Museum.bl

Die Lügen sind fester Teil des Lebens und der Kunst

Der Pfau schlägt das Rad und brüstet sich mit seiner Schönheit.

Der Pfau schlägt das Rad und brüstet sich mit seiner Schönheit.

Die Ausstellung «Bschiss – Wie wir einander auf den Leim gehen» im Museum.bl befasst sich mit all unseren Täuschungsmanövern und zeigt wie eng Kunst und Lüge verbandelt sind.

«Lügen haben kurze Beine» ist ein typisches Sprichwort unserer calvinistisch geprägten Gesellschaft. Es ist selbst eine Lüge, wie so vieles, das sich als Wahrheit ausgibt. «Ich lüge sehr gut . . . Ich habe sogar einen Preis fürs Lügen bekommen, in der Schule . . .», erklärt das Mädchen Marie im Roman «Djinn» von Alain Robbe-Grillet, dem Mitbegründer des nouveau roman (1922-2008).

Sie erzählt weiter: «Im Logik-Unterricht machen wir dieses Jahr Übungen im Lügen zweiten Grades. Wir studieren auch die Lüge ersten Grades mit zwei Unbekannten. Und manchmal lügen wir mehrstimmig.»

Lügen, eigene Geschichten erfinden. Dadurch lernen Kinder die Welt begreifen. Um sie für sich zu erkunden, müssen sie eigene Welten erfinden, sich ihre eigenen Fantasieentwürfe schaffen. Davon erzählt uns die Ausstellung «Bschiss - wie wir einander auf den Leim gehen» im Museum.bl in Liestal leider nichts. Dafür erzählt sie nicht ohne feine Ironie uns folgende Wahrheit: «Lügner sind intelligent, einfühlsam, selbstbewusst, kooperationsfähig. Sie wissen, dass sich gegenseitiges Vertrauen lohnt.»

Kunst ist Lüge, Lügen eine Kunst

Lügen ist eine Kunst, ist als Aussage unserer Realität viel näher. Die Kunst selbst baut auf Lügen - oder vielmehr: Sie löst jede Trennung zwischen Lüge und Wahrheit auf. Wer Geschichten erfindet, der sagt bewusst nicht die Wahrheit - die ist ohnehin zu langweilig. Grosse Literatur ist eine virtuose, uns verzaubernde Lügnerin. Aber jede erfundene - erlogene - Geschichte hat ihre eigene Wahrheit. Das bringt wiederum arg durcheinander, was unsere Moral so gerne scharf trennt.

Davon erzählen uns die literarischen Geschichten in der vom Museum.bl edierten Publikation zur Ausstellung. Der «Lügenband» mit Texten von Basler Autorinnen und Autoren ist ein Schmuckstück. In der Ausstellung selbst haben Kunst-Geschichten kaum Raum. Immerhin ist da der Satz: «Redekunst ist ein Spiel mit der Wahrheit». Das ist so im Alltag wie in der Kunst.

Die Welt will betrogen sein

Über das enge Verhältnis von Lüge und Kunst erfahren wir (noch am Sonntag) im Stadtkino Basel in Orson Welles «F for Fake» viel mehr. Welles grandioses Spätwerk arbeitet lustvoll mit Täuschungen. Und es erzählt uns die Geschichte des virtuosen ungarischen Kunstfälschers Elmyr de Hory. Als er mit seiner eigenen Kunst nicht auf das Interesse von Galeristen stiess und am Hungertuch nagen musste, brachte er ihnen einen selbst gefertigten Modigliani. Die Kunstfachmänner fielen auf den Trick herein und kauften das Bild für gutes Geld - und auch weitere.

Die Welt will betrogen sein. Darüber wiederum weiss die von Sabine Häberli gut kuratierte und übersichtlich inszenierte Ausstellung im Museum.bl einiges humorvoll zu erzählen. Die Kunstfälschung wird hier im Kapitel Betrug, der ein Strafdelikt ist, aber etwas trocken thematisiert. Hier sind zudem Fälschungen von Versteinerungen, von Schmuckstücken ausgestellt. Die Modeartikel grosser Marken - von Jacke bis Tasche - werden gefälscht. Wer sie sich bei den fliegenden Händlern beschafft, macht sich strafbar. Das Geschäft floriert, obwohl jeder und jede den Schwindel erkennt. Markenartikel sind Identitätsstifter. Man umgibt sich mit dem Glanz von Reichtum.

Legenden und Mythen

Täuschungen gehören in der Natur schlicht zum Überlebensprinzip, das zeigt die Ausstellung gut auf - auch mit schönen Videobeispielen. Im Spiel um Liebe, Begehren und Verführung Lockstoffe setzten Tiere wie Menschen Lockstoffe ein, rücken sich buchstäblich ins beste Licht.

Was wäre unsere Geschichte ohne Lügen, ohne Täuschung? Wir wären ohne Legenden, ohne Mythen. Die Legenden erzählen uns Wahrheit, gerade indem sie uns belügen. Und das christliche Gebot «Du sollst nicht falsches Zeugnis reden gegen Deinen Nächsten»: Es sagt nur, dass man über andere nicht lügen erzählen soll, die ihnen schaden. Ein generelles Lügeverbot ist es nicht. Als das wurde es erst in einer auf Machtstrukturen bauenden kirchlichen Moral.

Dass die antiken Götter des Olymps logen, dass sich die Balken bogen, wissen wir und ist hier kurz und gut thematisiert. Politiker - nicht nur sie, sondern wir alle - stehen ihnen in nichts nach. Die Ausstellung weist auf die bekannten Politikerlügen hin - hier ist sie weniger originell. Eigens produziert ist ein Video, das Baselbieter nach ihrem Verhältnis zu Lüge befragt. Wie sehr unsere Mentalität, die Moral vom Lügeverbot geprägt ist, wird deutlich. Ebenso wie wir dennoch ungeniert lügen und schwindeln - ob es nun Lügen mit einer oder mehreren Unbekannten sind.

Bschiss Museum.bl, Liestal, bis 30. Juni 2013. Dazu gibts das Buch «Lügenband».

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