Schwarzbubenland

Das solothurnische Abwasser in den regionalen Kläranlagen stinkt nicht

Christoph Bitterli öffnet das Gatter zur Abwasserreinigungsanlage in Bretzwil. Es verwundert, wie «normal» es hier riecht. Der Baselbieter Leiter der Abwasser- und Entsorgungsbetriebe räumt gleich mit einem hartnäckigen Vorurteil auf: In Kläranlagen stinkt es nicht

Stinken tut es aber den unabhängigen Forschern des Gewässerschutz Nordwestschweiz, deren Proben zufolge mehrere Bäche im Schwarzbubenland und Baselbiet durch Trübungen, Schlamm und Fadenalgen verschmutzt seien, weil viele der Solothurner Anlagen überlastet seien. Zu den beanstandeten Bächen gehört auch der Seebach, an der die Bretzwiler ARA liegt. Deshalb machen sich Bitterli und seine Solothurner Amtskollegin Chantal X. Schmitt auf ins Seebachtal, um der bz zu zeigen, wie das Abwassersystem der beiden Kantone funktioniert.

Siedlungs-ARA wie in Bretzwil stinken nicht, weil sie nur Küchenabfälle, Duschwasser und Fäkalien verarbeiteten. Zeitweise werden die Abwässer mit Regenwasser bis zu 100-fach verdünnt in das 180 Kubikmeter grosse Auffangbecken gespült, von wo wiederum 8 Liter pro Sekunde dosiert in den Rechen abgegeben werden, der die Feststoffe ab einem Millimeter Grösse ausfiltert. Laut Bitterli sind das Geld, Zahnbürsten, Binden, Gebisse – was eben beabsichtigt oder unbeabsichtigt im Klo verschwinde. Dieser Abfall fault in einem Sack vor sich hin – deshalb riecht es im Rechenraum doch etwas streng nach Katzenklo.

Während der Festabfall regelmässig zur Verbrennung gebracht wird, fliesst das Abwasser in die biologische Reinigung, einem kleinen Becken, durch das das Schmutzwasser gemächlich hindurchfliesst. Im Becken finden sich Bakterien, die die organische Masse abbauen, allerdings wie erwähnt mit Sauerstoff und damit geruchsarm. Auch in Birsfelden, Therwil oder Sissach, wo die Kläranlagen direkt in der Siedlung liegen, gibt es laut Bitterli keine Beschwerden über Gestank.

Der Schlamm, der durch die biologische Reinigung entsteht, setzt sich im fünf Meter tiefen Nachklärbecken ab. Er werde nicht mehr wie früher in der Landwirtschaft verwendet, sondern verbrannt. Laut Bitterli werden in Bretzwil 95 Prozent der Stoffe abgebaut, bevor das Wasser in den Seebach gelassen wird. «Eine Riesenleistung mit einem relativ einfachen System», findet Kollegin Schmitt.

Gut zwei Kilometer bachabwärts liegt die gemeindeeigene ARA von Seewen. 1982 wurde sie gebaut und ist schon länger sanierungsbedürftig. Schmitt legt Wert darauf, dass die ARA Seewen trotz ihres Alters ihren Dienst versehe: «Auch hier ist die Reinigungsleistung 95 Prozent.» Wenn es Überschreitungen der Grenzwerte gebe, handle es sich etwa um 20 statt der erlaubten 10 Milligramm gelöster organischer Substanzen. Mehrmals jährlich werte der Kanton Proben der ARA aus; die Daten seien öffentlich.

Sanierung oder Anschluss?

Im Hinblick auf die Kritik des Gewässerschutz Nordwestschweiz kann Schmitt nicht ausschliessen, dass Schmutzwasser durch Fehlanschlüsse eines Privatgrundstücks in die Bäche gelangt. Gar zu Fischsterben könne es kommen, wenn in einem Trennsystem Autowäsche oder Pflanzenschutzmittel direkt in den Bach flössen. Der Bund plane deshalb mit der Landwirtschaft ein Pilotprojekt zum Schutz des Oberflächenwassers. Bei Starkregen sei es ausserdem Teil des Systems, dass das hoch verdünnte Schmutzwasser direkt in die Bäche laufe, um die ARA nicht zu überlasten.

Seewen muss nun eine Entscheidung treffen: Die Gemeinde liege in einer Grundwasserschutzzone, wo nach heutigem Gesetz ARA nicht zulässig sind. Erst, wenn die Zone verlegt werde, sei eine teure Sanierung möglich. Deshalb überlege die Gemeinde, ob ein Anschluss an die ARA in Birsfelden über Duggingen nicht günstiger wäre. Ein Entscheid wird 2014 erwartet.

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