Laufental

25 Jahre nach dem Kantonswechsel: Manche Wunden klaffen noch

Eines neues Buch blickt auf den Laufentaler Kantonswechsel 1994 aus heutiger Perspektive zurück. Die unterlegenen Proberner kommen darin ebenso ausführlich zum Zug wie die siegreichen Probaselbieter.

Noch immer senken die beiden alten Proberner die Stimmen, wenn einer von «denen» das Café Zemp betritt und sich an den Nebentisch setzt. Eben einer von denen, die vor mehr als 30 Jahren zur Gegenseite gehörten und für den Kantonswechsel zum Baselbiet weibelten. Damals hätte sich niemals ein Probaselbieter ins «Zemp» an der Laufner Hauptgasse getraut, empören sich die beiden Rentner.

Denn dieses war das bekannte Stammlokal der Berntreuen; Patisserie mit Berner Wappen und Verkäuferinnen in Bern-T-Shirts inklusive. Fortan flüstern die beiden nur noch miteinander, damit der Mann am Nebentisch nicht mithören kann.

Die Chronologie der Laufental-Frage 1.2

Die Chronologie der Laufental-Frage 1.2

Die Chronologie der Laufental-Frage 2.2

Die Chronologie der Laufental-Frage 2.2

Viele ausdrucksstarke Bilder

Die vom «Berner Zeitung»-Journalisten Stefan von Bergen geschilderte Gesprächsszene stammt aus dem soeben erschienenen Buch «Von Bern zu Baselland. Als das Laufental vor 25 Jahren in die Geschichtsbücher einzog». Das 128 Seiten umfassende Werk ist gespickt mit solchen Passagen, die nicht nur von damals erzählen, sondern insbesondere aufzeigen, wie heute von damals gesprochen wird. Im gleichen Atemzug wie die Texte muss die reichhaltige Illustration des Buchs hevor gehoben werden. Profi-Fotografen und Privatpersonen haben viele Dutzend ausdrucksstarke Bilder zur Verfügung gestellt: von der Zeit vor der zweiten Laufentalabstimmung 1989, vom Abstimmungskampf selbst und selbstverständlich von den Jubelfeiern der Sieger und dem Trübsal der Verlierer.

Die auf jedem Foto deutlich erkennbare Intensität und Leidenschaft des Ringens um die «richtige» Kantonszugehörigkeit dürfte für die Nachgeborenen nur schwer nachvollziehbar sein. Wenn es um den Kampf für die eigenen Rechte gehe, seien im Vergleich zu den Laufentalern selbst die Oberbaselbieter Rampasse bloss «Schulbuben», spottet der Laufner FDP-Politiker und langjährige Landrat Rolf Richterich im Interview. Gleichzeitig redet Richterich, damals ein überzeugter Proberner, von nicht gehaltenen Versprechungen des Kantons Baselland, habe dieser doch nach der zehnjährigen Übergangsphase rasch mit dem Abbau von Verwaltungseinheiten in Laufen begonnen.

Positiver Eindruck überwiegt

Doch stellen solche Aussagen ebenso die Ausnahme dar, wie die zu Beginn beschriebene Tuschelszene unter ehemals bitter Verfeindeten. Der Eindruck, der nach der Lektüre des Buchs vorherrscht, ist viel mehr: Die Laufentaler Bevölkerung hat sich mit dem Kantonswechsel nicht nur abgefunden, sondern sie lebt auch überdurchschnittlich gut als Teil des Baselbiets. Dies führt etwa Stephan Mathis in einem weiteren Interview aus. Der heutige Generalsekretär der Sicherheitsdirektion war damals der «Mister Laufental» der Baselbieter Verwaltung und hält den Vollzug des Kantonswechsels für eine «grandiose staatspolitische Leistung».

Die beiden Probaselbieter Remo Oser und Heinz Aebi stellen der einstigen Vernachlässigung als Berner Randbezirk die aktuelle Stärkung der Regionen und Gemeinden in der heutigen Kantonalpolitik entgegen und ziehen eine ebenso positive Bilanz nach einem Vierteljahrhundert wie Mathis oder Laufens Stadtpräsident Alex Imhof. Letzterer merkt an, dass auch im Kanton Bern «die Zeit läuft» und selbst ohne Kantonswechsel nicht alles beim Alten geblieben wäre. Den Ausbau der Bahn- und Strasseninfrastruktur hält Imhof für die aktuell wichtigsten Herausforderungen des Laufentals.

Spätestens an dieser Stelle muss folgende Klärung erfolgen: Dimitri Hofer, der Herausgeber und Ausstellungsmacher von «Von Bern zu Baselland», ist Lokalredaktor der bz in Liestal. Der Autor dieser Besprechung hat als bz-Redaktionsleiter ebenfalls einen Text zum Buch beigesteuert. Eine völlig neutrale Rezension kann die bz-Leserschaft an dieser Stelle also nicht erwarten. Doch garantieren andere, namhaftere Autoren für die aussergewöhnliche Authentizität dieser im Kulturbuchverlag Herausgeber erschienenen Publikation.

«Von Bern zu Baselland. Als das Laufental vor 25 Jahren in die Geschichtsbücher einzog». Herausgegeben von Dimitri Hofer. Diverse Autoren. Kulturbuchverlag Herausgeber und Museum Laufental, 2019. Preis: 29 Franken. Das Buch kann im Museum Laufental, im Milchhüüsli Laufen, auf der Laufner Stadtverwaltung, im Buchhandel oder beim Verlag (www.herausgeber.ch) erworben werden. Das Museum hat jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 14.00 bis 16.30 Uhr geöffnet. Die Daten findet man unter www.museum-laufental.ch.

Das Buch

«Von Bern zu Baselland. Als das Laufental vor 25 Jahren in die Geschichtsbücher einzog». Herausgegeben von Dimitri Hofer. Diverse Autoren. Kulturbuchverlag Herausgeber und Museum Laufental, 2019. Preis: 29 Franken. Das Buch kann im Museum Laufental, im Milchhüüsli Laufen, auf der Laufner Stadtverwaltung, im Buchhandel oder beim Verlag (www.herausgeber.ch) erworben werden. Das Museum hat jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 14.00 bis 16.30 Uhr geöffnet. Die Daten findet man unter www.museum-laufental.ch.

Eng mit den Béliers verbandelt

Die SP-Politikerin und Stadträtin Sabine Asprion erklärt endlich, wieso auf den Demonstrationsbildern von damals immer so viele Jura-Fahnen zu sehen sind - weil der Verein Junge Kraft Laufental, dem «Fahnenverbrennerin» Asprion als junges Mädchen angehörte, eng mit den Béliers verbandelt war.

Der Historiker Georg Kreis seziert die Frage nach der heutigen Relevanz einer bestimmten Kantonszugehörigkeit. Hier erkennt der ehemalige Leiter des universitären Basler Europainstituts die wachsende Bedeutung der regionalen Zugehörigkeit. Wären die Bezirksstrukturen gewahrt worden, hätten sich die Laufentaler Stimmberechtigten sogar noch lieber als fürs Baselbiet für einen Grosskanton Nordwestschweiz samt Schwarzbubenland und Fricktal ausgesprochen, lautet Kreis' These.

Während der St. Galler Rechtsgelehrte Kaspar Noser die Behandlung der Laufentalfrage vor Bundesgericht nachzeichnet, beschreibt der damalige Whistleblower Rudolf Hafner, wie er als Revisor der kantonalen Finanzkontrolle die Berner Finanzaffäre ins Rollen brachte, die zur Wiederholung der ersten Laufental-Abstimmung von 1983 führte - ein besonders aufschlussreiches Stück des Buchs. 

Sekundarlehrer, Publizist und SP-Landrat Linard Candreia schliesslich hat amüsante Anekdoten rund um den Kantonswechsel zusammengetragen.

Eine bemerkenswerte Bestandesaufnahme

Ist «Von Bern zu Baselland» die definitive Publikation zum Kantonswechsel? Bestimmt nicht. Denn es ist kein wissenschaftliches Werk, ja nicht einmal ein «Geschichtsbuch» im herkömmlichen Sinne. Vielmehr ist es den Machern gelungen, eine sehr lesens- und betrachtenswerte Bestandesaufnahme vorzunehmen. Die Einordnung der damaligen Vorgänge erfolgt mit der Erfahrung von einem Vierteljahrhundert gelebten Alltags unter den neuen Kantonsfarben.

Dass darin die Passagen zum Spital Laufen bereits wieder von der Tagespolitik überholt worden sind, obschon der Redaktionsschluss des Buches nur wenige Monate zurückliegt, zeugt von der Dynamik, mit der sich das Laufental auch im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends weiterentwickelt.

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