Art Basel

«Viele seltsame Kreaturen» – die neue Direktorin über künstlerische Tendenzen an der Liste 2019

Sie ist die neue Chefin der Liste Art Fair: Joanna Kamm.

Sie ist die neue Chefin der Liste Art Fair: Joanna Kamm.

Am Montag wurde im Warteck die Liste Art Fair eröffnet. Es ist die erste Ausgabe nach dem Rücktritt von Peter Bläuer, die erste unter seiner Nachfolgerin Joanna Kamm (*1968). Wohin will die gebürtige Münchnerin die Liste führen?

Die Liste wird mit Ihnen als Direktorin weiblich. Werden wir das an der Messe spüren? In welchen Bereichen?

Joanna Kamm: Was man bestimmt spüren wird, ist, dass es einen Wechsel in der Direktion gab. Aber ich habe im ersten Jahr nicht vor, alles auf den Kopf zu stellen, sondern möchte die Prozesse und Abläufe kennenlernen, viele Gespräche führen, um dann zu sehen, wo künftig Anpassungen notwendig sein werden. Das Wichtigste ist für mich, alle mir zur Verfügung stehenden Kanäle und Plattformen zu nutzen, um auf die gesellschaftliche Bedeutung von junger zeitgenössischer Kunst hinzuweisen. In einer Zeit, die geprägt ist von einem Bedürfnis nach Sicherheit, gewinnt das Einfache, das Plakative gegenüber dem Komplexeren leider oft die Oberhand. Ich bin überzeugt davon, dass es daher wichtiger denn je ist, sich mit Künstlerinnen und Künstler auseinander zu setzen, die die Grenzen unserer Wahrnehmung erweitern und neue und veränderte Perspektiven auf die Welt ermöglichen. Es sind die jungen Künstlerinnen und Künstler, die die Gegenwart mit ihrer Kunst nicht nur versuchen zu begreifen, sondern mit neuen Ästhetiken, Medien und Werten herstellen. Und wenn man die letzten 23 Jahre der Liste unter der Leitung von Peter Bläuer betrachtet, so wird unter dieser Prämisse die Relevanz und der heutige Erfolg der Messe deutlich: Junge Kunst zu fördern – und dies so divers wie möglich.

Am Freitag ist Frauenstreiktag in der Schweiz. Werden Sie mitstreiken?

Ich selbst werde nicht aktiv mitstreiken, aber ich stehe dem natürlich solidarisch gegenüber. Meine Aufgabe ist es, die Galeristinnen und Künstler, die aus aller Welt nach Basel angereist kommen, zu fördern und auf die Vielfalt und Diversität hinzuweisen, die in der präsentierten Kunst zu entdecken gibt. Ein Thema unserer Führungen auf der Liste ist «Intimate Power: On Body and Identity / Intimität als produktive Stärke: Über Körper, Macht und Identität », das am 14. Juni natürlich eine besondere Bedeutung erhält.

Eine der Änderungen, die Sie vollzogen haben: Das Performance-Projekt ist Geschichte. Warum?

Geschichte ist eigentlich nur der Titel, denn wir haben mit dem neuen Format «Joinery» die Nachfolge des bisherigen Performance-Projekts initiiert. Die Joinery ist einerseits der Ort, an dem die Galerien Videos und Performances zeigen können, die am Messestand nicht möglich wären. Andererseits werden wir dort über neue Strategien und Konzepte junger Künstler diskutieren und welchen Einfluss sie auf klassische Marktmodelle haben. Dafür haben wir Spike Art Magazine eingeladen, um eine Reihe von Gesprächen und Veranstaltungen zu kuratieren. Als Messe, die die neuesten Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst zeigt, ist es für mich wichtig, dass wir auch einen Ort haben, an dem man sich als Besucher informieren oder über diese Entwicklungen diskutieren kann. Der Besuch des Spike Forums ist übrigens kostenlos und man braucht kein Messeticket dafür.

Sie haben den grössten Überblick über die jungen Galerien an der Liste: Was fällt da 2019 besonders auf? Gibt es besondere künstlerische Tendenzen?

Als ich mir vor einigen Wochen die Bilder für den Messekatalog anschaute, entdeckte ich eine grosse Anzahl seltsam aussehender Kreaturen. Einige schienen Erzählungen über Monster entsprungen zu sein, andere einem Fantasy-Film oder einer Geisterwelt, und dazwischen immer wieder Bilder von dekonstruierten oder abstrahierten Menschen-Wesen. In einer Welt, in der Unsicherheit das vorherrschende Gefühl ist, treiben die Künstlerinnen und Künstler es auf die Spitze und bevölkern durch ihre Kunst unser Universum mit menschlichen und nichtmenschlichen Wesen, deren Identität, Geschlecht oder Ursprung ungewiss ist. Diese Kreaturen geben dem immateriellen Zustand von Unsicherheit und der Angst vor dem Unbekannten eine Gestalt. Damit greife ich nur eine Tendenz von vielen auf, die es auf der Liste zu entdecken gibt. Es ist nicht entscheidend, ob die Kunst wesenhaft, abstrakt oder dokumentarisch ist, ob sie konkrete urbane Zustände oder fantastische Reiche erforscht, denn es geht um Vielfalt und die Kraft, die Kunst und Kultur im Allgemeinen hat – ganz besonders dann, wenn die Welt sich in einer Krise befindet.

Gianni Jetzer, Kurator der Unlimited, hat im Interview mit uns den Eindruck bestätigt, dass politische Kunst im Markt eine stärkere Plattform erhalten hat. Sehen Sie das auch so?

Ja, auf jeden Fall, man könnte noch viel weiter gehen und sagen Kunst ist politisch auch ohne explizit ein politisches Thema zu behandeln. Es geht genau um den Moment, den ich oben beschrieben habe: wenn Kunst es ermöglicht, Dinge auf andere und neue Weise zu sehen, dann hat das einen gesellschaftlichen Einfluss. Themen wie Gender, Rassismus, Migration sind (wieder) für viele Künstlerinnen und Künstler essentielle Fragestellungen, gerade die jüngere Generation setzt sich stark damit auseinander. Und das bedeutet auch, dass Positionen im Sinne einer Haltung zur Gegenwart durchaus politisch sind.

Sie haben das Auswahlkomitee erweitert und internationaler besetzt. Drohte die Liste zu provinzialisieren im globalen Markt?

Überhaupt nicht, es ist ein Merkmal der Liste, dass sie schon immer auf Veränderungen und Entwicklungen des Marktes reagiert hat. Seit 1999 sind zum Beispiel Performances fester Bestandteil des Messeprogramms und bereits ab 2001 erhielten digitale Medien eine Plattform durch unsere Sondergäste. Als Messe kann und darf man nicht statisch sein und mit unserem Anliegen junge internationale Kunst zu fördern und die besten internationalen jungen Galerien nach Basel zu holen, ist es wichtig, mit Experten zusammen zu arbeiten, die sich auch in Ländern auskennen, in denen neue Märkte entstehen. Davon sind einige neu hinzugekommen, weitere sind gerade am Entstehen und wir haben darauf jetzt reagiert.

Die Volta oder die Art haben Ableger in anderen Städten. Schwebt Ihnen sowas auch mit der Liste vor, bedarf es in Zukunft einer Liste Hongkong oder New York, um mitzuhalten?

Mit der Liste ermöglicht man Galerien aus aller Welt ihr junges und meist unbekanntes Programm dem besten internationalen Publikum, das sich in dieser Woche in Basel versammelt, zu präsentieren. Es gibt keinen anderen Ort, an dem dies auf dem Niveau möglich ist. Deswegen ist der Fokus der Liste , die weltweit interessantesten Galerien einer jüngeren Generation nach Basel zu holen. Unser Komitee wählte 21 neue Galerien aus 17 Ländern aus – einige davon aus Ländern, die bisher noch nicht auf der Liste vertreten waren, wie Dastan's Basement aus dem Iran, LC Queisser aus Georgien, ROH Projects aus Indonesien oder Sariev Contempory aus Bulgarien. Wir zeigen auch Galerien, die sich in ihren Ländern an Orten ausserhalb der etablierten Kunst-Zentren niedergelassen haben und die zum ersten Mal auch auf der Liste dabei sein werden – wie Adams und Ollman aus Portland, Good Weather aus North Little Rock oder Veda aus Florenz. In diesem Jahr sind auch sehr junge Galerien vertreten, für die die Liste die erste Messe überhaupt ist – wie Sandwich aus Bukarest oder Sweetwater aus Berlin. Das heisst nicht, dass wir nicht auch über neue Formate nachdenken. Das müssen aber nicht unbedingt Ableger von der Messe sein. Aber wie ich bereits gesagt habe, erst einmal ist mein Fokus darauf, mir alles genau anzusehen. Es ist also zu früh, über weitere Zukunftspläne zu sprechen.

Sie leben und arbeiten erstmals in Basel: Was ist im übertragenen Sinn die grosse Kunst, wenn man in die Schweiz zieht?

Die grosse Kunst für mich wird es sein, dieses wunderbare Land nach und nach kennenzulernen. Die Dichte an qualitativ hochwertigen Kunstorten in der Schweiz ist beeindruckend und ich freue mich sehr darauf nach meiner ersten Ausgabe der Liste mehr Zeit zu haben, die vielen Institutionen in der gesamten Schweiz zu entdecken – und damit das Land.

Welches Getränk passt am besten zur diesjährigen Liste? Warum?

Ein Bier zu den Bratwürsten von unseren Schreinern! Die Liste findet in den Räumen des Werkraum Warteck pp statt, eine ehemalige Brauerei, die seit den 90er Jahren unterschiedliche Projekte, Betriebe und Menschen unter einem Dach versammelt: Handwerker, Künstler, Architekten, Designern, Restaurants, Veranstaltungsorte, Tanzstudios und Büros aus dem kulturellen Bereich. Die Mieter ziehen für die Liste jedes Jahr aus ihren Werkstätten, Ateliers, Studios und Büros aus, um diese den jungen Galerien zu überlassen. Die Schreiner, deren Werkstatt sich im Erdgeschoss befindet, betreiben in der Woche, in der sie nicht weiterarbeiten können, einen Wurststand auf der Liste. Er ist inzwischen legendär.

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