Archäologie

Frühmittelalterliche Funde: Merowinger setzen sich in Reinach fest

Zwei Mitarbeiterinnen der Archäologie legen ein Skelett frei.

Zwei Mitarbeiterinnen der Archäologie legen ein Skelett frei.

Vor 1550 Jahren strömten Fremde in die Region. Dies belegen jüngste Gräberfunde.

Wer in Reinach zwischen Keltenweg und Burgunderstrasse wohnt, tut dies auf einem frühmittelalterlichen Gräberfeld. Wer im Coop an der Landererstrasse einkauft, schiebt seinen Einkaufswagen über tief im Boden versenkte Grabkammern. Ein Neubau an der Baselstrasse hat nun der Baselbieter Kantonsarchäologie die Möglichkeit eröffnet, in einer dreimonatigen Notgrabung das seit über 100 Jahren bekannte Gräberfeld erneut zu untersuchen. Die Folgen sind spektakulär: Zu den bisher bekannten sind 17 neu entdeckte Gräber hinzugekommen. «Die Neufunde stammen aus der Frühzeit des Friedhofs und zeigen, dass sich um 550 nach Christus Personen aus dem Oberrheingebiet in der Region ansiedelten», erklärt Kantonsarchäologe Reto Marti. Zugleich sind es bisher jene mit den reichsten Grabbeigaben.

Gräberfunde sorgen für Zündstoff

Zu den aktuellen Funden gehören Lang- und Kurzschwerter, Lanzen, eine fränkische Wurfaxt, eine sogenannte «Franziska», sowie zahlreiche Keramikgefässe. Marti vermutet, dass neben den nun rund 40 bekannten Gräbern noch zahlreiche weitere im Boden ruhen. Eine Möglichkeit zur Untersuchung bietet sich indes nur, wenn sich im Rahmen von Abriss- und Neubauprojekten Zeitfenster für Notgrabungen auftun. Diese jüngsten Gräberfunde sorgen in Fachkreisen für Zündstoff. Bei der Interpretation von solchen spätrömischen und frühmittelalterlichen Grabfunden prallen oftmals zwei Glaubenswelten aufeinander. Für die einen sind sie Beleg dafür, dass sich in den Zeiten der Völkerwanderung Ortsansässige und Fremde vermischten. Für die anderen sind sie lediglich Ausdruck von temporären Modeerscheinungen, die von der angestammten Bevölkerung bei deren Grabritualen übernommen wurden.

Für Marti scheint nun der Beweis erbracht, dass die Mitte des 6. Jahrhunderts in Reinach bestatteten Menschen keine Einheimischen waren. Er vermutet stattdessen zugezogene Merowinger aus dem Oberrheintal, die dem vor sich hindarbenden Römergut Rinacum neuen Schub verliehen und mit ihrer Ansiedlung dafür sorgten, dass auch 2000 Jahre später die gallorömische Bezeichnung im heutigen Ortsnamen überdauern konnte. Zog sich die hiesige Bevölkerung im unsicheren 5. Jahrhundert auf befestigte Plätze wie das Kastell am Rhein in Kaiseraugst zurück, sorgte die Eingliederung ins Frankenreich im 6. Jahrhundert offenbar wieder für stabilere Verhältnisse. Dies bot die Möglichkeit zur Wiederbelebung von kleineren Ortschaften auf dem Lande.

Entsprechend begeistert zeigt sich der Kantonsarchäologe angesichts der jüngsten Funde. Die These der Neuansiedlung durch Ortsfremde erhielt schon durch frühere archäologische Untersuchungen von freigelegten Siedlungsabfällen neuen Schub. Dort stellten die Baselbieter Forscher eine kurzfristige Zunahme von ortsfremdem Material zwischen 550 und 600 nach Christus fest. «In den neu entdeckten Gräbern werden die damaligen Zuzüger nun erstmals direkt fassbar», sagt Marti. «Diese seltene Verbindung von Siedlungs- und Grabfunden in einer ereignisreichen Epoche ist für die archäologische Forschung weit über die Region hinaus von grosser Bedeutung.»

Bereits 1910 wurden erste Skelettfunde gemeldet

Damit verdichtet sich die archäologische Erforschung von Reinachs Untergrund immer mehr. «Die ersten Skelettfunde vom Reinacher Rankhof wurden um 1910 gemeldet. Die bisher umfangreichste Grabung führte Theodor Strübin 1969 während des Baus des Coop-Gebäudes durch, seither kamen in Leitungsgräben weitere vereinzelte Gräber hinzu», heisst es in der gestern verschickten Mitteilung der Archäologie Baselland. Besonders erfreulich sei der Umstand, dass die seit 30 Jahren dokumentierten früh- und hochmittelalterlichen Siedlungsspuren in Reinachs Ortskern in der Regel vorzüglich erhalten seien.

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