Von Donnerstag bis Samstag hält die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft im Dornacher Goetheanum ihre Jahrestagung samt Generalversammlung ab. Eingebettet in ein Veranstaltungs- und Eurythmie-Programm tagen die Entscheidgremien und haben gewichtige Beschlüsse zu fassen. Nur in einem Punkt herrscht grosse Einigkeit: Ita Wegman, die letzte Gefährtin Rudolf Steiners, die nach dessen Tod in Ungnade gefallen war, soll rehabilitiert werden.

Sprengkraft hat hingegen die Zusammensetzung des Vorstandes der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Bis 2011 galt, dass lebenslang dem Gremium angehört, wer einmal berufen wurde. Zwar gilt weiterhin, dass sich der Vorstand durch sogenannte Kooptation selbst erneuert. Doch immerhin muss sich ein Mitglied nun alle sieben Jahre einer sogenannten «Zäsur» stellen und von der Generalversammlung im Amt bestätigt werden. Die ersten, die sich dieser Neuerung stellen müssen, sind die langjährigen Vorstände Bodo von Plato und Paul Mackay.

Der Gesamtvorstand, unterstützt von der Goetheanum-Leitung und der Konferenz der Generalsekretäre, wirbt für ihre Kollegen nicht zuletzt «mit Blick auf die gegebene menschliche Konstellation». Ein publizierter Briefwechsel der Anthroposophischen Gesellschaft der Schweiz zeigt jedoch, dass sich zumindest die schweizerische Landesgesellschaft «einstimmig gegen die Verlängerung des Mandats und für einen personellen Neuanfang» ausgesprochen hat.

Die oppositionelle Haltung hätte «vertraulich» behandelt werden sollen. Sie wurde jedoch publik, weil die italienische Sektion in einem Schreiben offenlegte, die Schweizer Landesgesellschaft habe die Bitte geäussert, von Plato und Mackay sollten von ihren Ämtern zurücktreten.

Heftige Kritik an Vorständen

Ein offenes Wort gegen eine Bestätigung führt Frieder Sprich, der Leiter der Finanzabteilung im Goetheanum. Er kritisiert in einem aktuellen Schreiben, dass es selbst für «abteilungsleitende Mitarbeiter so gut wie unmöglich ist, zu wissen, was denn in der Goetheanumleitung wirklich konkret vorgeht». Bodo von Plato kreidet er an, dass sich dieser über «Digitalisierung und Globalisierung» Gedanken mache und sich höheren Aufgaben widme: «Aber wäre es nicht schön, wenn man nach den vielen Jahren der Tätigkeit einmal erfahren dürfte, worin denn diese bestehen?» Dem zweiten Kandidaten Paul Mackay wirft Sprich «Aktivismus» vor und konstatiert: «Was nicht von höheren Prinzipien abgeleitet ist, verliert sich in einem sinnlos-geschäftigen Umtrieb und Herumstochern im Unwesentlichen.»

Das Hauptargument für eine Nicht-Bestätigung sind für den Finanzfachmann jedoch die Millionenverluste der Bewegung und die bisher gescheiterten Versuche, die Finanzen trotz verschiedener Sparrunden ins Lot zu bringen. An die Adresse der Generalversammlung schreibt Sprich: «Ich lege Ihnen sehr ans Herz, in diesem Jahr die Rechnung nicht zu genehmigen und den Vorstand nicht zu entlasten.»

Gemäss den vorliegenden Unterlagen hat die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft das Geschäftsjahr 2017 mit einem operativen Verlust von 3,7 Millionen Franken abgeschlossen, was dem Dreifachen des budgetierten Defizits entspricht. In den vergangenen sechs Jahren ist damit gemäss einer Darstellung des kritischen Anthroposophen Thomas Heck eine Unterfinanzierung in Höhe von 15 Millionen Franken aufgelaufen, und für das laufende Jahr wird erneut ein operativer Fehlbetrag von 1,4 Millionen Franken erwartet.

Dank der Auflösung von Reserven und dank ausserordentlichen Legaten konnten in den vergangenen Jahren die Fehlbeträge in der Schlussrechnung minimiert werden. Für den Abschluss 2017 wurde zu diesem Zweck auch die Beteiligung am anthroposophischen Kosmetik- und Gesundheitskonzern Weleda buchhalterisch um eine Million Franken aufgewertet.

Reserven gehen zur Neige

Die stillen Reserven sind nun aber zu einem grossen Teil aufgebracht, seit vergangenem Jahr ist das Eigenkapital nach eigenen Angaben negativ. Nicht angetastet sind bisher die rund vierzig Immobilien in Dornach mit rund hundert Mietverträgen, die «fast ausschliesslich den Mitarbeitenden am Goetheanum mit relativ günstigen Mieten zur Verfügung stehen.» Nach verschiedenen, einschneidenden Sparrunden muss aber bis spätestens 2019 ein «tragfähiges wirtschaftliches Konzept» ohne strukturelle Defizite vorliegen. Die Zentrale schielt dabei auf die mehr als 10'000 Einrichtungen, die sich der Anthroposophie verpflichtet sehen, ohne einen Obulus an das Goetheanum zu entrichten.

Für die Kritiker ist eine finanzielle Gesundung nur ohne von Plato und Mackay zu leisten. Es wäre nicht ohne Ironie, wenn an der gleichen Jahrestagung die einst aus dem Vorstand vertriebene Ita Wegman rehabilitiert wird – und gleichzeitig zwei aktuelle Vorstände vertrieben würden.