Regionale 20

Trinationale Kunstausstellung: Das Lauffeuer vom Dreiländereck

Kunst im Prozess: Dadi Wirz, Franziska Furter, Ines Goldbach und Simone Holliger (v.l.) im Kunsthaus Baselland.

Kunst im Prozess: Dadi Wirz, Franziska Furter, Ines Goldbach und Simone Holliger (v.l.) im Kunsthaus Baselland.

Ines Goldbach und beteiligte Kunstschaffende erklären, warum die Regionale von Liestal bis Strasbourg ein Renner ist.

Anfang Woche fühlte sich das Kunsthaus Baselland in Muttenz wie ein überdimensioniertes Gruppenatelier an: Die Künstlerin Simone Holliger arbeitet mit der Heissleimpistole an der Stabilität ihrer Papierskulptur, Unterstützer des fast 90-jährigen Dadi Wirz montieren gemäss seinen Anweisungen Metallstücke, und Franziska Furter bemalt – in einigem Abstand zu den echten Stromkabelbahnen im Kunsthaus – ein filigranes Röhrensystem. Ihren fertigen Regionale-Beitrag kann man aber erst erahnen. Noch gibt es zu tun. Erlebt man jetzt Kunst im Bau? «Kunst im Prozess», korrigiert Ines Goldbach, Direktorin des Kunsthauses Baselland.

Am Samstag startet die 20. Regionale. Ende der 1990er-Jahre war die trinationale Kunstschau aus der Basler Weihnachtsausstellung hervorgegangen. Mittlerweile bewerben sich um die 700 Künstlerinnen und Künstler aus der Region um einen Ausstellungsplatz bei einem der 19 beteiligten Kunstorte: von der Kunsthalle Palazzo in Liestal über die Cargo Bar im Basler St. Johann bis zu La Filature in Strasbourg.

Während bei Gemüse regionale Herkunft unstrittig ein Qualitätslabel ist, muss bei Kunst die Frage erlaubt sein, ob man sich mit dem Label des Regionalen nicht selbst klein hält. «Regionale Kunst ist nicht provinziell», sagt Goldbach. «Einen Unterschied zwischen dem Lokalen und dem Internationalen gibt es nicht unbedingt. Das ist doch meist eher eine Frage des Standpunkts.»

Für viele beteiligte Institutionen sei die Regionale einer der Jahreshöhepunkte, sowohl im Hinblick auf die Besucherzahlen, als auch für die Macher selbst: «Wir sagen nicht ‹Is’ ja nur die Regionale›, sondern: ‹Ja, genau, es ist Regionale! Man kann richtig viel entdecken.›» Die grenzübergreifende Anlage des Regionale-Konzepts halte nach wie vor viele Kunstschaffende und den Kunstnachwuchs der wichtigen Hochschulen zwischen Basel, Karlsruhe und Strasbourg zusammen.

Konsequent regionaler Kunst verschrieben

Waren es wirklich acht Mal? Aus dem Stegreif ist sich Franziska Furter nicht mehr sicher, wie oft sie schon als Künstlerin an der Regionale ausgestellt hat, allein im Kunsthaus müsste es nun das fünfte Mal sein. Eines weiss sie aber: Beim ersten Mal, vor 20 Jahren, war sie dabei. Die Möglichkeit, mit zwei anderen Künstlern in der Kunsthalle Basel einen ganzen Raum einzurichten, sei wichtig gewesen: eine ihrer ersten Chancen, im professionellen Rahmen auszustellen. Das Prinzip Regionale fasziniert sie bis heute: «Die Regionale holt für mich Kunstschaffende auf den Radar, deren Tun ich sonst vielleicht verpassen würde.» Gleichzeitig sei sie auch «eine liebgemeinte Mahnung an die Landesgrenzen»: Die Regionale erinnert Furter daran, dass sie das Kunstgeschehen in Zürich irrationalerweise näher verfolgt als jenes in Mulhouse.

Weil die Kunstschau sich konsequent regionaler Kunst verschrieben hat, glaubt Furter zudem, dass sie auch ein anderes Publikum in die Kunsthäuser lockt: «Gewissen Leuten ist die Regionale vielleicht zu wenig elitär – vielleicht fühlen sich aber genau darum Nachbarn und Cousinen der Künstler angesprochen.» Die Summe der Bekannten und Verwandten bilde dann ein dichtes Netz quer durch die Bevölkerung des Dreiländerecks. «Ich stelle es mir wie ein Lauffeuer vor», sagt Franziska Furter.

181 Künstler aus der Region sind dieses Mal dabei

In diesem Jahr sind 181 Künstlerinnen und Künstler mit Bezug zur Region beteiligt. Die meisten von ihnen haben sich auf eine Ausschreibung hin beworben; manche sind eingeladen worden. Keine zentrale Jury, sondern die 19 beteiligten Institutionen wählen ihre Projekte eigenständig aus den Bewerbungen aus. «Ich blättere, halte inne – irgendwann zeigt sich, was zusammen funktionieren kann», schildert Direktorin Goldbach mit sichtlicher Freude. Erst nach und nach ergibt sich so ein thematischer Schwerpunkt. 2019 heisst dieser im Kunsthaus Baselland «Step out! Aufbruch in den Raum». Er umfasst augenscheinlich Skulpturen, Reliefs, Röhrensysteme.

Hinter Simone Holliger liegt ein Schlachtfeld aus Papierresten; an die Wand gelehnt ist ein Besen. Obwohl Holliger dieses Material wiederverwenden will, sind die Papierfetzen nicht Teil der Papierskulptur, sondern Ausdruck ihres Arbeitsprozesses. Eine Woche lang hat sie hier vor Ort mit Papier und Heissleim gewirkt. Erst vor zwei Monaten ist Holliger von Genf nach Basel gezogen. Es sei im Dreiländereck in mehrfachem Sinn weniger dicht, erzählt sie. Einerseits finde sie hier relativ problemlos ein bezahlbares Atelier. Andererseits: «Ich bin überrascht, wie schnell man in der regionalen Kunstszene ins Gespräch kommt.»

Während Simone Holliger erst seit Kurzem in der Region ist und ihre Papierskulptur vor Ort am Entstehen ist, existiert Dadi Wirz’ Werk bereits seit fast 30 Jahren – zumindest als Modell und Projekteingabe. «Es hiess, Kinder könnten sich an den Reliefkanten verletzen», so Wirz. Er hält das für eine Ausrede. Tatsächlich wirken manche Gemeindegrenzen in Wirz’ Arbeit scharfkantig; sie seien aber abgerundet worden.

Einladung, sich über Grenzen hinwegzusetzen

An einer voluminösen Stellwand sind die Aluminiumreliefs der 86 Gemeinden des Baselbiets angebracht, in Stapeln aufeinandergeschichtet. Auf der Wandrückseite sind Bettingen, Riehen und Basel. «Man muss vorsichtig sein, dass man Basel-Stadt und das Baselbiet sauber getrennt hält», witzelt Wirz. Ursprünglich hat er dieses von Landkarten inspirierte Werk für einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb beim Postgebäude in Pratteln entwickelt. Wirz hat den Wettbewerb gewonnen, realisiert worden ist das gestapelte Abbild der Region Basel aber nie. Jetzt hat Ines Goldbach die Initiative ergriffen, Wirz eingeladen und gemeinsam mit ihm Gelder für das Werk gesammelt.

Bei einer verwandten Arbeit aus Inselreliefs habe Wirz nur Inseln gewählt, auf denen er selbst schon gewesen sei. Wirz ist viel gereist, lebte unter anderem jahrelang in Papua-Neuguinea. Der fast 90-jährige Künstler, der auf der Gemeindegrenze von Reinach und Therwil lebt, hat bislang aber noch nicht jedes Baselbieter Dorf betreten. «Jetzt muss ich dann wohl noch eine Tour durchs Baselbiet machen», sagt Wirz. Er lässt offen, wie ernst das gemeint ist.

Kunstinteressierte sind jedenfalls ohne Augenzwinkern dazu eingeladen, sich über Gemeinde-, Kantons- und Landesgrenzen hinwegzusetzen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1