Die beiden Täter brachen morgens ins Haus der Familie Borer ein. Sie wussten, dass ihr Opfer zu dieser Zeit allein war. Ivo Borers Frau bediente jeweils sonntags die Katholiken nach ihrem Gottesdienstbesuch in Mariastein im Restaurant. Die Einbrecher glaubten, dass sie leichtes Spiel haben würden mit dem 71-jährigen CVP-Gemeindepräsidenten. Sie irrten. Borer wehrte sich so, wie man sich wehrt, wenn es um Leben und Tod geht. Was sich an diesem 14. März 2010 hinter den Vorhängen des Gemeindeammann-Hauses abspielte, war an Grausamkeit nicht zu überbieten. Dabei hätte es nur eines Zufalls bedurft, und er hätte überlebt.

Hätten die Spaziergänger Borers Hilfeschreie anders gedeutet, hätten sie die Polizei alarmiert. Und hätten die Gäste die Beiz früher verlassen, wäre seine Frau früher nach Hause gekommen und hätte ihren Mann schneller ins Spital fahren können. Blutüberströmt lag der Gemeindepräsident stattdessen auf dem Boden, als er nach Stunden entdeckt wurde. Das Einzige, was er noch sagen konnte, war: «Si hei mi abegschlage.» Als Zeuge konnte er nicht mehr befragt werden. Borer wurde ins künstliche Koma versetzt und verstarb drei Monate später im Spital.

Borer spaltete das Dorf

Metzerlen, eine Gemeinde mit knapp tausend Einwohnern im hinteren Leimental, war auf einmal seine Unschuld los. «Bis dahin hatte niemand die Haustür abgeschlossen», sagt ein Dorfbewohner. «Und nun riegelten wir sie ab, selbst wenn wir nur im Garten arbeiteten.» Gerüchte begannen sich zu ranken, wer hinter dem Angriff stecken könnte. Geschwätz gab es genug. Borer war ein geselliger Mensch, aber auch einer, der aneckte. Die Metzerler mochten ihn – oder hassten ihn. Wer sich gegen ihn stellte, hatte es nicht leicht.

Als es beispielsweise bei der Güterregulierung in Metzerlen zu einer Umverteilung des Lands kam, sah ihn so mancher als grossen Gewinner. Andere, weniger bauernschlaue Landwirte, fühlten sich verschaukelt. Seine Nachbarn etwa, René und Brigitte Meier, verstanden die Welt nicht mehr. Sie verloren die Zwetschgenanlage direkt hinter Borers Haus und bekamen ein Grundstück einen Kilometer ausserhalb des Dorfes.

Ivo Borer (1939–2010).

Ivo Borer (1939–2010).

Die Streithähne gingen bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, wo Borer als Sieger hervorging. Auch andere Landbesitzer fühlten sich über den Tisch gezogen, gingen aber nicht juristisch gegen den Gemeindepräsidenten vor.

Borer war hartnäckig, sagen viele Weggefährten, aber er war auch ein Lebemann. Er soll einen ausschweifenden Lebensstil geführt haben und besonders in seinen jungen Jahren auch Abenteuern mit dem osteuropäischen Service-Personal nicht abgeneigt gewesen sein. Dass er etwas mehr Geld als die anderen Dorfbewohner hatte, stellte er gerne zur Schau. Man wusste in Metzerlen, dass bei Borers ein Tresor im Haus steht.

Ende der Ermittlungen naht

Die Solothurner Staatsanwaltschaft hat sich Zeit gelassen. Neun Jahre lang hat sie ermittelt, achtzig Einvernahmen durchgeführt und dreissig Rechtshilfegesuche gestellt. Bereits 2010 lagen Verdachtsmomente gegen einen 41-jährigen Serben vor, doch sass dieser bereits in Frankreich im Gefängnis. Er wurde 2017 ausgeliefert. Im Hintergrund lief die Suche weiter. Ein Durchbruch gelang 2014.

Die Staatsanwaltschaft konnte eine Verbindung zwischen Opfer und dem Mittäter des verhafteten Serben herstellen. Weil sich dieser noch auf freiem Fuss befand und die Staatsanwaltschaft ihn und die Drahtzieher nicht aufschrecken wollte, ermittelte sie «defensiv», also im Stillen, weiter. Vorsicht war oberstes Gebot, damit sich die Täter nicht absprechen und warnen konnten.

2017 konnte man schliesslich mehrere Verdächtige ausfindig machen und wollte gleichzeitig den Organisator des Überfalls sowie den Mittäter, einen Holländer, verhaften. Das scheiterte aber daran, dass einer der Verdächtigen Serbien nach 2017 nicht mehr verliess. So entschlossen sich die Strafverfolgungsbehörden, in Holland zuzuschnappen und zumindest den mutmasslichen Mittäter zu stellen.

Im Februar dieses Jahres konnte die Staatsanwaltschaft den jüngsten Erfolg feiern und verkünden, dass mittlerweile gegen sechs Personen eine Strafuntersuchung durchgeführt wird und die Fährte zum osteuropäischen Verbrecher-Netzwerk Pink Panthers führt. Unter den jüngst Festgenommenen sind auch zwei Frauen; darunter eine 38-jährige Serbin, die im Hintergrund mitgewirkt haben soll.

Potenzielle Täter gibt es viele

Potenzielle Täter gibt es viele, ist man sich im Bauerndorf einig. Doch keiner der Dorfbewohner, mit denen die «Schweiz am Wochenende» sprach, kann sich vorstellen, dass einer der erzürnten Nachbarn sich zu einer solchen Tat hätte hinreissen können. Stattdessen schiessen die Spekulationen ins Kraut. Wilde, teils abstruse Geschichten machen die Runde.

An den Stammtischen wird gemunkelt, die Serbin, die nun verhaftet wurde, könnte Ivo Borers uneheliche Tochter sein – dessen wilden Zeiten in den Dorfspelunken entsprungen. Oder war es ein noch tragischerer Zufall, der die Verbrecher auf ihr zukünftiges Opfer aufmerksam machte? Borer soll ein Bienenhäuschen in der Nähe der Burg Landskron in Leymen besessen haben.

Ein Metzerler sagt: «Das Schicksal Ivos könnte sich auch dort besiegelt haben. Ein Gerücht macht die Runde, dass er dort mit Kriminellen vom Balkan in Berührung gekommen ist, die diesen Weg als Schmugglerroute benutzten.» Wurde er Opfer, weil er ihnen zu gefährlich wurde? Oder einfach, weil er «mit den Balkanesen wirtschaftete und wohl seine Rechnungen nicht pünktlich zahlte», wie ein anderer aus dem Nachbardorf sagt.

«weit fortgeschritten»

Neun Jahre liegt der Mord zurück, und endlich scheint eine Antwort auf all diese Fragen gefunden zu sein. Vom Familienanwalt Jgnaz Jermann, der den Medien gegenüber jeweils Red und Antwort stand, gibt es keine Auskünfte. Und die Staatsanwaltschaft Solothurn werde die Medien «aktiv» über den Verfahrensabschluss informieren.

Die Medienbeauftragte sagt, die Ermittlungen seien «weit fortgeschritten». Es scheint, als seien die Täter gefunden; doch die Motive, sie werden erst in den Prozessen ans Tageslicht kommen. Das wird zu reden geben an den Stammtischen im hinteren Leimental. Aber endlich werden die Gerüchte, die kursierten, Gewissheiten weichen.