virtuelle lesungen
Literaturhaus Basel plant weiterhin mit hybriden Formaten

Während des Lockdowns musste die Basler Kulturinstitution auf Online-Veranstaltungen ausweichen. Nun scheint sie Gefallen daran gefunden zu haben. Katrin Eckert, Intendantin des Literaturhauses, berichtet von überraschend positiven Erfahrungen.

Rahel Koerfgen
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Christoph Schneeberger vergangene Woche im Literaturhaus - und dank Streaming auch auf dem Bildschirm.

Christoph Schneeberger vergangene Woche im Literaturhaus - und dank Streaming auch auf dem Bildschirm.

Screenshot Webseite Literaturhaus

Christoph Schneeberger sitzt an einem kleinen runden Tisch auf der Bühne des Literaturhauses Basel und liest aus seinem preisgekrönten Buch «Neon, Pink & Blue». Wir sehen, dass er ein Halstuch mit Totenkopfmuster trägt, dass er die Augen mit schwarzem Lidstrich umrandet und seine Nägel pink und blau angemalt hat. Hören, wie seine Stimme leicht zittert und wie das Publikum lacht, als er sagt, dass er Techno mit der Muttermilch aufgesaugt hat. Als Schneeberger uns an den Erfahrungen teilhaben lässt, die er als Drag Queen auf der Strasse und zwischen den Geschlechtern gemacht hat, ist er so nah - und doch ziemlich fern.

Wir sitzen nicht im Publikum an der Barfüssergasse, sondern zu Hause auf dem Sofa, mit Laptop auf dem Schoss. Der Livestream direkt aus dem Literaturhaus bringt ein gestochen scharfes Bild, der Ton ist gut, das Gefühl dabei auch. So übel ist so eine digitale Lesung gar nicht. Eine ganz neue Erfahrung. Auch für das Literaturhaus, denn bei Schneebergers Lesung von vergangener Woche handelte es sich um die erste hybride Veranstaltung der Basler Kulturinstitution: Sowohl online als auch vor Ort konnte die Lesung besucht werden.

Das Literaturhaus rettete sich durch den vergangenen Lockdown, als es den digitalen Weg beschritt: Auch wenn es wegen der Pandemie geschlossen bleiben musste, fanden seit Januar bis zu den Lockerungen im April trotzdem Events statt, einfach solche, die nur online per Livestream mitverfolgt werden konnten. Katrin Eckert, Intendantin des Literaturhauses, blickt zurück und sagt, dieser digitale Notfallplan sei ein guter Entscheid gewesen: «Wir bekommen immer wieder Mails von Zuschauerinnen und Zuschauern, die sich dafür bedanken, dass wir in Zeiten ohne Live-Veranstaltungen Kultur trotzdem zugänglich gemacht haben.» Auch die Autorinnen und Autoren seien meist positiv überrascht, wie gut das online funktioniere; die Zuschauerzahlen pro Event seien durchaus vergleichbar gewesen mit denjenigen von Veranstaltungen vor Ort, berichtet Eckert weiter.

BuchBasel wird hybrid stattfinden

Jetzt, da Live-Anlässe wieder möglich sind, gibt das Literaturhaus die Möglichkeit des Streamings also mitnichten auf. Einerseits, weil die Zahl der zugelassenen Besucherinnen und Besucher noch beschränkt ist und weil viele Menschen noch nicht geimpft sind und deshalb vorsichtig. Andererseits aber auch, weil sich die Zoom-Veranstaltungen tatsächlich bewährt haben. Man plane deshalb weiter mit hybriden Formaten, sagt Eckert, am Internationalen Literaturfestival BuchBasel im November werden sie eine wichtige Rolle spielen:

«Wir möchten sicherstellen, dass wir ein breites Publikum erreichen, falls es
immer noch oder wieder Platzzahlbeschränkungen geben wird.»

Zudem gehen Eckert und ihr Team davon aus, dass Reisen aus aussereuropäischen Ländern weiterhin schwierig sein werden. Um trotzdem ein vielfältiges internationales Programm bieten zu können, wird das Literaturhaus Gäste zuschalten. Die leichte Erreichbarkeit und Verfügbarkeit von Autorinnen und Autoren gehörten zu den grossen Vorteilen von virtuellen Lesungen, so Eckert weiter. Während ein Auftritt in Basel die Gäste normalerweise zwei Arbeitstage kostet - mit Anreise, Auftritt und Rückreise -, können sie jetzt schnell von zu Hause aus mit einem internationalen Publikum in Kontakt treten. «So habe ich schon mehrmals versucht, Elif Shafak nach Basel zu bringen», sagt Eckert. «Aber da ihre Bücher in 50 Sprachen übersetzt sind, ist sie überall auf der Welt gefragt. Als Online-Veranstaltung hat das nun geklappt - und es war sehr toll!»

Die nächste Hybridveranstaltung im Literaturhaus findet heute Mittwoch, 26. Mai, um 19 Uhr statt: Vincent Leittersdorf liest aus dem Roman des gebürtigen Baslers Pascal Janovjak, «Der Zoo in Rom», erschienen im Lenos Verlag. Ein Ticket für den Livestream kostet 5 Franken, ein Saalticket für den Besuch vor Ort 18 Franken.

www.literaturhaus-basel

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