Unsere Kleine Stadt
Hochhaus im Gegenwind

Der in Liestal aufgewachsene und in Basel lebende Autor Daniel Wiener ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

Daniel Wiener
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Der Roche-Turm (Bau 1) rechts, und der neue, im Bau befindliche Turm links. Im Vordergrund: Der Bau 52 von Architekt Roland Rohn.

Der Roche-Turm (Bau 1) rechts, und der neue, im Bau befindliche Turm links. Im Vordergrund: Der Bau 52 von Architekt Roland Rohn.

Bild: Georgios Kefalas/ KEYSTONE

Neidisch blickte der Zürcher Bauamtsvorsteher André Odermatt bei einem kürzlichen Besuch in Basel auf die hiesige Skyline und fragte Umstehende: «Wie kommt es, dass wir in Zürich über fast jedes Hochhaus bis zu fünf Mal abstimmen, während in Basel die Türme wie Pilze bei Regenwetter aus dem Boden schiessen?»

Tatsächlich offenbaren die Baslerinnen und Basler wenig Scheu vor Wolkenkratzern. Der Claraturm überstand sogar eine Volksabstimmung, obwohl dafür alte Bausubstanz geopfert wurde. Noch weniger Widerstand erwecken Hochhaus-Projekte auf Transformationsarealen, sei es auf dem Dreispitz, beim Bahnhof SBB oder im Rosental. Praktisch freie Hand hatten bisher Roche und Novartis auf ihrem Campus.

Es gibt die These, dass Hochhäuser in Basel Akzeptanz finden, weil wir im Gegensatz zu anderen Schweizer Zentren keine Gebirgskulisse haben, an der wir uns orientieren können. Ich neige zu einer anderen Erklärung: Mit unserer Duldung der punktuellen Verdichtung verbinden wir die kollektive Hoffnung, dass der Baggerzahn im Gegenzug die traditionellen Quartiere in Ruhe lässt. Dies auch bei gut laufendem Wirtschaftsmotor.

Dazu kommt ein ökologisches Motiv: Eine Hochhaus-Stadt geht tendenziell schonender mit der knappen Ressource Boden um. Dieses Potenzial zeigt sich besonders anschaulich am Beispiel des neusten Plans zur Weiterentwicklung des Roche-Campus im Wettstein-Quartier: Das Bauvolumen, das heute am Rhein steht, soll in ein drittes Hochhaus verlegt werden. Das «Aufstellen» des Flachbaus schafft einen Freiraum, der deutlich grösser ist als ein Fussballfeld. Zudem erlaubt der Kunstgriff die Entflechtung des dichten Velo- und Fussgängerverkehrs entlang des Flusses. Das neue Grün kann in Verbindung mit der anschliessenden Solitude zu einem sonnigen Park zusammenwachsen, wie ihn Basel an solcher Lage noch nicht kennt. Vorausgesetzt, das heute überbaute Teilstück am Rhein ist öffentlich zugänglich. Eine Nachtschliessung, ähnlich wie beim Kannenfeldpark, wäre allenfalls denkbar.

Denkmalschützer versuchen mit einer Online-Petition, den Abriss der Laborgebäude entlang des Rheins zu verhindern. Ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Bevölkerung denunzieren sie den Abbruch der alten Bausubstanz als Frevel an der Architektur von Otto Salvisberg. Damit ignorieren sie, dass Roche im hinteren Teil des Areals typenähnliche Werke des gleichen Architekten langfristig erhalten möchte.

Erstrebenswert wäre allerdings, Roche davon zu überzeugen, das alte Hochhaus von Roland Rohn stehen zu lassen. Roche strebt den Abbruch an, weil die anstehende energetische Sanierung recht teuer kommt. Der grün schimmernde Monolith erinnert uns jedoch daran, was in Basel noch bis vor kurzem als «hoch» galt. Nur im direkten Vergleich zwischen dem alten «Hochhaus» und der heutigen Skyline wird der neue Massstab augenfällig und erlebbar, den die Roche-Türme in die Stadt bringen.