Der 19. Mai 2019 markiert mit Sicherheit einen der bittersten Momente in der Karriere von Zollidirektor Olivier Pagan. Im schwülen Vorzimmer des Basler Grossratssaals verliest die Staatsschreiberin das überraschend klare Verdikt der Basler Stimmbevölkerung. Sie will kein Ozeanium an der Heuwaage. Der Zolli, für eine unbestreitbare Basler Bastion gehalten wie nur der FCB oder die Fasnacht, erleidet eine krachende Niederlage. Als Pagan schliesslich vor die Medien tritt, wirkt er baff und enttäuscht zugleich.

«In den vergangenen Jahrzehnten ist der Zolli auf sehr viel Wohlwollen gestossen», analysiert Peter Schmid, Präsident des Zolli-Freundevereins. Deshalb sei man wohl auch nicht auf die Fundamentalopposition vorbereitet gewesen. «In Zukunft müssen wir unsere vornehme Zurückhaltung etwas ablegen und die Komfortzone verlassen.» Natürlich sei man frustriert, ergänzt Verwaltungsratspräsident Martin Lenz. Aber der Zolli wolle nun vorwärts schauen.

Niederlage und Folgen

Drei Monate sind seit der Abstimmung vergangen. Geändert hat sich wenig. Gerne hätten wir von Olivier Pagan gehört, wie er sich die Zukunft des Zollis vorstellt, was die angekündeten internen Analysen hervorgebracht haben. Doch eine Interview-Anfrage lehnt er ab, stattdessen wiederholt die Sprecherin das Mantra von jenem Abstimmungssonntag: Es gibt keinen Plan B. Man werde sich weiterhin für den Artenschutz einsetzen, für den Schutz der Weltmeere auch, im Rahmen seiner Mittel halt. «Ich glaube nicht, dass sich der Zolli neu erfinden muss», findet auch Peter Schmid. Man akzeptiere den Entscheid der Basler Stimmbevölkerung, betonen die Zoo-Verantwortlichen bei jeder Gelegenheit.

Das Abstimmungsergebnis hat offensichtlich tiefe Spuren hinterlassen. Der Zolli ist paralysiert und unfähig, das Resultat zu deuten. Gefangen verharrt er und erinnert dabei an seinen einst einsamsten Bewohner, den Eisbären. Verwaltungsratspräsident Lenz reagiert leicht gereizt: «Der Betrieb läuft. Wir müssen weder morgen noch übermorgen einen Plan B, C oder D präsentieren.» Erst solle eine breite Auslegeordnung vorgenommen werden.

Die Enttäuschung ist verständlich: Zehn Jahre hat Pagan auf das Ozeanium hingearbeitet. Investoren gesucht und die Politik eingebunden, ein Patronatskomitee gegründet, mit Architekten sowie Ingenieuren Pläne gewälzt und viel Geld für die renommierte PR-Agentur Farner Consulting ausgegeben. Andererseits hatte er auch zehn Jahre Zeit, sich auf die Konsequenzen eines Neins vorzubereiten. Im Oktober folgt der Schlussstrich unter die vergeblichen Mühen. Pagan lädt dann Involvierte zu einem Abschlussabend. Er hat ihnen in Aussicht gestellt, sie über die Perspektiven des Zollis ins Bild zu setzen.

Ideen und Forderungen

Währenddessen wittern Abstimmungssieger die Chance, beim Zolli einen Hebel anzusetzen und ihn nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. Der grüne Grossrat Thomas Grossenbacher sagt, er wolle demnächst mit Pagan zusammensitzen. «Ich halte an meinem Versprechen fest, dass wir die Heuwaage auch nach dem Ozeaniums-Aus dem Zolli zur Nutzung übertragen», sagt er. Das scheint gar nicht so unrealistisch. Kürzlich liess sich die Regierung in einer Interpellationsantwort vernehmen: «Es ist dem Regierungsrat ein Anliegen, die Heuwaage einer neuen Nutzung zuzuführen – ob baulicher Natur oder als Freiraum ist offen.» Grossenbacher schwebt vor, dass sich der Zolli entlang des Birsigs wie geplant ausdehnt. Ohne indes seinen Bestand zu vergrössern. «Ich kann mir vieles vorstellen. Den Bau eines neuen Vogelhauses etwa, den Streichelzoo oder andere kleinere Tiere dort anzusiedeln, wie die Erdmännchen», sagt er. Ein Teil soll darüber hinaus der Öffentlichkeit zugänglich sein, vielleicht in Form einer «Naturanlage».

Auch die Zoo-Verantwortlichen selber haben die Heuwaage noch längst nicht völlig abgeschrieben. «Für mich ist das Gebiet ganz und gar nicht erledigt», betont Schmid vom Freundeverein. Eine Erweiterung des Zoo-Geländes sei nach wie vor ein Thema. Schmid: «Wir werden aber sicher nicht gleich nächstes Jahr mit einem konkreten Projekt auftreten.»

Träumen Grossenbacher und Konsorten von ihrem Zolli, schielen sie dabei nach Barcelona. Dort hat der Stadtrat im Mai eine Reform des Zoos beschlossen. Diese beinhaltet nicht nur eine Investition von 65 Millionen Euro in veraltete Anlagen sondern auch ein Verbot zur Reproduktion von Tieren, die nicht zur Auswilderung bestimmt sind. Das bedeutet, der Zoo muss binnen drei Jahre einen Platz für den Grossteil seiner 300 Arten finden. An die Stelle der Schau exotischer Tiere tritt ein Research- und Education-Center mit europäischen Tieren von der iberischen Halbinsel im Speziellen. «Wir wollen, dass Zoos aufhören, Tiere zu züchten, nur um sie auszustellen», sagte Sponsor Leonardo Anselmi im Mai gegenüber der Zeitung «El País» und feierte Barcelona als Heimstätte des ersten «Zoos der Animalisten».

Das Projekt heisst ZOO XXI und steht unter dem Patronat der Fondation Franz Weber. Das Projekt ist nicht frei von Kritik. Die Weltnaturschutzorganisation (IUCN) wirft den Initianten in spanischen Medien vor, wenig über die wissenschaftlichen Methoden von Zoos zu wissen. Zur Einordnung: Zum Dachverband IUCN gehören staatliche Player wie etwa das Schweizer Bundesamt für Umwelt aber auch private Organisationen der WWF oder Pro Natura.

Zoo-Angestellte traten nach der Ankündigung in den Streik. Nicht nur fürchten sie um ihre Arbeitsplätze, sie weisen auch darauf hin, dass Zoos mit dem Züchten einen Beitrag zum Erhalt eines gesunden Genpools verschiedenster Tierarten beitragen.

Kritik und Konkurrenz

Wie sich ein Zoo weniger radikal weiterentwickeln kann, zeigt derzeit Zürich. Bereits 2014 hielt der Schweizerische Tierschutz (STS) in seinem Zoobericht fest: «Schlechte Tierhaltungsbeispiele gibt es in diesem Zoo nicht mehr.» Die Masoala-Halle nennt der Bericht «wegweisend», den neuen Elefantenpark ein «Meilenstein, was die Tierhaltung im Zoo Zürich betrifft». Solche Bestnoten räumt der Basler Zolli nicht ab, darauf lässt der Blick in den aktuellen, unveröffentlichten Zoobericht schliessen. Hat der Zolli ein Problem in der Tierhaltung? Nein, findet Samuel Furrer, beim STS zuständig für Wildtiere. «Über weite Strecken gehört der Basler Zoo zu den führenden Tieranlagen in dieser Beziehung», hält er fest.

Gleichzeitig findet er Kritikpunkte und ein Beispiel dafür entstammt der jüngeren Vergangenheit: «Die neue Affen-Anlage ist aus Sicht des Tierschutzes nicht übermässig gelungen. Der Zoo hat es verpasst, sein Konzept innovativ zu verändern und den Bestand anzupassen. Die Anlage ist zwar gross, beherbergt aber noch immer alle drei grossen Menschenaffenarten», sagt Furrer. Zürich im Gegensatz dazu habe sich verändert. «Basel fühlt sich anscheinend stärker der Tradition verpflichtet. Die Besucher goutieren das: Punkto Besucherzahlen hat Zürich den Basler Zolli abgehängt», sagt Furrer.

Der Bericht räumt ein, dass der Handlungsspielraum des Zollis mitten in der Stadt beschränkt sei. Dennoch scheint durch, dass er auch beim Umbau der Stätten von Löwen, Panzernashorn, Wildhunden und Geparden mehr Auslauf und Rückzugsmöglichkeiten erwartet hätte. Auch hier setzt Zürich derzeit neue Standards, lässt die Besucher die Tiere auch mal mit bereitgestellten Feldstechern suchen. Basel hingegen müsste für grössere Gehege auf Tierarten verzichten. Das will der Zolli nur in Ausnahmefällen. Dazu kommen ältere Anlagen, die kaum mehr heutigen Ansprüchen an das Tierwohl genügen. Darunter die Eulenburg, das Gehege des Malaienbären und jenes der Wölfe. Rasche Neuerungen ergeben jedoch kaum Sinn, die teils alten Tiere könnten sich schlecht an die neue Umgebung gewöhnen. Sterben sie, wird sie der Zoo mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ersetzen.

Geld und Verpflichtungen

Ein Grund für die Verpflichtung zur Tradition findet sich in der Geschichte des Zoos. Einst als Park für Alpentiere gedacht, gehörten Fasane, Büffel, Füchse und Marder zu den grössten Attraktionen. Erst weitgereiste und reiche Basler Bürger sorgten dafür, dass die breite Allgemeinheit an ihrem Faible für Exotik teilhaben konnte. So importierten die Vetter Paul und Fritz Sarasin zwölf Jahre nach der Eröffnung eine asiatische Elefantenkuh, Miss Kumbuk. Weitere Legate liessen den Tierpark zu einem der grössten Europas anwachsen und schliesslich verfestigte Gönner Johannes Beck die Spende-Tradition, als er die damals ungeheuerliche Summe von 750 000 Franken sprach.

Der Daig ist bis heute fester Teil der Zolli-DNA. Wer den letztjährigen Geschäftsbericht untersucht, erkennt schnell: Der Zoo finanziert sich über dutzende Legate und Stiftungen mit klingenden Namen wie Hoffmann, Oeri oder Merian. Ein grosser Teil der Zuwendungen sind zweckgebunden. Beim Ozeanium hätte ein anonymer Spender 30 Millionen an das Projekt gestiftet. Was in anderen Städten der Staat übernimmt, nämlich den Ausgleich des strukturellen Defizits, übernimmt in Basel das Mäzenatentum. Erst seit 2008 bezieht der Zolli offiziell Subventionen. Davor hatte sich der Staat lediglich an Bauprojekten beteiligt und bei Energie- und Abfallgebühren ein Auge zugedrückt, für die nun der Zoo aufkommt. Verändert sich der Zolli, dann tut er das punktuell. Beste Beispiele sind dafür die Häuser Etoscha und Gamgoas. Sie stehen für eine neues Zoo-Erlebnis, in dem nicht mehr das einzelne Tier im Zentrum steht, sondern eingebettet ist in seine Umwelt. Dem gegenüber stehen über die gesamte Anlage verbreitete Anzeigetafeln aus einer Zeit ohne Smartphones. Die lateinischen Bezeichnungen und Skizzen vermitteln weniger Wissen als jeder Wikipedia-Eintrag. Dabei rühmt sich der Zolli doch genau das zu tun: zu bilden und zu sensibilisieren.

Die Affinität des Geldadels zum Zolli sichert diesem die Existenz, ja es befreit ihn sogar weitgehend von den Folgen schwankender Besucherzahlen. Die selbe Abhängigkeit lässt ihn jedoch auch weniger flexibel auf den Gesinnungswandel reagieren, mit dem sich Zoos weltweit auseinandersetzen müssen. «Natürlich geben Grossspender nicht die Zoo-Strategie vor», versichert FreundevereinsPräsident Schmid. Indirekt werde diese aber durchaus beeinflusst. «Wenn für ein Projekt beispielsweise 30 Millionen Franken benötigt werden, entscheidet letztlich ein Gönner darüber, ob es realisiert werden kann oder nicht.»

Dem Zolli selbst ist bewusst, dass er etwas ändern muss. «Wir werden von links und rechts überholt. Wir brauchen das Ozeanium als Vorzeigeobjekt», sagte der sonst im Abstimmungskampf kaum spürbare Verwaltungsratspräsident Lenz.

Letztlich ist der Zolli seiner Haltung treu geblieben: Er hat keinen Plan B.