Plötzlich ging es schnell bei Baoshida Swissmetal. Am 19. Juli wurde der Geschäftsführer Claudio Penna vom chinesischen Besitzer auf die Strasse gestellt. Fünf Tage später trat die BDO AG als Revisionsstelle von Baoshidamit sofortiger Wirkung zurück. Der Verwaltungsrat der Firma reagiere nicht auf Korrespondenz und zeige keinerlei Kooperationswille, heisst es in der Begründung, die der «Schweiz am Wochenende» vorliegt.

Die BDO war es auch, die vor Gericht gegen die Firma wegen Überschuldung Anzeige erstattete. Immerhin konnte Baoshida Swissmetal Anfang dieser Woche kommunzieren, dass ein Konkursaufschub gewährt wurde. Doch die Firma steht vor dem Nichts – wieder einmal.

Ein Pfarrer setzte sich ein

Im Frühjahr 2006 spricht Marc Balz in der Werkhalle von Swissmetal im Bern-Jurassischen Reconvilier, seinen Worten lauschen 500 Menschen. Balz ist Pfarrer des kleinen Dorfes und in Alarmzustand. Der grösste Arbeitgeber in der Gemeinde wird bestreikt. 350 Arbeiter haben die Arbeit niedergelegt. Jeden Tag gehen sie ins Werk, setzen sich an Tische, lesen Zeitung, vertreiben sich die Zeit mit Gesellschaftsspielen und warten. Balz setzt sich für die Arbeiter ein. Wie das ganze Dorf: Seit dem gestreikt wird, zeigt sich die Dorfbevölkerung solidarisch mit der Belegschaft der Swissmetal. Die Dorfbäckerei verteilt gratis Brot an die Betroffenen, Unbeteiligte zahlen in die Streikkasse ein.

Die Unia will ein Zeichen setzen, und bittet den Pfarrer darum, einen ökumenischen Gottesdienst abzuhalten. «Für mich war damals klar, dass ich ja sage», sagt Balz zwölf Jahre später gegenüber der «Schweiz am Wochenende». Er könne sich noch gut an die Solidarität erinnern, die im Dorf geherrscht hatte. Gemeinsam gegen die Firmenoberen, die so viele Leute auf die Strasse stellen wollten. «Einige weinten, verloren die Nerven, hatten das Bedürfnis darüber zu berichten, was in ihnen vorgeht», erinnert sich Balz. Erst nach über einem Monat war der Streik zu Ende.

Die Geschichte von Swissmetal ist eine voller Restrukturierungen und Personalabbau. Bereits der Start von Swissmetal war eine Restrukturierung. 1989 wurden die Firmen Bueche, Boillat et Cie., die Dornacher Metallwerke und die Schweizerischen Metallwerke Selve fusioniert. An vorderster Front war damals einer, der später als Milliarden-Pleitier in die Wirtschaftsgeschichte eingehen sollte: Werner K. Rey. Die Produktion wurde auf die Werke in Dornach und Reconvilier verteilt, der Rest geschlossen.

Über die Jahre schrumpfte die Belegschaft in regelmässigen Abständen von 2000 auf noch 170 Mitarbeiter. Im August 2011 traf es auch das Werk Dornach hart. Die Bank Paribas liess den Produktionsstandort als Kreditsicherheit temporär schliessen. Vor der Paribas-Filiale in Basel demonstrierten rund 80 Arbeiter. Sie skandierten «Mir wänn schaffe», schwenkten Unia-Fahnen, schrieben mit Kreide «Swissmetal bleibt» auf den Boden vor der Bank. Am Ende mussten in Dornach trotzdem 180 Arbeiter gehen. Die Firma wurde in die Nachlassstundung geschickt. Erst 2016 wurden 10 Millionen Franken an noch ausstehenden Löhnen ausbezahlt. Heute arbeiten in Dornach noch 93 Mitarbeiter.

Baoshida-Chef im Fokus

Die chinesische Baoshida kaufte aus der Liquidationsmasse 2013 die Werke in Dornach und Reconvilier sowie den Namen Swissmetal. Die Übernahme war eine der ersten in der Schweiz durch einen chinesischen Konzern. Viele weitere sollten folgen. Als Verwaltungsratspräsident der Baoshida Swissmetall trat von da an der Chinese Xingjun Shang auf. Er ist gleichzeitig Chef des gesamten Konzerns mit 3000 Mitarbeitern. Das Unternehmen arbeitet vor allem in der Kupferverarbeitung. Im Zuge des Konkursaufschubs von Swissmetal von dieser Woche ist nun aber auch Shang ins Visier der Ermittlung geraten.

Gerichtsunterlagen zum Konkursaufschub ist zu entnehmen, dass Shang möglicherweise Handlungen begangen hat, die für die Gesellschaft nachteilig gewesen sind. Dies sagten laut den Unterlagen die Revisionsstelle, Mitglieder des Managements und Kunden. Shangs Zeichnungsberechtigung wurde deshalb auf gerichtliche Anweisung hin gelöscht.

Was die Gesellschaft noch am Leben erhält, ist die Intervention zweier Kunden, der Vardeco SA und TE Connectivity. Diese hatten beantragt, dass ein Konkursaufschub gewährt wird. Dem hat das Gericht zugestimmt. Bis April 2019 hat Baoshida Swissmetal nun Zeit, eine Lösung für die Überschuldung zu finden. Bis dahin müssen die Arbeiter darauf hoffen, dass alles gut kommt. Und dass zumindest die letzten Arbeitsplätze der einst stolzen Dornacher Metallwerke gerettet werden können.