Gelterkinden

Gigantischer Gleisbau-Zug: SBB erneuert ihre Gleise mit einer fahrenden Fabrik aus Österreich

Der Sommerfahrplan beeinträchtigt den Zugverkehr. Die PM1000-URM ist daran mitschuldig: Ein kilometerlanger Bauzug aus Österreich reinigt und ersetzt zwischen Gelterkinden und Tecknau den Schotter.

Die Sirene heult. Ein Personenzug rauscht vorbei. Auch die PM1000-URM rollt, aber im Zentimeter-Tempo. Sie ist in Richtung Gelterkinden unterwegs. Und zieht dabei eine kilometerlange Fabrik hintennach: Grossbaustelle und alltäglicher Zugverkehr prallen über die Sommerferien in Gelterkinden auf wenigen Metern aufeinander.

In nur sechs Wochen erneuern die SBB die Geleise zwischen Gelterkinden und Tecknau. Letztmals ersetzte die Bahn die Geleise auf diesem Abschnitt 1980. Der gelbe Koloss war zu jener Zeit noch nicht geboren. Umfassende Arbeiten wären in den 80er-Jahren undenkbar gewesen, zumindest in einer solch kurzen Periode und mit diesen geringen Auswirkungen auf den Fahrplan. Der Bauzug hat den Gleisbau revolutioniert. Die moderne Technik kommt aus dem Osten: Eine österreichische Firma tourt mit ihren Gleisbauspezialisten durch ganz Europa und verrichtet im Mandat Aufträge. In diesem Sommer macht das effiziente Ungetüm, aus Spanien kommend, in der Schweiz halt und tut seinen Dienst für die SBB. «Die Belastung auf dieser Strecke ist einfach extrem», sagt Projektleiter Ronald Julen. Knapp vierzig Jahre haben die Geleise auf der stark frequentierten Nord-Süd-Achse gehalten.

Der gigantische Gleisbau-Zug bei der Arbeit in Gelterkinden

Der gigantische Gleisbau-Zug bei der Arbeit in Gelterkinden

Nachdem die SBB in den Wochen zuvor die Gleis-Entwässerung neu bauten und danach das Gleisfundament erneuern liessen, ersetzte ein etwas kleinerer Bauzug die alten Zement-Schwellen durch neue. Sind diese Arbeiten erledigt, kommt die Zeit des Schotter-Ungetüms.

Zug fährt und baut zugleich

Vor zweieinhalb Monaten hatte Projektleiter Julen die geometrischen Daten der Geleise an das österreichische Unternehmen übermittelt. Nun rollt der Bauzug über die Baselbieter Geleise und reinigt in einem eindrücklichen Verfahren den alten, unter den Geleisen liegenden Schotter. Wie ein grosser Staubsauger sammelt der Zug dabei das Gestein ein und transportiert es dann in den vorderen Teil des Zuges. Dort vibriert die Maschine den Schotter, wodurch die Feinpartikel abfallen. Die Förderbänder tragen das Gestein zurück nach hinten, wo die Maschine den Schotter mit Wasser wäscht. Ungefähr ein Drittel des alten Schotters sortiert die vollautomatische Zug-Fabrik aus und ersetzt ihn durch neuen. Den fertig gereinigten Schotter spucken die Förderbänder dann wieder über den angehobenen Geleisen aus. Hinterher stopfen eiserne Arme den frischen Schotter. Durch Vibrationen wird er verdichtet und auf die vorgemessenen Höhen justiert. Bei diesem komplexen Prozess macht der Zug 30 Meter die Stunde. «Hier wäre es bereits schwierig, eine Schaufel reinzustecken», sagt Julen.

Wenn die PM1000-URM ihre Arbeit getan hat, folgen in den nächsten Wochen zwei weitere Stopfungen, ehe die SBB die Geleise mit einer kleineren Maschine ersetzen.

Kürzere Dauer und günstiger

Das gelbe Ungetüm verschluckt die Gleisbauarbeiter. Alle paar Meter leuchtet unter dem Zug eine orangenfarbene Leuchtjacke hervor. Während der Zug langsam voranrollt, kontrollieren die Arbeiter die Prozesse und messen nach, ob die fahrende Fabrik ihre Arbeit planmässig ausgeführt hat. Zwischen Gelterkinden und Tecknau erledigt die österreichische Baufirma dies im Schichtbetrieb rund um die Uhr.

Als Ronald Julen das Projekt übernahm, war noch vorgesehen, die Gleiserneuerung in achtstündigen Nachtintervallen durchzuführen. Der Personenverkehr wäre von den Arbeiten nicht tangiert gewesen. Unter Julen entschieden sich die SBB dann jedoch für eine durchgehende Teilsperrung eines Streckengeleises. «Wir haben somit eine massive Kostensenkung erwirkt», sagt Julen. Dank der rollenden Baustelle und dem 24-Stundenbetrieb senkten sich die Kosten um über einen Drittel auf zwölf Millionen Franken. Zudem verkürzt sich die Bauzeit um zweieinhalb Monate.

Im Raum Basel haben die SBB dank den Alternativrouten über Läufelfingen und den Bözberg eine komfortable Situation. Gäbe es diese nicht, hätte die Baustelle den ordentlichen Zugverkehr viel stärker beeinflusst. Dies zeigt das Beispiel in der Westschweiz: Zwischen Lausanne und Puidoux-Chexbres erlahmt der Zugverkehr über die Sommerferien gänzlich.

Das gelbe Ungetüm zieht es nach seinem Einsatz im Baselbiet zur dritten Grossbaustelle der SBB, nach St. Gallen. Auch dort wird sie völlig autonom den Schotter erneuern.

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