Kleinbasel

Tradition im Visier der Gesellschaftspolitik: der «Vogel Gryff» am 26. Januar – mit Routenplan

Tradition bleibt Tradition – obwohl die drei Kleinbasler Ehrengesellschaften nun auch Frauen aufnehmen dürfen, ändert sich vorläufig nichts. Wenn am 26. Januar der Vogel Gryff, der Leu und der Wild Maa durchs Kleinbasel ziehen, hat noch keine Frau Mitglied der drei Ehrengesellschaften werden wollen.

Es war ein Aufschrei sondergleichen. Kaum ging im Herbst die Nachricht durch die Schlagzeilen, dass die ausschliesslich aus Männern bestehenden drei Ehrengesellschaften des Kleinbasels nun Frauen aufnehmen können, ergoss sich eine Lawine aus empörten, teilweise sogar wütenden Kommentaren, vor allem via Social Media. Wie man nur könne. Das sei doch Tradition, lasst den Männern ihre Ehrengesellschaften.

Jetzt, eine Woche vor dem Vogel Gryff, vor dem höchsten Feiertag des Kleinbasels, den just jene Ehrengesellschaften organisieren, hat sich der Sturm vorerst gelegt. Keine Frau hat sich seither gemeldet, die bei einer der drei Ehrengesellschaften Mitglied werden wollte, ob aus Interesse oder Prinzip. Dies bestätigt René Wegmüller, Mitglied der Ehrengesellschaft zum Hären und in dieser Sache Sprecher der Gesellschaften. Wenn also um 10.30 Uhr diesen Samstag, 26. Januar, der Wild Maa zu seiner Talfahrt den Rhein hinab bis zum Kleinen Klingental ansetzt, ist diese Welt vorerst noch in Ordnung.

Kleinbasler Ehrentag: Vogel Gryff, Wild Maa und Leu tanzen auf der Mittleren Brücke

20. Januar 2018: Vogel Gryff, Wild Maa und Leu tanzen auf der Mittleren Brücke

Der Tanz der Ehrenzeichen der drei Kleinbasler Ehrengesellschaften vor Spielchef Andreas Lehr auf der Mittleren Brücke beim Käppelijoch.

Sie könnten – wenn sie denn wollten

Denn noch ist in dieser Geschichte das letzte Wort nicht gesprochen. Voraussichtlich im Herbst setzt sich die Bürgergemeinde noch einmal mit dem Thema Frauen und Ehrengesellschaften auseinander. Denn was bislang geschehen war, ist einzig, dass der Bürgerrat einen entsprechenden Passus im Reglement zu den Ehrengesellschaften angepasst hatte. Bloss: Die drei Ehrengesellschaften waren dem schon zuvorgekommen. Bereits seit 2016 hatten sie eine Regelung festgelegt, laut der Frauen aufgenommen werden könnten, so die Gesellschaften dies absegnen würden. Da die Bürgergemeinde aber selbst noch nicht so weit war, blieb dieser Passus ein Papiertiger.

Sollte sich allerdings die Bürgergemeine doch noch zu einer Regelung durchringen, dass Frauen nicht nur aufgenommen werden können, sondern sogar müssen, wird die Debatte erneut aufflammen. Dann schliesst auch Wegmüller nicht aus, dass Aufnahmeanträge um der Prinzipien willen gestellt werden und behandelt werden müssen. Doch das liegt noch in weiter Ferne. Und so lange bleiben die rund 450 Kleinbasler Gesellschaftsbrüder unter sich.

Folklore, nicht Fasnacht

Ein bisschen speziell ist der diesjährige «Vogel Gryff» aber schon: Er findet nicht an einem der drei traditionellen Daten – dem 13., 20. oder 27. Januar – statt, sondern am 26. Januar. Dies, weil der 27. dieses Jahr auf einen Sonntag fällt. Somit tritt die Ausnahmeregelung in Kraft, die besagt, dass wenn der Termin des «Vogel Gryff» auf einen Sonntag zu liegen kommt, er auf den Samstag vorzuverlegen sei. Der eingeborene und eingeschworene Kleinbasler weiss das natürlich von Kindesbeinen an, doch schon die Grossbasler sind da bereits nicht mehr so im Bilde. Und mit der Fasnacht hat der Anlass schon gar nichts zu tun.

Schliesslich geht die Tradition weit über ein närrisches Treiben hinaus, auch wenn die Fasnacht Elemente des Vogel Gryff aufgenommen hat. Denn der Kleinbasler Feiertag ist seit dem Mittelalter belegt und hat seine Wurzeln in den jährlichen Waffenmusterungen, die mit einem Umzug und einem gemeinsamen Mahl endeten. Nur die Waffenmusterungen sind im Lauf der Geschichte verschwunden, die restlichen Traditionen werden so genau wie möglich hochgehalten. Womit der Vogel Gryff sogar noch mehr mit urbaslerischer Folklore und Brauchtum zu tun hat als die mittlerweile von der Unesco als immaterielles Weltkulturerbe anerkannte Basler Fasnacht.

Vogel Gryff tanzt im Restaurant Hahn für Wirt Marc Magne

Der Vogel Gryff tanzt im Kleinbasler Restaurant Hahn.

Nur natürlich also, dass in diesem Zusammenhang die Geschlechterdebatte für Aufruhr sorgt, obwohl die Ehrengesellschaften mittlerweile den gesellschaftspolitischen Schritt zur Aufnahmebereitschaft gewagt hatten. Freilich nicht ohne erste Gegenbewegung: Die fand Ende der 1990er-Jahre statt und erschuf die Gesellschaft zum Bären. Deren Bärentag (die bz berichtete) ist eine bereits etablierte, wenn auch deutlich kleinere Gegenbewegung zur männerlastigen Tradition des Vogel Gryff. Was dessen Beliebtheit aber keinerlei Abbruch tat: Auch dieses Jahr werden vom Samstagmorgen bis spätnachts tausende Menschen die Gassen zieren, wenn die drei Wappentiere Vogel Gryff, Wild Maa und Leu durchs Kleinbasel ziehen.

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