Die Schuhe. Patrick Schlenker ist nicht ganz zufrieden. Alle Uniformen, die er und seine acht Kameraden an jenem verregneten Sommersonntag tragen, sind Originale aus dem Ersten Weltkrieg, die seit jener Zeit gepflegt wurden und im Museum oder auf dem Dachboden überdauerten. Der farbige Bommel auf dem Helm, der sogenannte Pompon, weist auf die dritte Kompanie hin, die Nummer auf der Helmfront auf das 115. Füsilier-Bataillon; die zweifarbige Kokarde davor zeigt den Kanton Luzern an, die Abzeichen auf der Schulter oder am Ärmel den Rang des Soldaten. Schlenker trägt die eines Hauptmannes.

Auch die Schuhe der Soldaten sind allesamt Originale aus den Zehnerjahren des vergangenen Jahrhunderts: keine Gummisohlen, nur rutschiges Leder – auf den nassen Holzplanken nicht ungefährlich. Schuhe mit seitlich beschlagenen Nägeln habe es aber erst in späterer Zeit gegeben, meint Schlenker, als er an sich hinunterblickt und die Schuhe mit denen seiner Kameraden vergleicht. Das ist ein Stückchen Perfektion, das es noch zu erreichen gilt.

Zwei Meter tief gegraben

Wenn Patrick Schlenker und seine Kameraden vom militärhistorischen Verein «Rost und Grünspan» wie an jenem Sonntag auf dem Spitzenflüeli am Hauenstein Krieg spielen, tun sie das mit aller Seriosität und möglichen Authentizität. Ohrringe, Piercings, lange Haare müssen verschwinden. Selbst Koteletten sind keine erlaubt: «Es gibt kein Bild der Schweizer Armee, auf denen man Koteletten sieht», erklärt Schlenker. «Und Vollbärte waren für Offiziere nicht erlaubt.»

«Krieg spielen», das ist allerdings ein Ausdruck, den Schlenker gar nicht gerne hört. «Wir sind keine Schauspieler und auch keine Live-Rollenspieler», definiert Schlenker sein Hobby. «Re-enactment», nennt sich das auf Englisch, was Schlenker und seine Kameraden tun, offiziell: das möglichst authentische Nachstellen historischer Menschen in ihrer Umgebung, in diesem Falle von Schweizer Soldaten des Ersten Weltkrieges.

Das tun die Kameraden jedes Jahr am Wehrmännerdenkmal in Laufen, bei historischen Veranstaltungen in Museen und eben auf dem Spitzenflüeli zwischen Langenbruck und Eptingen. Über den Hauenstein erstreckt sich über gut 30 Kilometer die gleichnamige Fortifikation. 60 Meter davon haben die Mitglieder von «Rost und Grünspan» seit 2002 wieder freigelegt und funktionstüchtig hergerichtet. Dabei mussten sie stellenweise zwei Meter Erde aus den Schützengräben ausheben und neue Laufplanken aus Holz fertigen. Ausserdem wurde das Telefonnetz reaktiviert.

Schlenker lässt seine Männer in Reih und Glied antreten. Die Darsteller sind Überraschungsteil einer historischen Führung von Tourismus Baselland, die an jenem Sonntag das Spitzenflüeli besucht. Als die Besuchergruppe den Schützengraben erreicht, nehmen alle Soldaten auf Schlenkers Befehl Gefechtsposition ein. Schlenker erklärt den Besuchern alles Wissenswerte über die Fortifikation und seinen Verein; danach dürfen sie sich den Schützengraben selbst anschauen.

Originaluniformen seit 1847

Die Re-Inakteure von «Rost und Grünspan» besitzen Originaluniformen Schweizer Soldaten vom Sonderbundskrieg bis zum Zweiten Weltkrieg in unterschiedlichem Ausmass. Viele sind noch in anderen Vereinen oder Gruppen aktiv; Schlenker selbst hat sein Hobby zum Beruf gemacht und arbeitet in Basel als historischer militärischer Berater und Kostümverleiher. Die Vereinsmitglieder kommen aus der ganzen deutschsprachigen Schweiz und dem nahen Südbaden – ebenfalls authentisch übrigens, denn laut Schlenker gab es durchaus eingebürgerte Deutsche, die während des Ersten Weltkriegs in der Schweizer Armee dienten.

Das 115. Infanterie-Bataillon wurde übrigens 1912 aufgelöst – doch aus ihm sind am meisten Uniformabzeichen erhalten. «Wir wollten keine bestimmte Einheit während des Krieges glorifizieren», begründet Schlenker diesen Bruch mit der Authentizität. Seit gut fünf Stunden sind die Re-Inakteure nun im Schützengraben; auch hier beginnt die Authentizität langsam zu bröckeln. Einzelne Kameraden verabschieden sich zu Familienfeiern; andere tragen die Utensilien zu ihren Autos. Und sicher wird auch Schlenker daheim wieder in bequemere Schuhe schlüpfen – ohne Nägel an der Seite, dafür aber mit rutschfesten Gummisohlen.