Es ist Mittwochabend, kurz nach 19 Uhr. Der kleine Musikraum direkt unter dem Dach des Kulturhaus Palazzo in Liestal bebt. Wenn die Boxitos proben, wird es auch mal laut und chaotisch. In der Mitte des Raums steht Simon, das Mikrofon fest in der Hand. Unter seinem schwarzen Kapuzenpulli trägt er ein T-Shirt mit der Aufschrift «Kombination» – es stammt von seinem allerersten Bligg-Konzert.

Rund um ihn herum sitzen seine Bandkollegen und geben mit verschiedenen Rhythmusinstrumenten den Takt an. Simon soll «freestylen». Eine Strophe reimen, einfach aus dem Bauch heraus. Kein Problem für den 24-Jährigen. Hip-Hop ist sein Ding, Rapper wie Tupac sind seine musikalischen Vorbilder: «Für mich ist er ein Poet.»

Auftritt am Wildwuchs-Festival

Nach seinem Einsatz ist Simons Gesicht gerötet, seine Augen strahlen. Bis auf einige kleine Unsicherheiten hat alles geklappt. «Wenn etwas schief läuft, mach einfach weiter, das merkt kein Mensch», sagt Pete Stöcklin. Der Musiker und Sozialarbeiter ist Teil des vierköpfigen Teams, das die Boxitos coacht und musikalisch begleitet. Die Band besteht aus aktuellen und ehemaligen Lehrlingen der Eingliederungsstätte Baselland.

Die Jugendlichen mit Behinderung können hier die Freude an der Musik erleben und gleichzeitig ihre Koordinations- und Konzentrationsfähigkeit verbessern. Die Boxitos wurden 2013 ins Leben gerufen, bis heute sind bereits zwei CDs entstanden. Dazu kamen Auftritte an Festivals und Anlässen wie dem Pärkli-Jam in Basel. «Wir haben schon ziemlich viel Routine», sagt Coach Andreas Gerber.

Dieses Wochenende stehen die Aufnahmen für das neuste Projekt an: Die Boxitos sind Teil des «Clousiana Orchestra» – ein musikalisches Grossprojekt gemeinsam mit dem «Gymnasium Liestal Jazz Orchestra» und dem Chor «Inspiratione». Stöcklin und Gerber sind auch hier in die Projektleitung involviert. Die drei beteiligten Gruppen haben bereits je drei Songs geschrieben. Der nächste Schritt sind gemeinsame Proben und Konzerte. Der Höhepunkt: die CD-Taufe am Wildwuchs-Festival im Sommer. «Das wird e Fuer!», freut sich Gerber schon jetzt.

Nur im Anzug auf die Bühne

Ein kleiner Höhepunkt steht bereits heute Freitag an. Das «Clousiana Orchestra» erhält den ersten Preis für Gesundheitsförderung, ausgeschrieben vom Verein «meingleichgewicht». Der Preis bedeutet 10 000 Franken Zustupf fürs Projekt und einen zusätzlichen Auftritt für die Boxitos. Simon ist vor Konzerten nicht mehr so nervös wie noch vor ein paar Jahren. Für ihn, der unter der Woche als Velomechaniker arbeitet, ist es das Grösste, auf der Bühne zu stehen. Bei Auftritten verzichtet er sogar auf seinen Kapuzenpulli und wirft sich in Schale. «Ich weiss noch, bei einem der ersten Konzerte fühlte ich mich wie Justin Bieber», erzählt er.

Im Proberaum gilt es derweil, den Auftritt für die heutige Preisverleihung vorzubereiten. Neben dem Freestyle wollen die Boxitos dem Publikum die Songs «Traum von Afrika» und «Wart schnäll» von den bestehenden CDs präsentieren. Die Kreationen der Boxitos mischen Pop und Rap, sie können laut und leise, forsch und zurückhaltend sein. Die Proben laufen gut. Da und dort müssen die Coaches jemanden zur Zurückhaltung ermahnen. Andere brauchen noch Ermunterung, etwas mehr Gas zu geben. Stöcklin und Gerber sind streng und verlangen Konzentration, haben aber am Ende für jeden ein lobendes Wort übrig.

Sämtliche Liedtexte haben die musikalischen Leiter gemeinsam mit den Jugendlichen ausgearbeitet. Sie handeln von dem, was die Bandmitglieder bewegt, von ihren Träumen und Wünschen, von guten und schlechten Tagen. Auch Simon schreibt sich seine Gefühle gerne von der Seele. Liebeskummer oder Sorgen verarbeitet er in eigenen Liedtexten, nach dem Vorbild der ganz grossen Rapper.

Nach der Probe steht Simon am Bahnhof und wartet auf den Zug, unter der Kapuze zeichnen sich grosse Kopfhörer ab. Auf dem Ipod in seiner Hand leben alle seine Lieblingskünstler: Tupac, Eminem, Stress und Bligg. Mit ihnen auf den Ohren fährt Simon nach Hause.