Theater Basel
Onkel Wanja besucht die Schweizer Agglo

Antú Romero Nunes inszeniert Tschechows «Onkel Wanja» am Theater Basel – in Dialekt. Die Verschweizerung des russischen Theater-Blockbusters zeigt: Der 120-jährige Stoff bleibt aktuell.

Mathias Balzer
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Fabian Krüger ist als Onkel Wanja das emotionale Zentrum des Abends.

Fabian Krüger ist als Onkel Wanja das emotionale Zentrum des Abends.

Judith Schlosser

Das Basler Ensemble geht ein Wagnis ein. Tschechows gescheiterte Existenzen sprechen in der Fassung von Lucien Haug Züritüütsch, Lozärnerdütsch, Baseldytsch und Bärndütsch. Der 32-jährige Schweizer Autor hat seine Dialektfassung gemeinsam mit den Schauspielerinnen und Schauspielern erarbeitet. Bühnenbildner Matthias Koch versetzt das Stück aus der russischen Provinz in einen Vorgarten mit Festzelt, Kunstrasen und Grill. Das typische Agglomerationsidyll, wo Herr und Frau Schweizer sich aus dem Baumarkt ein Stück Heimat basteln.

Der ursprüngliche Plot bleibt in dieser Fassung bestehen als zeitgenössische Schweizer Variante. Das Personal: Onkel Wanja, «Unggle» Beat, gespielt von Fabian Krüger. Seine Nichte Jase (Vera Flück), Beats Mutter (Suly Röthlisberger), der Arzt Michi (Sven Schelker), die Angestellte Caro (Carina Braunschmidt). Die Familie betreibt eine Zeltvermietung, ein Mittelstands-KMU, wo man sich bei Grill und Wurst manchmal eine Pause gönnt. Die Lebensträume werden mit Bier gedämpft.

Nun kommt aber der jährliche Besuch. Alexander, gespielt von Ueli Jäggi, ist Schriftsteller, lebt in Berlin und vor allem vom Ruf eines Romans, den er vor 25 Jahren abgeliefert hat. Er ist der Ex-Mann von Beats verstorbener Schwester. Begleitet wird er von seiner jungen Geliebten (Mala Emde), die einzige Figur, die nicht Dialekt spricht.

Carina Braunschmidt, Ueli Jäggi, Vera Flück (v. l.).

Carina Braunschmidt, Ueli Jäggi, Vera Flück (v. l.).

Judith Schlosser

Aus dieser einfachen Konstellation, dem Besuch von aussen, hat Tschechow eines der meistgespielten Dramen der jüngeren Theatergeschichte geschrieben. Bei ihm sind die Menschen in ihrer Gegenwart gefangen, zermürbt vom Unglück der Selbsterkenntnis, dass ihre Träume nur Illusionen sind. Sie beherrschen die Kunst des Aneinandervorbeiredens, sind alle einsam, haben aber nicht den Mut zur Einsamkeit, sondern klammern sich an die familiäre Gemeinschaft, auch wenn diese die Hölle ist.

Wo ist Tschechows wunderbare Sprache hin?

Und dann kommt erst mal ein Schockeffekt. «Siebe Täg schaffe, nie frei, und wenn i mol frei ha, also in dr Nacht, no liggi ellei und hülend vor dr Tagesliechtlampe, ha Fomo - Fear of missing out.» So klingt es, wenn der Arzt Michi spricht. Und so oder ähnlich klingt es, wenn die anderen sprechen.

Flugs fühlt man sich zurückversetzt in jene Zeiten, als am Schweizer Fernsehen die Schwänke aus dem Zürcher Bernhard Theater als Samstagabendunterhaltung in die Stuben flimmerten. Wo ist Tschechows wunderbare Sprache hin? Warum tönt das alles plötzlich so «härzig»? Rutscht das nun ins Volkstheater ab? Kommt nun gleich Jörg Schneider mit einem Schenkelklopfer um die Ecke?

 Vera Flück und Sven Schelker in «Onkel Wanja» am Theater Basel.

Vera Flück und Sven Schelker in «Onkel Wanja» am Theater Basel.

Judith Schlosser

Ein erstaunlicher Effekt, der zeigt, wie wenig wir der eigenen gesprochenen Sprache trauen. Seit der Alphabetisierung wurden wir mit dem Gedanken imprägniert, dass im Ernstfall die Hochsprache gilt. Antú Romero Nunes' Inszenierung beweist das Gegenteil. Möglich macht das ein Ensemble, das wunderbar aufspielt. Ueli Jäggi etwa macht sich hervorragend als schleimiger Dandy, der sein Künstlertum wie eine Monstranz vor sich herträgt.

Carina Braunschmidt, mit Vokuhila und Sonnenbrille, zelebriert den Stammtischler, der zu allem etwas zu sagen hat. Sven Schelker windet sich virtuos in seinen Selbstzweifeln. Und die Bernerin Vera Flück demonstriert, wie wunderbar ihre Sprache Emotionen transportieren kann. Emotionales Zentrum bleibt aber auch in dieser Inszenierung Onkel Wanja. Fabian Krüger verleiht ihm die Intelligenz und Kaputtheit eines Junkies. Wenn er kurz vor dem Showdown mit Alexander sagt: «Ich ha nöd gläbt! Nöd gläbt!», dann fährt das richtig ein.

Der Stadt-Land-Graben

In diesem Dialekt-Wanja ist alles drin, was auch das Original ausmacht. Existenzieller Schmerz und Humor, Idealismus, der im Schnaps und Selbstmitleid ertränkt wird, die Zerstörung der Natur durch die Faulheit des Menschen, die Vergeblichkeit allen Wollens, da am Ende doch alles gleich bleibt.

Der Blick mit der Tschechow-Brille auf die Agglo bringt aber auch einen schwelenden Schweizer Konflikt ans Licht: Die Welten des krampfenden KMU-Betreibers und des städtischen Intellektuellen sind zwei sehr weit auseinanderliegende Galaxien. Auch das war schon in Tschechows Russland so.

«Onkel Wanja», bis 27. Juni, www.theater-basel.ch.

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