Basel
«Weltoffenes Basel ist ein Mythos»

Dem Stadtentwickler Thomas Kessler hält das Selbstbild von Basel für überholt. Basel ticke eben nicht anders als der Rest der Schweiz.

Michael Nittnaus
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Basel Stadt

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Herr Kessler, die Stadt Basel gilt als weltoffen und linksliberal. Analysen des Zürcher Politologen Michael Hermann zeigen aber: Basel ist die konservativste Grossstadt der Schweiz. Wer hat recht?

Thomas Kessler: Ich bin ein Fan von Michael Hermanns Arbeit und danke ihm, dass er diese längst überfällige Diskussion angestossen hat. Der Mythos vom weltoffenen Basel ist genau das: ein Mythos. Die Analyse von Abstimmungsergebnissen ist schon seit den Siebzigerjahren ein Hobby von mir. Für alle, die genauer hinschauen, ist klar: Basel fällt schon seit den Achtzigern nicht mehr mit linksliberalen Entscheidungen auf und ist konservativer als andere Grossstädte.

Warum hält sich dieser Mythos dann so hartnäckig?

Basel ist politisch und kulturell so fragmentiert wie kaum eine andere Stadt in Europa. Das ist ein idealer Boden für Mythenpflege. Ausserdem erheben unsere Politiker die Weltoffenheit und Andersartigkeit ja zum politischen Programm, zum Slogan.

Sie meinen «Basel tickt anders»?

Genau. Die Abstimmungen zu Fragen der Ausländer- oder Europapolitik der letzten Jahre zeigen: Basel tickt eben nicht anders. Ein Sonderfall sind wir nur noch durch den grossen Spannungsbogen der beinahe dörflichen Enge der Stadt, dem Gärtchendenken, im Gegensatz zur globalen Ausrichtung der Basler Wirtschaft.

Was lief in der Wahrnehmung der Anti-Minarett-Abstimmung denn falsch? Dort wurde Basel noch als linke Bastion gelobt.

Aber nur, weil man die Resultate auf Kantonsebene verglichen hat. Das ist ein klares Manko der medialen Berichterstattung. Bei Abstimmungen sollte man nicht Kantone, sondern Gemeinden vergleichen, wie es Michael Hermann getan hat. In Basel lehnten nämlich viel weniger Leute die Initiative ab als etwa in Zürich oder Bern.

Entspricht die links dominierte Basler Regierung also nicht mehr der Ausrichtung des Stimmvolks?

Doch, unsere Regierungsräte verhalten sich bei Sozialfragen links-konservativ. Damit passen sie in Hermanns Bild der Basler Stimmbürger. Die Erkenntnis, dass auch linke Wähler bei Ausländerfragen konservativ urteilen, muss für linke Parteien allerdings schmerzhaft sein. Doch letztlich spielt Parteizugehörigkeit immer weniger eine Rolle, sondern Eigeninteressen dominieren. Deshalb sehen wir auch immer mehr «unheilige Allianzen» von linken und rechten Parteien. Doch diese Politik ist nur auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtet und sicher nicht im Interesse des Landes.

Hermann begründet die konservative Haltung Basels auch mit der dominanten Pharmaindustrie und mangelnder «Kreativ-Wirtschaft». Basel ist doch eine Kulturstadt!

Natürlich gibt es in Basel viele Kulturschaffende. Diese arbeiten aber meist in etablierten Betrieben. In Zürich gibt es kreativere und dynamischere Subkulturen – auch weil sie in härterer Konkurrenz zueinander stehen. In Basel wird viel mehr subventioniert. Das hemmt liberales Denken. Die Ausnahme bilden Architekten, die hier in starkem Konkurrenzkampf stehen.

Ihr Fazit ist also, dass man ohne Konkurrenz konservativer wird?

Nicht nur. In Bern dominiert die öffentliche Verwaltung. Und hier müssen sich die Angestellten kaum um Konkurrenz durch Ausländer sorgen. Das führt zu einer offeneren Einstellung. Am Ende sind Bildung, Einkommen und Berufsperspektiven die wichtigsten Faktoren, die das Abstimmungsverhalten in der Ausländer- und Europapolitik beeinflussen. Geht es um den eigenen Job, wird auch ein linker Wähler konservativ.

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