von Europäern der Verlockung, ihr hartes, perspektivarmes Leben hinter sich zu lassen und eine neue Welt zu entdecken: Amerika. Nur ein Ozean trennte die Menschen vom vermeintlichen Paradies. Damals bedeutete das zwölf Tage Schifffahrt. Doch wie viele andere liess sich auch Stephanie Cordelier aus Oberwil davon nicht abschrecken. «So gesehen hat ihre Geschichte etwas Alltägliches», sagt Historiker und Autor Benedikt Meyer. «Doch ich finde das spannender, als von der ersten Frau zu erzählen, die durch die Antarktis gewandert ist.» Mit Stephanie sei er nah am Alltag der einfachen Menschen, am Leben jener Zeit.

Stephanie emanzipierte sich

Und doch ist die Geschichte dieser Frau aussergewöhnlich. Denn Stephanie Cordelier war als ältestes von sechs Kindern voll eingespannt in die häuslichen Pflichten in ihrem Oberwiler Elternhaus. «Sie lebte ein fremdbestimmtes Leben, strampelte sich dann aber frei. Es war ein eigentlicher Emanzipationsprozess, der viel Mut benötigte. Das imponierte mir», sagt Meyer. Aussergewöhnlich war zudem ihr Alter: Mit 19 bestieg sie 1891 das Schiff, die «Westernland», – und das ganz allein. Das Einzige, das sie in der Hand hatte, war die Einladung ihrer Tante Therese aus Ohio.Aussergewöhnlich war für Meyer noch etwas anderes: Stephanie Cordelier war nicht irgendeine unbekannte Zeitzeugin, die der 36-jährige gebürtige Therwiler in einem staubigen Archiv gefunden hat. Sie war Meyers Urgrossmutter. Und so ist «Nach Ohio» auch eine Geschichte über Urenkel Benedikt Meyer. Getroffen hat er Stephanie Cordelier nie. Sie starb 1967, er kam 1982 auf die Welt. 

Meyer versuchte erst gar nicht, seine eigene Person vom Roman zu trennen. Er recherchierte über Stephanies fünf Jahre in Amerika, über das Davor in Kleinlützel und Oberwil und über ihre Heimkehr 1896, bis Stephanie den Ausschluss aus der katholischen Kirche in Kauf nahm, weil sie 1899 in Basel einen Protestanten heiratete. Diese Spurensuche ist selbst Teil des Romans.

Stephanies Hochzeitsfoto von 1899.

Stephanies Hochzeitsfoto von 1899.

Fliegen kam nicht infrage

Doch wie viel kann man als Historiker überhaupt über eine gewöhnliche Privatperson, ein unscheinbares Dienstmädchen noch dazu, herausfinden? Wie ein Leben nachzeichnen, das kaum archivierte Dokumente hinterlassen hat? Für Meyer war schnell klar: Er musste auch nach Ohio. Um seiner Urgrossmutter wirklich auf die Spur zu kommen, reichte es nicht, bei den Verwandten alte Erinnerungen zu wecken oder mit dem Oberwiler Dorfhistoriker Pascal Ryf der Entwicklung des Leimentaler Dorfs nachzuspüren. Also ab in den Flieger und nichts wie rüber? Nicht mit Meyer. «Ich liebe die Langsamkeit, sonst bleiben die Eindrücke nicht haften.» Seine Lösung: übers Meer mit dem Containerschiff und übers Land mit dem Velo.

Ein Roman und kein Sachbuch

Immerhin zehn Tage benötigte auch Meyer, als er 2013 per Schiff nach New York übersetzte. Insgesamt drei Monate pedalte er durch die Staaten. Es lohnte sich. Bisher waren Meyers wichtigsten Grundlagen ein Notizbuch, in dem Stephanie als über 80-Jährige ihre Erinnerungen an diese Zeit niedergeschrieben hatte, sowie die Tonaufnahme einer Radiosendung, in der sie 1964, nur drei Jahre vor ihrem Tod, zu ihren Amerika-Jahren befragt worden war.

Doch jetzt konnte Meyer unter anderem den 16 000-Seelen-Ort Defiance, wo Stephanie nach ihrer Ankunft im Bundesstaat Ohio als erstes bei ihrer Tante auf dem Bauernhof arbeiten konnte, wirklich erleben, spüren, nachempfinden. Natürlich durch den Filter von über 100 Jahren Zeitdifferenz. Aber immerhin.

Über Stephanies nächste Station Peru – nicht das Land, sondern ein anderer Ort in Ohio – konnte Meyer dank eines kleinen Privatarchivs, das er entdeckte, viel rekonstruieren. «Ich wusste es damals noch nicht, aber im Nachhinein wurde mir klar: Ohne meine eigene USA-Reise wäre das Buch nie zustande gekommen. Erst dort wurde ich endgültig hineingezogen in Stephanies Welt.»

Etwas gibt der Historiker allerdings unumwunden zu, ja er schrieb es sogar in sein Buch: «Der Roman ist keine rein wissenschaftliche Arbeit.» Ein lückenloses Lebensbild Stephanies war mit Fakten allein nicht zu zeichnen. Doch wollte Meyer kein trockenes Sachbuch, sondern ein lebendiges Porträt jener Zeit schreiben. So verschmolz er gewisse Nebenfiguren zu einer, verschob einige Ereignisse und schmückte die Dialoge aus. «Aber alles kann ich historisch begründen oder mit Indizien untermauern», versichert er.

Fünf Jahre dauerte Stephanie Cordeliers Amerika-Abenteuer. Für eine Frau, die 95 wurde, hätte es auch nur eine Randnotiz sein können. Doch Meyer widerspricht: «Es war der grosse Wendepunkt in ihrem Leben und das einzige, das sie für die Nachwelt für erwähnenswert hielt.»



 

«Nach Ohio» 2019, Zytglogge Verlag, 220 Seiten, 32 Franken 
Vernissage: 28.2., 19.30 Uhr, Basel, Buchhandlung Labyrinth.
Lesungen: 22.3., 20 Uhr, Therwil, Schulhaus Wilmatt. 3.4., 19.30 Uhr, Oberwil, Gemeindebibliothek.

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