Stadtcasino

Tausend Jahre Geschichte in sieben Metern

Der Kreuzgang des ehemaligen Barfüsserklosters diente als Almosen für geistig Behinderte.

Der Kreuzgang des ehemaligen Barfüsserklosters diente als Almosen für geistig Behinderte.

Zu den archäologischen Ausgrabungen unter dem Musiksaal des Stadtcasinos ist ein reich illustrierter Bildband erschienen.

Es war an einer Museumsnacht vor ein paar Jahren, an der das Publikum die Ausgrabungen unter dem Musiksaal des Stadtcasinos besichtigen konnte. Der Blick in die Vergangenheit blieb in starker Erinnerung: Das ­Bodenparkett war bereits abgetragen, und nur wenige Meter unter den roten Saalwänden lagen jahrhundertealte Schädel und Skelette, die sich grell angeleuchtet vom dunklen Untergrund abzeichneten. Kreuz und quer standen Reste von frei­gelegten Mauern und Fundamenten in unübersichtlicher Anordnung.

Ende August soll der von den Architekten Herzog & de Meuron renovierte und erweiterte Musiksaal planmässig wiedereröffnet und eingeweiht werden. Der Boden ist inzwischen wieder zugedeckt, die Vorgeschichte dieses Saals, welche die Fachleute bis zu sieben Meter tief rekonstruiert haben, im Schutt begraben. Das neue Baukonzept lehnt sich äusserlich wieder näher am originalen ­Musiksaal von 1876 im Stil des Neubarocks an und steht getrennt vom Stadtcasino.

Zwischen Steinenberg und Barfüsserplatz gibt es neu einen kurzen Durchgang: die Konzertgasse. «1000 Jahre Basler Stadtgeschichte. Archäologie unter dem Musiksaal des Stadtcasino Basel», so heisst ein eben erschienener Bildband zu den Ausgrabungen von 2016/17. Detailliert und verständlich stellt er die gesicherten Ergebnisse dar und dokumentiert sie mit zahlreichen Fotos, historischen Abbildungen, Plänen und Modellen. Und wie das Material bei Ausgrabungen in der Regel von oben Schicht für Schicht abgetragen wird, so folgen sich auch die Buchkapitel: das Jüngste zuerst und das Älteste zuletzt.

Das Areal unter dem Musiksaal, lange in Randlage unmittelbar bei der Stadtmauer und nahe beim offenen Birsig gelegen, hat eine wechselvolle ­Vergangenheit. Um 1000 nach Christus standen hier erste ­Gebäude für Wohnen und Gewerbe, bevor der Barfüsserorden ab 1250 ein Kloster und eine erste – und später eine zweite, die heutige – Kirche baute. Der Kreuzgang des Klosters diente darauf als sogenanntes Almosen für Geisteskranke und Bedürftige und nach der Reformation als Friedhof. Im 19. Jahrhundert kam hier für wenige Jahre das «Kaufhaus» zu stehen, eine Art Lagerhaus und kantonale Zollstation.

Erste «Kulturmeile» am Steinenberg

Das Buch liest sich als Reise durch die Geschichte der Stadt vom Mittelalter bis zur Neuzeit, erzählt anhand eines relativ ­kleinen Areals. Der denkmal­geschützte Musiksaal galt bei seiner Eröffnung als das erste Konzerthaus der Schweiz, seine Akustik gilt bis heute als herausragend. Mit seinen knapp 1500 Plätzen war er lange der grösste Saal der Stadt und empfing nicht nur Konzertpublikum: Hier fanden auch Bälle, Gewerbeausstellungen und mehrere Zionistenkongresse statt. Zusammen mit dem ersten Stadtcasino von 1826, dem alten Stadttheater und der Kunsthalle bildete der Musiksaal eine erste «Kulturmeile» am Steinenberg, auf die Basel stolz blicken konnte.

Dabei war der Boden unterhalb der Bauten in ständiger Bewegung: Weil der Birsig immer wieder Hochwasser und Überschwemmungen mit sich brachte, versuchten die Bauherren verschiedener Zeiten, das Gelände jeweils aufzuschütten und zu erhöhen. Dabei konnten sie meist die bestehenden Mauern und noch älteres Baumaterial wiederverwenden. Das um­liegende Gelände war daher um 1000 noch deutlich steiler als heute. Hervorragend erhalten haben sich unter dem Musiksaal vor allem Reste des Kreuzgangs des im 19. Jahrhundert abgerissenen Barfüsserklosters, wie der Basler Kantonsarchäologe Guido Lassau im Buch schreibt, darunter wertvolle Teile des gotischen Masswerks.

Überraschende Einzelfunde kamen bei den Ausgrabungen dagegen kaum ans Licht. Ausser etwa einem rund 500 Jahre alten Taufbecken aus Sandstein, das spätere Generationen wahrscheinlich zur Wasserableitung umfunktionierten.

Das Buch
Archäologische Bodenforschung des Kantons Basel-­Stadt (Hg.), «1000 Jahre Basler Geschichte. Archäologie unter dem Musiksaal des Stadtcasino Basel.» 214 S., 77 meist farbige Abb. Christoph Merian Verlag und Archäologische ­Bodenforschung Basel-Stadt, Basel 2020.

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