Am Nachmittag des 30. April stellen Benjamin, Radenko und Elias, die diesjährigen Seewener «Stäcklibuebe», vier geschmückte Tännchen in die Vorgärten der Mädchen ihres Jahrgangs. So will es die Tradition. Wobei, was heisst schon Tradition?

«Zur Zeit unseres Grossvaters wurde das noch anders gemacht,» erklärt Carmen. «Die jungen Männer stellten die Bäume nur in die Gärten ihrer Auserwählten.» – «Heute bekommen wir alle einen Baum,» ergänzt Tamara lachend. «Und es gibt auch Stäcklimeitli.»

Die Stäcklibuebe stehen auf der «Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz». Nicht nur im Verlaufe der Geschichte hat sich dieser Brauch verändert, auch je nach Gemeinde wird er unterschiedlich gelebt. Als Stäcklibuebe wurden einst die stellungspflichtigen Männer bezeichnet. Man kann sich gut vorstellen, dass diese nach ihrer Musterung nicht direkt nach Hause gingen, sondern herumzogen und ihren Schabernack trieben. So könnte das «Verschleipfen» zum Brauch geworden sein, welchen die siebzehnjährigen Seewener an diesem Abend auch vollziehen: Sie sammeln Gegenstände aus dem Dorf ein, um diese auf dem Dorfplatz aufzutürmen.

Zuvor aber stellen sie noch gemeinsam den Maibaum auf. Larissa beginnt mit ihrem Sackmesser die roten und weissen Bänder zuzuschneiden. «Hey, Elias, hilf mal!» Ihr Umgang ist vertraut, gespickt mit liebevollen Scherzen. Sie haben bereits gemeinsam den Kindergarten besucht. Lisa freut sich schon auf das Verschleipfen der Gegenstände. Die Gemeinde hat Verständnis für diesen Teil des Brauches, schliesslich hatten einige Erwachsene ihn selber ausgeübt. In einer Sitzung mit der Gemeindeverwaltung wurde Radenko als Ansprechsperson bestimmt.

Tamara erklärt, dass sie bei älteren Menschen, die die Gegenstände schlecht wieder holen könnten, nichts mitnehmen werden. Und auch dort nicht, wo Bier steht. Die «Streich oder Belohnung»-Methode hat sich in Seewen etabliert. «Unser Vater hat vor elf Jahren zum ersten Mal Bier hingestellt,» berichten die Zwillinge Tamara und Carmen. An diesem Abend sind sie für den Grill verantwortlich. Aber zuerst muss noch dieser Baum stehen. Möglichst hoch soll die Maitanne sein.

Die Tanne wird geschmückt

Radenko, Elias und Benjamin fahren mit Töffli und Lieferwagen in den Wald. Mit einer Riesenspachtel schälen sie die Rinde des Baums ab, bevor ihn der Förster per Kran-Arm auf den Traktor hievt. Zurück im Dorf wird die Tanne geschmückt und mit den Namensschildern der Mädchen versehen. Elias hat die Namen in dünnes Metall gelasert, dieses auf schwarz bemaltem Holz befestigt und die Kanten ästhetisch abgerundet. «Das ist ja eine Deluxe-Variante!» sagen die Mädchen. Während die Jungs die Schilder an den Stamm schrauben, nimmt Larissa Lisa auf die Schultern, damit diese beim Schmücken die oberen Äste erreicht.

Auf dem Dorfplatz heben sie eine Dohle auf, der Kran richtet den Stamm auf und die Stäcklibuebe zirkeln ihn ins Loch. Die Tanne steht prächtig. Ein Gitternetz wird befestigt, zum Schutz vor den Leuten des Nachbardorfs. Ob denn das Verhältnis zu den Bürenern so angespannt sei? «Nein,» lachen sie, «das sind unsere Kollegen! Aber Streiche machen halt Spass.»

Den Spass haben sie auch, wenn sie nach dem Grillen die Gegenstände verschleppen. Nach dem Eindunkeln fahren sie mit dem Lieferwagen los und holen, was nicht niet- und nagelfest ist.

Am Morgen des 1. Mai stehen unter anderem Gartenbänke, ein Betonmischer und eine Heuballe auf dem Dorfplatz.