Coronavirus
Wie Basel um seine Schüler ringt: So gehen die beiden Kantone an die Wiederaufnahme des Unterrichts

Am 11. Mai sollen in beiden Basel die Volksschulen wieder eröffnet werden. Wie das gehen soll, ist noch unklar – Schulen sind skeptisch, ob die Abstandsregeln eingehalten werden können.

Michael Nittnaus
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Seifenboss und Abstand halten – bald wieder Alltag in den Klassenzimmern?

Seifenboss und Abstand halten – bald wieder Alltag in den Klassenzimmern?

Kenneth Nars

Manche Schülerinnen und Schüler dürften darum gebangt haben, wie sich ihre Performance während des Fernunterrichts der vergangenen Wochen im Zeugnis niederschlagen wird. Nun gab der Basler Erziehungsdirektor Conradin Cramer an der gestrigen Medienkonferenz eine Entwarnung: Das Schuljahr 2019/2020 wird zwar voll anerkannt. Für die Primarschule und die Sekundarstufe 1 finden jedoch keine für das Zeugnis und die Beförderung relevanten Beurteilungen mehr statt.

Für die Übertritte von Primar- in die Sekundarstufe sowie von der Sekundarstufe in die Mittelschulen gilt aufgrund der Coronakrise nur das Zeugnis des 1. Semesters. Sollte ein Schüler oder eine Schülerin die Qualifikation für einen Übertritt in eine höhere Schulstufe, etwa ins Gymnasium, nicht erreicht haben, könne dies ausnahmsweise mit Zusatzprüfungen nachgeholt werden. Damit will der Regierungsrat sein Versprechen erfüllen, das er bei der Schulschliessung Mitte März abgegeben hatte: Die Corona-Pandemie darf nicht zu einem verlorenen Schuljahr führen. «Wir sehen einen Silberstreifen am Horizont», sagte Cramer und meinte die Aussicht auf eine Wiedereröffnung der obligatorischen Schulen am 11. Mai sowie der weiterführenden Schulen am 8. Juni. «Aus bildungspolitischer Sicht hätte ich mir gewünscht, dass wir sofort eröffnen können», räumte Cramer ein.

Unterricht in Kleingruppen führt zu Platzproblemen

«Die Schulschliessung bedeutet für viele Familien eine ungeheure Belastung.» Er hoffe daher, dass in drei Wochen der Schulbetrieb möglichst vollständig wieder aufgenommen werden kann. Was das heisst, weiss allerdings noch keiner so genau. «Die Kantone sind aufgefordert, entsprechende Schutzkonzepte für den Präsenzunterricht zu entwickeln», sagte Cramer. Er hoffe dabei auf ein koordiniertes Vorgehen der Kantone.

Einer, der sich dazu bereits Gedanken gemacht hat, ist Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt. «Ich könnte mir vorstellen, dass der Unterricht nur stufenweise beginnt und anfangs noch in Kombination mit dem Fernunterricht stattfindet», sagt Héritier auf Anfrage. Als Möglichkeit zieht er auch in Betracht, dass als Erstes die Kindergärten und unteren Klassen den normalen Schulbetrieb wieder aufnehmen, da diese meistens keinen Schulweg und damit weniger Kontakte haben. «Wenn in einem Raum nicht mehr als fünf Kinder unterrichtet werden sollen, gibt es schnell ein Platzproblem», so Héritier. So müsste man vielleicht in leer stehende Tagesstrukturen oder Gymnasien ausweichen. «Dann müssten aber wiederum auch mehr Lehrpersonen arbeiten.» Er hoffe, dass eine passable Lösung gefunden werde, denn: «Besonders die sozial schwächeren Schülerinnen und Schüler müssen baldmöglichst wieder in einen Präsenzunterricht eingebunden werden.»

Fernunterricht als Chance für Homeschooling?

Auch der Präsident der Elternlobby Schweiz, Fredi Jaberg, freut sich auf die Wiedereröffnung der Schulen. Er weiss um die hohe Belastung der Eltern während des Fernunterrichts. Allerdings sieht er es als verpasste Chance, die Erfahrungen des Fernunterrichts nicht für die Weiterentwicklung neuer Konzepte zu nutzen. «Man könnte jetzt von den Familien profitieren, die Erfahrungen mit Homeschooling haben und diese Unterrichtsform anbieten könnten», so Jarberg. Anders als von der Regierung oft suggeriert, sieht er die Schule mit ihrem pädagogischen System nicht als einzigen möglichen Integrationsort für Kinder.

Vor allem die Primarstufe ist herausgefordert

Auch in Baselland begrüssen der Kanton, die Lehrerschaft und die Schulleitungen grundsätzlich den Entscheid des Bundesrates, die obligatorischen Schulen voraussichtlich am 11. Mai wieder zu öffnen. Doch etwas stört alle, mit denen die «Schweiz am Wochenende» gestern sprechen konnte: Zu viele Fragen bleiben ungeklärt. Und eine drängt sich dabei in den Vordergrund: Gilt die Empfehlung des Bundesamts für Gesundheit, mindestens zwei Meter Abstand zu halten, auch für den Schulalltag?

«Die Abstandsregel können wir an den Schulen kaum aufrechterhalten», sagt Jürg Lauener. Der Co-Präsident des Schulleiterverbandes Baselland (VSL) verweist auf die Erkenntnisse vor der Schulschliessung vor einem Monat an seiner Sekundarschule Therwil, als bereits Abstandsempfehlungen in Kraft waren: «Die Schüler hielten den Abstand sicher nicht die ganze Zeit ein.» Auch wenn es zuerst Halbklassenunterricht gebe, seien in Therwil immer noch 200 Schüler zeitgleich auf dem Gelände. «Was ist in den Pausen?», fragt sich auch Lehrervereinspräsident Roger von Wartburg.

Spricht schon Lauener von einer «ganz grossen Herausforderung», wird VSL-Co-Präsidentin Marianna Hersche, die für die Primarstufe zuständig ist, noch deutlicher: «Zwei Meter Abstand im Kindergarten sind nicht umsetzbar. Oder sollen wir den Kindern riesige Schwimmreifen überstreifen, damit sie sich nicht zu nahe kommen?». Schon alleine der Platz sei gar nicht vorhanden, um Distanz zu wahren. Ausserdem könnten Vier- oder Fünfjährige so eine Regel gar nicht einhalten und auch die Kindergärtnerinnen könnten unmöglich kontaktlos unterrichten. Hersche, die den Kindergarten und die Primarschule Muttenz leitet, sieht aber auch für die Primarschulen Probleme: «Im Gegensatz zur Sekstufe müsste bei Halbklassenunterricht die andere Hälfte auch betreut werden, doch dafür haben wir keinen Platz.»

Auch wenn die Abstandsregeln an den Schulen ausser Kraft gesetzt werden, bleiben Fragen offen. Was geschieht ab dem 11. Mai mit Lehrern, die selbst zu einer Risikogruppe gehören? «Diese müssen unbedingt geschützt werden», so Hersche. Sie fordert schweizweite Richtlinien, «bloss keinen Kantönligeist» und warnt davor, dass jede Primarschule «etwas für sich brösmelet». Ihre Fragen hat Hersche beim Schweizer VSL-Dachverband deponiert.

Auch der Leiter des Baselbieter Amts für Volksschulen, Beat Lüthy, hat noch offene Fragen. Für das vom Bundesrat geforderte kantonale Sicherheitskonzept arbeite man daher zwei Szenarien aus, eines für Gross- und eines für Halbklassenunterricht. Ende kommender Woche sei man hoffentlich so weit. Bis dann soll auch klar sein, ob an Baselbieter Schulen – im Gegensatz zu Basel-Stadt – im Mai und Juni doch noch Prüfungen stattfinden. (mni)

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