Verkehr

Der SBB fehlen tausend Lokführer: Weshalb das Läufelfingerli einen ganzen Tag still stand

Das «Läufelfingerli» fuhr am Samstag zwischen Sissach und Olten nicht. Denn die SBB können schon seit geraumer Zeit nicht genügend Lokführer aufbieten. Am Samstag privilegierte die Bahn deshalb Regio- und Fernverkehrslinien und verzichtete auf die lokale Verbindung zwischen dem Kanton Solothurn und dem Baselbiet. Stattdessen fuhren Ersatzbusse der Gesellschaft Bus Olten Gösgen Gäu (BOGG).

Dass die SBB den Anschluss nicht wie gewöhnlich gewährleisteten, missfiel den betroffenen Kantonsbehörden stark. Diese sind nämlich Besteller und Bezahler des Bahnangebotes. Kjell Kolden, Abteilungsleiter Öffentlicher Verkehr des Kantons Solothurn, bringt es auf den Punkt: «Wir haben gar keine Freude an diesem Vorfall». Er selber erfuhr vom samstäglichen Grounding des «Läufelfingerli» erst aus der Berichterstattung dieser Zeitung.

Der Kanton Solothurn «besteht darauf, dass die SBB ihrer Transport- und Betriebspflicht nachkommt», sagt Kolden weiter. Einen unvorhergesehenen Bahnbetriebs-Unterbruch könne es mal geben – aber nicht in diesem Umfang. «Was wir keinesfalls akzeptieren, sind allfällige betriebswirtschaftliche Gründe für einen Unterbruch des Bahnbetriebs und einen Busersatz – das ist nicht das, was wir bestellt haben. Wir bestehen auf die Einhaltung der Vereinbarungen.»

Lesen Sie dazu unser Kommentar: 

Wenn Züge aus Personalmangel nicht fahren, missachten die SBB ihren Auftrag

Tausend Lokführer fehlen den SBB

In Baselland herrscht eine ähnliche Stimmung: «Die SBB sind verpflichtet, die bestellten Leistungen zu erbringen. Es kann nicht sein, dass ein Lokführer abgezogen und auf einen Fernverkehrszug umgeteilt wird», sagt Catia Allemann von der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion. Der Kanton wolle abklären, ob es tatsächlich so stattgefunden hat und der Lokführer nicht einfach ausgefallen ist. Da es sich um ein einmaliges Ereignis handelt, werde der Kanton keine Massnahmen ergreifen.

Der Betriebsdirektor der BOGG, Toni von Arx, erklärt, dass sein Busunternehmen schon mehrmals für diese Strecke den Bahnersatz gewährleistet habe. Allerdings sei das bisher wegen Baustellen und Renovationsarbeiten geschehen. «Es ist das erste Mal, dass wir wegen Lokführermangels den Bahnersatz leisten müssen», erklärt Von Arx. Auch er habe erst am Freitagabend die Anfrage erhalten.

Im Juni 2019 berichtete der «Blick», dass den SBB um die 1000 Lokführer fehlten. Jeden Tag mangle es an deren 30. Überstunden und Streichung von Feiertagen seien laut Gewerkschaften Gang und gäbe. Ein Problem, das der SBB schon seit vielen Jahren bewusst sein müsste, kritisierte der Lokomotivpersonalverband im «Blick». Nun haben die SBB gerade erst eine Kampagne gestartet, die sich speziell an Menschen über 40 richtet, um den Personalbedarf zu decken. Allerdings verliert der Job immer mehr an Attraktivität: Laut «Blick» betragen der Ausbildungslohn knapp 45'000 Franken und der Einstiegslohn 70'355 Franken.

Dieser Zeitung wollten die SBB vor Redaktionsschluss keine Auskunft geben, rechtfertigte sich aber auf Onlinereports.ch: «Die SBB hat in den letzten Jahren die Rekrutierung zu defensiv geplant, da wir eine zweijährige Vorlaufzeit haben und nicht immer im Voraus alle Einflussfaktoren abschätzen können. Wir werden die Bedarfsplanung verbessern.» Die Bahn rechnet auch im kommenden Jahr mit Zugsausfällen wegen zahlreicher Extrazüge an Grossevents und Bauarbeiten: «Wir können deshalb nicht ausschliessen, dass es erneut zu Ausfällen solcher Art kommt. Die SBB unternimmt ihr Möglichstes, um dies zu verhindern.»

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