Baselworld

Totgeglaubtes Uhrwerk wird zum Rekordmacher

Zeitlos: Ein Uhrmacher der Manufaktur von Audemars Piguet in Le Brassus bei seiner Arbeit.

Zeitlos: Ein Uhrmacher der Manufaktur von Audemars Piguet in Le Brassus bei seiner Arbeit.

40 Jahre nach der Uhrenkrise boomt die Branche – dank der mechanischen Uhr, die von Uhrmachermeister Charles Vermot gerettet wurde. Mechanische Uhren sind wieder eine Selbstverständlichkeit und bei den Luxusuhren praktisch Pflicht.

Einer hatte immer an sie geglaubt. Uhrmachermeister Charles Vermot der Firma Zenith in La Chaux-de-Fonds. Er sah, dass die neue Quarzuhr eine Bedrohung war, und wehrte sich mit persönlichen Vorstössen bei den Firmenbesitzern in den fernen USA für die traditionelle Mechanik. Doch dann verfügten diese, alle Maschinen und Werkzeuge zur Herstellung des legendären El-Primero-Uhrwerks zu verschrotten.

Vermot weigerte sich. Still und heimlich zerlegte er gemäss einem Bericht der «Bilanz» El-Primero-Werkzeuge und -Maschinen, beschriftete und versteckte sie auf dem Dachboden der Manufaktur. Eine fast zu schöne Geschichte. Denn gemäss «Bilanz» habe er damit eines der wichtigsten Uhrwerke gerettet, das je in der Schweiz gebaut wurde. Es war die Grundlage für diverse weitere Werke.

Heute kann man mit einem Schmunzeln auf diese Episode zurückblicken. Mechanische Uhren sind wieder eine Selbstverständlichkeit, bei den Luxusuhren praktisch Pflicht. Es wird damit wieder Geld verdient, und das nicht zu wenig, wenn man die Pavillons der Uhrenproduzenten an der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld anschaut. Es gehen neue Werke auf und es werden Arbeitsplätze geschaffen. Wie derzeit etwa in Glovelier und künftig – so ist zu hoffen – im Waldenburgertal.

80 Prozent des Umsatzes

Zahlen belegen die Entwicklung. Seit 2009 verdoppelte sich der Exportwert der mechanischen Uhren auf 16,6 Milliarden Franken. Auch im vergangenen Jahr waren die mechanischen Uhren für das Wachstum verantwortlich. Sie legten sowohl wertmässig (+3,4%) als auch bei den Stückzahlen (+8,8%) zu. Sie machen heute zwar nur ein Viertel der exportierten Uhren aus, generieren aber fast 80 Prozent des Umsatzes. Anders bei den Quarzuhren, deren Stückzahl 2014 stagnierte (–0,9%), während ihr Wert sogar einige Prozentpunkte einbüsste (–4,1%). Seit 2009 legten die Quarzuhren von 3,6 auf lediglich auf 4,4 Milliarden zu.

Worauf ist diese Renaissance zurückzuführen? «Es ist die Rückbesinnung auf die Tradition, es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln», sagt Jean Daniel Pasche, Direktor des Uhrenverbandes Fédération Horlogère Suisse, im Gespräch mit der bz. «Eine Uhr hat viel mit Emotion zu tun. Ich brauche ja nicht unbedingt eine Uhr», sagt er und zückt schmunzelnd sein iPhone. Eine Uhr kann Verschiedenes sein: ein Schmuckstück, vielleicht ein Kunstwerk, ein Lifestyle-Produkt, ein Accessoire, ein Stammes- oder Statussymbol. «Die mechanische Uhr hat eine Seele, ein Herz, das schlägt. Das hat keine Quarzuhr», sagt der Uhrenunternehmer Jean-Claude Biver.

Die Schweizer Uhrenindustrie habe sich gewaltig verändert, sagt Pasche. In den vergangenen 40 Jahren habe sich der Umsatz versechsfacht, der Personalbestand halbiert. Kurz: die Produktivität hat sich verzwölffacht. Das verschafft der Branche einen Konkurrenzvorteil gegenüber dem Ausland, und nur deswegen hat die Uhrenindustrie den Höhenflug des Frankens bislang relativ gut überlebt. In den 1970er-Jahren beschäftigte die Uhrenindustrie rund 90 000 Mitarbeitende. Innerhalb weniger Jahre fiel die Zahl auf 30 000, lag 2008 wieder bei 53 000 und Ende letzten Jahres wieder bei 58 000.

«Swiss made» ist in Asien Kult

Ein zweiter Trumpf ist «Swiss made», welche bei Uhren Präzision, Zuverlässigkeit, ausgefeilte Technik und Innovation umfasst. In Asien, wo jedes Jahr 100 Millionen Menschen massiv an Kaufkraft gewinnen, ist «Swiss made» Kult. Die Schattenseiten sind die vielen Fälschungen, die als solche nicht ohne weiteres zu erkennen sind. Die Ironie der Geschichte: Eine mechanische Uhr kann, was die Ganggenauigkeit anbetrifft, mit einer Quarzuhr nicht mithalten. Doch eine hochwertige, mechanische automatische Armbanduhr dürfe pro Tag fünf bis zehn Sekunden Gangabweichung haben, sagen Uhrmacher. Dies bedeutet bei 86 400 Sekunden pro Tag eine Ganggenauigkeit von etwa 99,99 Prozent. Immerhin.

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