Tellplatz
«Wir wollten keine Tabula rasa machen» – Eisenbahnerhäuser bleiben bezahlbar

Ohne Umtriebe und Mietzinserhöhungen geht es nicht, aber die Eisenbahnerhäuser am Tellplatz bleiben erschwinglich.

Fabian Schwarzenbach
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Eingerüstet: Häuser der Gewona Nord-West werden saniert.

Eingerüstet: Häuser der Gewona Nord-West werden saniert.

Kenneth Nars

Die Mieterinnen und Mieter der acht Eisenbahnerhäuser am Tellplatz müssen nicht ausziehen, weil die Liegenschaften saniert werden. Da die Genossenschaft Gewona Nord-West genügend Leerstände und Wohnungen an anderen Orten hat, können für die Bauzeit von zwei Monaten sogenannte «Rochadewohnungen» genutzt werden. Sind die Handwerker weg, kann wieder in den vertrauten vier Wänden gewohnt werden.

«Wir wollten keine Tabula rasa machen», erklärt Jörg Vitelli. Der Präsident der Gewona Nord-West betont, dass sozialverträglich saniert werde und Mieter Menschen seien. «Es gibt keine Luxussanierung», betont er. Während die Zimmer der 48 Wohnungen mehrheitlich unangetastet bleiben, werden die Toiletten und Bäder wie auch die Küchen komplett erneuert. Als einziger «Luxus» werden Geschirrwaschmaschinen eingebaut. Zusätzlich – um ein Bedürfnis der Wohnungsuchenden zu befriedigen – werden Balkone an die Hinterfassade montiert.

Banken verlangten mehr Sicherheiten

Vor zwei Jahren ist bereits die Vorderfassade mit den Fenstern saniert worden, nun stehen auch die Rückfassade und das Dach an. Die Banken standen der ganzen Sanierung kritisch gegenüber und verlangten nach mehr Sicherheiten. Die Gewona Nord-West machte sich das neue Basler Wohnraumfördergesetz zunutze. «Der Kanton kann Genossenschaften bis zu 94 Prozent der Anlagekosten als Bürgschaft zur Verfügung stellen», weiss SP-Grossrat Vitelli. Somit sichert Basel-Stadt 5,6 Millionen Franken an den 9,5 Millionen Gesamtkosten ab. Neben den Baukosten ist auch der Mietausfall eingerechnet. «Es bleiben bezahlbare Wohnungen», betont Vitelli, da deren Mietzinse 20 Prozent unter dem quartierüblichen Niveau seien.

Für eine Zwei-Zimmer-Wohnung (40 bis 47 m2 gross) sind rund 700 Franken zu bezahlen. Auf Nachfrage räumt Vitelli aber ein, dass im härtesten Fall die Mietzinse nach der Sanierung doch bis rund einen Viertel höher liegen können als vorher. Da früher die Mietzinse bei vielen Wechseln immer wieder erhöht worden sind, zahlen nun die langjährigen Mieterinnen und Mieter mehr. Neu werden alle Wohntypen den gleichen Mietzins bezahlen, was diese unterschiedlichen Erhöhungen bedingt.

Die sogenannten Eisenbahnerhäuser am Tellplatz sind bereits 125 Jahre alt. 1888 wenden sich 31 Eisenbahner mit einer Bitte an ihre Chefs der Schweizerischen Centralbahn, man möge doch günstige Wohnungen für sie bauen. Der Mut der 31 Bremser, Kondukteure und Telegraphisten habe sich gelohnt, schreibt der Historiker Lukas Meili in seinem Buch «Von der Eisenbahnersiedlung zur Genossenschaft». Die Centralbahn baut die heute noch stehenden acht Häuser beim Tellplatz. Da die Lohntüten der Bähnler nicht üppig gefüllt wurden, waren günstige Wohnungen gefragt. Auch das Bedürfnis war gross, in der Nähe des Bahnhofes zu wohnen, um lange Fussmärsche vor dem Frühdienst oder nach dem Spätdienst zu vermeiden.

Doch es zogen nicht viele Bähnler in die neuen Wohnungen ein. Die Mieten seien zu hoch und sie fürchteten, dass die neuen Gaskochherde sie «theurer zu stehen kommen möchten» als die damals üblichen Holzherde. Die Wohnungen hatten Gärten im Hinterhof, damit sich die Mieterschaft durch den Anbau von Gemüse selber versorgen konnte.

Wie der Garten künftig aussehen wird, ist noch nicht ganz klar. Da werden die Mitglieder der Genossenschaft noch darüber befinden.

Nur sehr lückenhaft dokumentiert

Was mit den Häusern genau passiert ist, als die Centralbahn am Anfang des 20. Jahrhunderts verstaatlicht worden und zu den SBB übergegangen ist, ist bis 1985 nur sehr lückenhaft dokumentiert. So sollen die strikten Eisenbahner mit den Leuten aus den tieferen sozialen Schichten, die vom günstigen Mietzins angelockt wurden, nicht klar gekommen sein.

1983 gelten die Häuser als «abbruchreif», und die SBB bieten sie zum Kauf an. Ein «Knall» beschleunigte die Entscheidung: Bei einer Explosion einer Gasleitung in der Güterstrasse im November 1984 kommt eines der Eisenbahnerhäuser zu Schaden und wird unbewohnbar. Damit kann einer grossen Sanierung nicht mehr ausgewichen werden, und die Wohnungen werden wieder auf den aktuellen Standard gehoben. Neu ist die Baugenossenschaft Nord-West dafür zuständig, welche die Häuser 30 Jahre lang verwalten wird. 2015 möchte auch Nord-West nicht mehr und findet die optimale Lösung in einer Fusion mit der Gewona.

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