Theater

Bühnenkunst: Wenn das Mammut zum Kaffeekränzchen einlädt

(Symbolbild)

Spielt auch in dem Stück mit: Das Mammut.

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Das Neue Theater in Dornach zeigt Jens Nielsens «Lomonossow» als Teil der Stückbox-Reihe, die es seit 2015 gibt. Viermal im Jahr erarbeitet Regisseurin Ursina Greuel mit einem wechselnden Team einen Theaterabend, wobei der Text im Zentrum steht.

Es ist eine skurrile Geschichte vom Feinsten: Im Jahre 2032 – das Eis am Nordpol ist bereits geschmolzen– treffen im ersten Café der Arktis Verstorbene, Ewiglebende, eine Rentierfrau und ein aufgetautes Mammut aufeinander und reden über ihre Vergangenheit. Sie halten Hasstiraden gegen Russen und erzählen von dänischen Spioninnen, fachsimpeln über das Klima und zitieren aus umfassenden Lebensläufen.

So lernen sich die vier wirren Gestalten mit der Zeit kennen, werfen sich verliebte Blicke zu oder inszenieren sich als Mobbingopfer. Irgendwie ist niemand wirklich fassbar, aber das ist auch gar nicht weiter wichtig: Zu amüsant sind die Wortspiele, zu überzeugend die Darstellenden. Familienverhältnisse werden geklärt und gleich wieder verwischt: «Esther war mein Bruder. Als Esther noch ein Junge war, hiess er Estrich.»

Ein Stück, das vom Text lebt

Zu Beginn irritierend und konfus, entpuppt sich «Lomonossow» schnell als grandioser Theaterabend. Als Teil der Stückbox-Reihe gliedert er sich in die Serie der ungeschmückten Rohwerke ein, die es seit 2015 gibt: Viermal im Jahr erarbeitet Regisseurin Ursina Greuel mit einem wechselnden Team aus Schreibenden und Spielenden einen Theaterabend, der sich durch Schlichtheit auszeichnet. Nur fünfzehn Tage lang wird geprobt, auf aufwendige Requisiten wird verzichtet. Der Text steht dabei im Zentrum.

Die Idee hat sich in der Vergangenheit bereits bewährt: Acht Produktionen wurden bis anhin aufgeführt, zwei davon wurden zu Gastspielen in der ganzen Schweiz eingeladen. Auch bei Jens Nielsen ist das Konzept äusserst ansprechend: Sein «Lomonossow» ist ein fantastisches, kurzweiliges Stück. Der Autor, der dieses Jahr für seine gesammelten Radiokolumnen «Flusspferd im Frauenbad» den Schweizerischen Literaturpreis gewonnen hat, besticht in «Lomonossow» mit feiner Komik. In seinem dadaistisch anmutenden Text vermischt er Dialoge, Regieanweisungen und Metakommentare zu einem schrägen Theaterstück.

Ironischer Kampf

Dabei ist insbesondere bemerkenswert, dass der Abend in sich durchaus geschlossen wirkt: Was konzeptuell einem Provisorium ähnelt, ist in der Realität ein abgerundeter, witziger Theaterabend. Die kuriosen Figuren werden von den vier Darstellenden (Franziska von Fischer, Rula Badeen, Michael Wolf und Robert Baranowski) mit feiner Ironie getragen. Die Szenerie und die Rollen werden dabei stets neu konstruiert: Aus dem Café wird eine Theaterbühne mit Regisseur, dann wieder eine beinahe politische Plattform gegen den Klimawandel. Immer wieder nimmt Nielsen gängige Statements auf die Schippe. Widersprüchliche Textpassagen machen auf vermeintlichen Aktionismus aufmerksam, ohne zu belehren: «Wir waren gegen das Klima, also für das Klima. Gleichzeitig wussten wir natürlich: Alles zwecklos, für das Gute kämpfen.»

Nielsens Stück ist der gelungene Start in die diesjährige Stückbox-Saison. Die nächste Premiere findet bereits Ende Oktober statt: Mit der Autorin Michelle Steinbeck ist eines der grössten Schweizer Nachwuchstalente involviert. Das Programm bleibt also vielversprechend.

Lomonossow noch bis zum 24.9. im Neuen Theater Dornach.

Infos und Tickets unter: www.neuestheater.ch

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