Unibibliothek
«Unsere Bevölkerung braucht und soll sich nicht beunruhigen lassen»

Eine Ausstellung in der Unibibliothek zeigt Remakes von Originalplakaten zum Ersten Weltkrieg in der Region Basel. Ausserdem gibt es auch Kriegsromane von bekannten Autoren wie Ernest Hemingway zu sehen.

Peter Schenk
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Die Unibibliothek stellt ihre eigene Sammlung aus.
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An der Litfasssäule im Eingangsbereich der Ausstellung hängen die Remakes von Originalplakaten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs in der Region Basel.
«Die Remakes, die wir mithilfe der grafischen Abteilung des Bürgerspitals gestaltet haben, kommen den Originalen nahe», erklärt der Historiker David Tréfás, Kurator der Ausstellung.
Mehrere Tische, auf denen Sandsäcke, Pflastersteine oder Kohlen liegen, sind Themen wie dem Militär, der Wirtschaft, der sozialen Lage oder der Politik gewidmet.
Unibibliothek stellt Plakate aus dem 1. Weltkrieg aus

Die Unibibliothek stellt ihre eigene Sammlung aus.

Martin Töngi

Man kann es wohl nur als Zweckoptimismus bezeichnen, denn in Wirklichkeit wäre die Schweizer Armee zu Beginn des Ersten Weltkriegs kaum ernsthaft in der Lage gewesen, einem Angriff von Deutschen oder Franzosen zu widerstehen. Dennoch hiess es auf dem grossen Plakat, das Anfang August 1914 die Basler Bevölkerung beruhigen sollte: «Es ist möglich, dass noch heute oder in den nächsten Tagen in unserer Nähe Zusammenstösse zwischen deutschen und französischen Truppen stattfinden. Unsere Bevölkerung braucht und soll sich dadurch nicht beunruhigen lassen. Unsere Grenze ist durch Truppen, die in genügender Menge hier stehen und noch eintreffen werden, gesichert.»

Das Plakat befindet sich mit anderen wie zur Mobilisierung oder Musterung von Pferden auf einer hölzernen Litfasssäule zu Beginn der Ausstellung über den Ersten Weltkrieg in der Region Basel, die am Freitagabend in der Universitätsbibliothek Basel eröffnet wurde. «Die Remakes, die wir mithilfe der grafischen Abteilung des Bürgerspitals gestaltet haben, kommen den Originalen nahe», erklärt der Historiker David Tréfás, Kurator der Ausstellung.

Fast ganz aus den Beständen

Die Ausstellung wurde fast ganz aus der Sammlung der Universitätsbibliothek gestaltet. Dazu gehört auch die seit 1760 bestehende Militärbibliothek, die 40'000 Bände umfasst, und die die Bibliothek ebenso betreut wie Schriften vom Platzkommando, Botschaften und Konsulaten.

Während im ersten, grösseren Raum mit Reprografien mit oft einfachen, aber überzeugenden Mitteln und dem Einsatz von viel Holz, die Geschichte des Ersten Weltkriegs im Raum Basel inszeniert wird, finden sich die Originale und Highlights der Sammlung in einem zweiten, dunkleren Raum in massiven Glasvitrinen.

Dazu gehören auch vier sogenannte Klebealben, die die Bibliothek 1946 aus dem Nachlass des Artilleriehauptmanns Victor Haller erhalten hat. Haller sammelte während des Krieges so ziemlich alles, dessen er habhaft werden konnte, und das war viel: Lebensmittelmarken, Einladungen, wie die zu einem Essen mit dem Schweizer General Ulrich Wille und der dazu gehörigen Speisekarte, die auf ein üppiges Essen verwies, viele Artikel, aber auch subversive Schriften wie die von Lenin, die vom Platzkommando gesammelt wurden.

Öffnungszeiten und Führungen:

Die Ausstellung «Der Erste Weltkrieg in der Region Basel» ist ab 21. Juni bis zum 6. September von Montag bis Samstag 8.30 Uhr bis 20 Uhr in der Universitätsbibliothek Basel, Schönbeinstrasse 18-20, zu sehen (1. Stock, UB-Ausstellungsraum). Der Eintritt ist gratis.

Führungen für Gruppen und Schulklassen sind möglich. Informationen beim Kurator der Ausstellung David Tréfás, david.trefas@unibas.ch.

Eine Publikation zur Ausstellung ist für September in der «Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde» geplant.

In der Ausstellung ist eine Doppelseite des einen Albums zu sehen, die ein Faltspiel zur Frage, wer bleibt neutral, zeigt. Die Antwort beim richtigen Falten lag auf der Hand: Helvetia. In anderen Vitrinen liegen politische Selbstzeugnisse wie die vom deutschen General Erich Ludendorff, dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson oder das Kriegstagebuch von Benito Mussolini aus dem Jahr 1923 mit dem italienischen Titel «Il mio diario di guerra».

Zu sehen gibt es auch Kriegsromane von Ernest Hemingway, Henri Barbusse, Ernst Jünger, Erich Maria Remarque oder Karl Kraus. Bei sämtlichen Büchern sind die Signaturen angegeben, unter denen man sie in der Bibliothek ausleihen oder konsultieren kann.

Der Titel «Vogesenwacht des Schweizers Herman Kurz» wie es auf dem Buchdeckel heisst, sei innen von jemandem mit dem Ausdruck «Papierschweizer» kommentiert worden, berichtet Tréfás. 3 000 Deutsche mit Wohnsitz in Basel seien von dort in den Krieg gezogen. «Bei ihrer Rückkehr wurden sie von niemandem gewürdigt, da sie im falschen Land wohnten», merkt der Historiker an.

Illustrierte mit Kriegsgottnamen

Weitere Vitrinen sind Bild- und Propagandabänden gewidmet. Eine französische Buchhandlung in Basel gab das Illustrierte Wochenblatt «Mars» heraus, das nach dem Kriegsgott benannt war und einseitig die französische Sicht auf den Krieg darstellte.

Im ersten Ausstellungsraum wirft eine Folge von drei Fotos ein neues Licht auf ein bekanntes Bild, das zeigt, wie deutsche Einberufene freudig in Reihen über den Basler Marktplatz Richtung Lörrach marschieren. Auf dem zweiten Foto läuft eine weinende Frau mit dem Taschentuch vor dem Gesicht in die entgegengesetzte Richtung, auf dem dritten sieht man, wie ratlos die Männer bei ihrer Ankunft in Lörrach dastehen. Etliche weitere historische Fotos zeigen Szenen aus dem Basler Kriegsalltag.

Entlang der Fensterfront wird mit einer Art Grenzzaun mit Zeitungszitaten die Chronologie des Krieges dargestellt. Mehrere Tische, auf denen Sandsäcke, Pflastersteine oder Kohlen liegen, sind Themen wie dem Militär, der Wirtschaft, der sozialen Lage oder der Politik gewidmet. Wer möchte, kann die Thematik vertiefen, indem er Schubladen herauszieht, in denen sich zusätzliche Informationen befinden. Unter dem Oberbegriff Kriegsende geht es um den Zusammenbruch Deutschlands, den Landesstreik und soziale Unruhen sowie Basels neue Grenzen am Ende des Krieges, gehörte doch das Elsass dann nicht mehr zum Deutschen Reich, sondern wieder zu Frankreich.

Vor dem Eingang in den zweiten Raum hängt, als Folien leicht verzerrt, ein Wald von prominenten Persönlichkeiten von der Decke herab. Gleich daneben informiert eine Tafel über die Situation der Universitätsbibliothek während der Kriegszeit. Weil es nur noch wenig Brennmaterial gab und der Lesesaal geheizt war, war dieser des Öfteren von Personen besetzt, die nicht zum Arbeiten in die Bibliothek kamen, sondern weil ihnen kalt war.