Orange Vorhänge, Parkettboden, Holztisch, Figürchen in einem Setzkasten, Zimmerpalme. Der Raum könnte die Praxis einer Psychologin sein, das Beratungszimmer einer Homöopathin oder eines Farbtherapeuten. Aber es ist das Arbeitszimmer eines Mediums. Es heisst Herbert Kunz. Hier nimmt er Kontakt auf. Kontakt mit dem Jenseits.

Die Verstorbenen finden den Weg ganz alleine zu ihm nach Hochwald. Sie verfahren sich nicht wie so mancher Klient oder Besucher. Sie sind einfach plötzlich da, in der Praxis seines Hauses am Waldrand, wo der 57-Jährige mit seiner Partnerin lebt.

Oberlippenbart, Kurzarmhemd, fester Händedruck: Kunz könnte auch als Abteilungsleiter in einer Gemeindeverwaltung durchgehen. «Ich bin keiner, der vor der Kristallkugel sitzt», sagt er, «und plötzlich flackert das Licht und die Katze rennt davon.»

Der Bub, der zuviel sah

Er könne sie sehen, hören, spüren, die Menschen, die nicht mehr unter uns weilen. Schon immer habe er die Gabe besessen, sich mit Seelen oder Geistwesen zu verbinden. Fünf oder sechs Jahre alt müsse er gewesen sein, als er das erste Mal festgestellt habe: «Bei mir ist irgendetwas anders.» Seine Eltern – liebevolle Menschen, wie er betont – wussten auch nicht so recht wie umzugehen mit ihrem speziellen Bub. Unangenehm sei das gewesen, verunsichernd, schlimm.

Es mussten aber fast nochmals drei Jahrzehnte vergehen, bis Kunz seine übersinnlichen Fähigkeiten nicht mehr unterdrückte, sondern als Talent betrachtete und förderte. «Ich war Mitte 30, als ein Freund von mir sagte, er kenne ein Medium. Das machte mich neugierig. Ich ging in eine Sitzung. Dann traf ich noch ein weiteres Medium. Mein Interesse war wieder geweckt.» Kunz, der in Dulliken bei Olten aufgewachsen ist, besuchte Schulungen in Basel und in England. Zuvor hatte er aber einen anderen Weg eingeschlagen: Er arbeitete als Primarlehrer in Solothurn, später bildete er sich zum Heilpädagogen weiter, dann auch zum Familientherapeuten.

Heute verdient Herbert Kunz sein Geld als Medium und Berater. Er veranstaltet sogenannte mediale Abende, daneben bietet er Einzelstunden an. Eine Sitzung dauert eine Stunde. Gegen einen kleinen Aufpreis nimmt er sie auf CD auf, die Klienten könnten das Gespräch dann zu Hause nachhören. Mit 40 hängte er eine Schreinerlehre an. Die Arbeit mit Holz erde ihn.

Den Ausdruck Hellseher mag er nicht so sehr. Er könne ja mehr als «nur» sehen. Schamane oder Wahrsager will er sich auch nicht nennen. «Da schwingt der Hexer mit, oder Zauberer, der mit dem Stab herum fuchtelt.» Es gebe schon genügend unseriöse Gestalten in seinem Metier. «Da muss ich vorsichtig sein, wie ich auftrete.»

Die Toten hätten so ihre Eigenarten, erzählt Kunz, der sich als tief religiös bezeichnet, aber aus der Kirche ausgetreten ist. Er könne nichts erzwingen. «Es ist kein Wunschkonzert. Die Seelen geben sich zu erkennen oder halt nicht.» Meistens wisse er aber schon vor der Ankunft des Klienten, dass da noch ein Gast zu ihnen stossen werde. «Aber dann habe ich noch keine Zeit, mich auf die Verstorbenen einzulassen. Die müssen sich noch etwas gedulden, bis die Sitzung begonnen hat.»

Kunz bezeichnet seine Dienstleistung als mediale Beratung. Seine Klienten stünden fast immer an einem Punkt in ihrem Leben, wo sie Rat benötigten. «Das kann eine wichtige Entscheidung sein. Oder sie betreten Neuland, sind verunsichert. Andere leiden unter Konflikten oder stehen unter Trauer.»

Grüsse aus dem Jenseits

Die Verstorbenen seien eine grosse Hilfe für die Hinterbliebenen, sagt Kunz. Sie könnten helfen, Argumente zu erörtern, Entscheide zu fällen. Aber woher wissen die Toten denn so viel? «Ich glaube», sagt Kunz, «dass man nach dem Tod auf eine Ebene gelangt, wo man universelles Wissen erlangen kann.»

Auch Familien berät Kunz. Gerade solche, die festgestellt hätten, dass ihr Kind anders sei. Weil es zum Beispiel Leute sieht an einem Ort, wo gar niemand steht. «Das sind dann Kinder, wie ich eines war. Diesen Kindern muss es gut gehen. Das ist mir wichtig.»

Zum Ende des Treffens will Kunz wie vereinbart eine Sitzung mit dem Journalisten durchführen. Die Kontaktaufnahme beginnt. Er wirkt konzentriert, hält seinen Kopf gesenkt, die Augen sind fast geschlossen. Ab und zu atmet er stossartig aus. Dann beginnt er zu erzählen. Meine Grossmutter spreche jetzt zu ihm. Er beschreibt sie. Eine energische Frau sei sie gewesen; eine, die immer alle Fäden in der Hand halten wollte. Das habe sie irgendwann überfordert. Sie rät mir, den Schritt endlich zu wagen, den ich mir schon lange vorgenommen habe.

Es folgen Angaben zu meinem kurz vor ihr verstorbenen Grossvater, also ihrem Mann, zu meinen Geschwistern und zu meiner Mutter. Manche Tipps und Hinweise sind sehr offen gehalten und vage – andere erstaunlich präzis. Er landet ein paar Volltreffer.

Er wusste von nichts

Ob Herbert Kunz tatsächlich mit Verstorbenen kommunizieren kann oder ob er telepathische Fähigkeiten besitzt, – also die Gedanken und Erinnerungen seiner Klienten «lesen» kann – das lässt sich nach dieser Kurzsitzung nicht beantworten. In jedem Falle aber beherrscht er sein Handwerk. Und falls er ein Betrüger ist, dann ist er ein guter. Denn ich habe niemandem gesagt, dass ich gerne mit dieser Grossmutter reden wollte. Auch gegenüber ihm habe ich das nicht erwähnt. Nie. Er wäre also gar nicht in der Lage gewesen, irgendwelche Recherchen anzustellen.

Er wolle im Vorfeld nichts über die Verstorbenen wissen, sagt er. Das halte er bei allen Klienten so – ganz bewusst: «Schliesslich muss ich ja auch irgendwie beweisen, dass es das gibt, das Leben nach dem Tod.»