Theater Roxy

«Lieber Mensch sein als erleuchtet»: Wie passen Selbstverwirklichung und Klimaschutz zusammen?

Yoga und Kritik – Johanna Heusser vereint in ihrem Stück diese Widersprüche.

Yoga und Kritik – Johanna Heusser vereint in ihrem Stück diese Widersprüche.

Die Basler Performerin Johanna Heusser nimmt im Theater Roxy den Yoga-Kult aufs Korn.

«Der Planet brennt, aber alle machen Yoga.» Diese ätzende Kritik an der weltweiten Community der Yoga-Ausübenden stammt von der britischen Journalistin und Feministin Laurie Penny. Sie bringt einen Widerspruch unserer Zeit auf den Punkt: Die Klimakrise fordert von uns kollektives Handeln für das Wohlergehen kommender Generationen. Gleichzeitig boomt die globale Selbsterfahrungsindustrie. Auf der Suche nach spiritueller Geborgenheit jetten Abertausende von einem exotischen Luxus-Retreat zum nächsten.

Dabei ist die einstmals spirituelle Technik zu einem ausdifferenzierten Selbstoptimierungs-Tool geworden. Je nach Wahl kann Yoga die Fruchtbarkeit, die Männlichkeit, das Alt- oder das Frausein stärken. Es hilft gegen Stress, Depressionen oder Übergewicht. Ein Allerweltsmittel, das in keinem Wellness-Angebot fehlen darf.

Eine Reise ins Mutterland der Spiritualität

Johanna Heusser vereint diese Widersprüche in ihrer Person. Die 25-jährige Baslerin unterrichtet Yoga und probt derzeit im Roxy Birsfelden an ihrem ersten abendfüllenden Stück, einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie selbst übt täglich den «Hund», den «Baum» oder den «Bogen», sagt aber: «Ich weiss wirklich nicht, ob Yoga die Antwort auf die Probleme der Welt ist.»

Angefangen die Technik zu üben hat sie während ihrer Ausbildung zur Tänzerin an der höheren Fachschule für zeitgenössischen und urbanen Bühnentanz in Zürich. «Ich wollte etwas Eigenes machen, wo ich niemandem etwas beweisen muss», sagt sie.

Nach dem Studium wollte sie mehr darüber wissen und reiste für ein halbes Jahr ins Ursprungsland des Yoga. In Rishikesh, einer Kleinstadt am Fusse des Himalaya, liess sie sich zur Yogalehrerin ausbilden. «Das war mehr ein Hotel, denn ein Ashram», erzählt sie. Ein Zimmer, drei Mahlzeiten mit ausgewählter Nahrung, sechs Tage die Woche Unterricht ab vier Uhr morgens. Alle Lehrer waren Inder, alle Schüler kamen aus dem Westen.

«Meine Hoffnung war, der spirituellen Dimension des Yoga näher zu kommen. Ich wollte eine Antwort auf die Frage finden, was mein wirkliches Potenzial ist», sagt sie. Aber das intensive Training schlug mehr auf den Körper als auf den Geist. Nach drei Monaten kehrte sie mit einem doppelten Bandscheibenvorfall in die Schweiz zurück – und um eine Erkenntnis reicher: «Indien wird immer noch extrem stark exotisiert, als Wiege des Spirituellen. Dabei orientiert sich das Land stark am westlich geprägten Kapitalismus.»

Die Buddhas aus der Ikea als Dekoration

Man müsse nicht nach Indien fahren, um die spirituelle Dimension des Yogas zu erfassen. «Das westliche Konzept von Yoga als Selbstoptimierungsstrategie ist mittlerweile auch in Indien angekommen», erzählt Heusser. Yoga, einst von der britischen Kolonialmacht unterdrückt, dann von Romantikern und Sinnsuchern in den Westen importiert, ist auch im Ursprungsland längst Teil der Tourismusindustrie geworden. «Dabei wird westliches Yoga für viel Geld als authentische indische Praxis verkauft», beobachtet Heusser.

In ihrer Lecture-Performance mit dem Titel «How To Do A Downward Facing Dog» geht Heusser all diesen Widersprüchen auf den Grund. Die Tänzerin führt ihr Publikum durch acht Stationen – entsprechend den acht Stationen des Yoga zur Erleuchtung.

Heusser erzählt die Geschichte des Yoga, die über weite Strecken Kolonialgeschichte ist. Die Geschichte einer spirituellen Kulturtechnik, die mittlerweile zum Sport der neoliberalen Leistungsgesellschaft geworden ist, eine schweisstreibende Angelegenheit, dekoriert mit Buddhas aus der Ikea. «Ich kann mir schon vorstellen, dass einige Menschen, die Yoga praktizieren, mein Stück nicht so lustig finden», sagt sie.

Und sie selbst, glaubt sie noch an ihr Yoga? Für Heusser keine Frage. Sie unterrichtet weiter, sucht einen Weg, mit all diesen Widersprüchen umzugehen und findet es bereichernd, daraus ein Stück zu machen. Was genau denn Yoga ist, fällt ihr schwer zu sagen. «Es ist ja keine Religion, es ist nicht etwas, das man besitzen kann. Es geht eigentlich darum zu üben, zu praktizieren.»

Und die Erleuchtung, gibt es die? Heusser sagt: «Was auch immer das ist, ich weiss es nicht. Ich bin noch nie einem Erleuchteten begegnet. Und will es selbst auch gar nicht werden. Ich bin lieber Mensch, als erleuchtet.»

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