Kulturförderpreis

Simon Krebs: «In Basel ist die Kunstzene ziemlich brav»

© Kenneth Nars

Künstler, Verleger, Buchhändler, Kurier: Simon Krebs ist äusserst vielseitig. Für sein Engagement wird er nun mit dem Basler Kulturförderpreis ausgezeichnet.

Herr Krebs, welche Frage hören Sie am häufigsten im Zusammenhang mit dem Preis?

Simon Krebs: Neulich wollte einer wissen, was er mir bedeutet. Ich sagte: Na ja, macht schon fröhlich, ist aber auch komisch. Die Auszeichnung kommt ja auch für den Verlag und für den Buchladen. Das sind Sachen, die ich nicht allein gemacht habe. Am Ende kriege ich dafür einen Preis – das ist schon irgendwie schräg.

Wer hätte den Preis noch verdient?

Beim Verlag sind wir zwei Leute, Anaïs Meier und ich. Beim Laden sind wir vier, Franca Schaad, Camilla Wüthrich, Anna Weber und ich.

Sie kriegen den Preis ja aber auch für Ihr künstlerisches Schaffen.

Ja, und das ist natürlich schön. Obwohl dieser Teil meiner Arbeit in der letzten Zeit etwas zu kurz gekommen ist.

Was machen Sie beruflich alles?

Am K’Werk (der Bildschule für 6- bis 16-Jährige an der Schule für Gestaltung, d. Red.) mache ich neu die Trickfilmklasse mit 10- bis 13-Jährigen. Einen Tag pro Woche arbeite ich in der Fassbar. Und Fahrradkurier bin ich noch.

Dazu sind Sie Künstler, haben einen Buchladen und den Verlag – klingt, als wären Sie gut beschäftigt.

Das alles ist organisatorisch manchmal schwierig unter einen Hut zu bringen, ja. Andererseits ist es eine tolle Mischung: Literatur, Bewegung, mit Menschen zu tun haben und nicht nur über Kunst reden, sondern auch über Fussball und Bier. Die Kleinen an der Schule sind auch super. Die gehen ganz anders an das Thema Kunst ran. Weniger konzeptionell, denen ist eher wichtig, dass irgendwann etwas explodiert.

Die Einladung zur Preisverleihung am 7. April ziert ein Comic von Ihnen, auf dem eine Kaffeekanne stellvertretend für ihren Besitzer dessen abgelehnten Antrag auf eine Kulturförderung kommentiert. Sind Ihnen Preise egal?

Überhaupt nicht. Der Comic ist entstanden, lange bevor ich erfahren habe, dass ich diesen Preis kriegen werde. Das mag ich an dieser Auszeichnung: Man erfährt erst, dass man nominiert war, wenn man gewonnen hat. Und dass man ihn nicht nur für die Kunst kriegt, die man produziert, sondern auch, weil andere Menschen von dem, was man tut, etwas haben.

Wird Ihnen bei all den Baustellen nicht manchmal schwindlig?

Manchmal denke ich, es wäre besser, ich würde mich spezialisieren. Auch künstlerisch. Aber jede Entscheidung für etwas ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen alles andere. Darin bin ich nicht gut.

Worauf würden Sie Ihren Fokus gerne legen?

Fotografie und Zeichnung ist das, was mir am meisten fehlt.

Wie sind Sie zu all dem, was Sie künstlerisch machen, gekommen?

Vieles in meinem Werdegang ist eher passiert. Für eine Abschlussarbeit an der Hochschule habe ich mir den Riso-Drucker angeschafft. Ich wusste damals nicht, was der ermöglicht. Dann habe ich gemerkt, dass man mit ihm schnell, schön und recht günstig drucken kann. Wir haben ein Buch gemacht, und weil das gut wurde, noch eines. Irgendwann heben wir gemerkt, dass wir jetzt wohl ein Verlag sind. So ist alles Schritt für Schritt gewachsen.

Hat Ihr Studium Ihnen als Künstler geholfen?

Den Bachelor habe ich in Aarau gemacht, Medienkunst hat das geheissen. Da ging es um Know-how. Programmieren, Roboter bauen, Zeug zusammenlöten, Tonstudio, Fotografie, Video. Danach ist man nirgends Spezialist, aber es hat mir im Umgang mit Medien enorm viel gebracht. Der Master in Basel war mir zu theoretisch. Ich bin kein Theoretiker. Dafür habe ich mich durch ihn schneller hier eingelebt.

Als was würden Sie sich bezeichnen, wenn jemand fragt?

In der Medienmitteilung zur Preisverleihung stand zuerst «der Medienkünstler Simon Krebs». Ich habe angerufen und gesagt: «Ich verstehe mich eigentlich nicht als Medienkünstler». Das klingt für mich ein bisschen nach jemandem, der einen Magneten auf einen Fernseher stellt und das dann Kunst nennt.

Auf welche Bezeichnung haben Sie sich geeinigt?

(lacht) Kulturproduzent und Künstler.

Trifft das in Ihren Augen zu? Was sagen Sie, wenn man Sie nach Ihrem Beruf fragt?

Bei Leuten, von denen ich weiss, dass sie auch was mit Kultur machen, sage ich Künstler. Wenn die Frage vom potenziellen Schwiegervater kommt, kommt, der Lehrer zuerst. Meine Freundin schaut mich immer ganz erwartungsvoll an, wenn ich gefragt werde, was ich mache. Was ich wohl diesmal zuerst nenne.

Eine Ihrer Publikationen trägt den Titel «Gute Kunst, schlechte Kunst, keine Kunst». Nervt Sie schlechte Kunst?

Wenn einer sagt: Was ich mache, ist Kunst, dann soll das meinetwegen Kunst sein. Es gibt dann nur leider sehr viel schlechte Kunst. Im Kunstbetrieb gibt es bestehende Strukturen, die kann man nutzen und die Spielchen mitspielen. Ich finde es lustiger, wenn man auch da den Rahmen sprengt. In Basel ist die Szene ziemlich brav.

Warum, meinen Sie, ist das so?

Ich glaube, das liegt auch am Fördersystem. Man kriegt hier relativ einfach Geld, ist dann aber auch schnell in der Richtung unterwegs, nur noch zu machen, was gefördert wird.

Also Segen und Fluch zugleich.

Klar. Beides.

Wie sind Sie darauf gekommen, einen Buchladen zu eröffnen?

Franca und ich fanden es schade, dass es im Kleinbasel keinen Buchladen gibt. Als sich die Gelegenheit ergab, haben wir gesagt: Lass uns einen machen. Dass Anna und Camilla dazukamen und an das Projekt glaubten, dass wir überhaupt so viel Unterstützung erhielten, war einfach grosses Glück.

Für wen machen Sie Kunst?

Für meine Mutter (lacht). Nein. Keiner wartet auf meine Kunst, natürlich. Einerseits mache ich das für mich, für mein Ego. Wenn das, was ich mache, gut ankommt, freut mich das. Andererseits sind es einige wenige Leute, wenn die finden, das ist interessant, was ich mache, dann ist das schon genug. Wer hat mal gesagt: «Weil ich das am wenigsten schlecht kann?»

War es eine bewusste Entscheidung, Künstler zu werden?

Während des Medienkunststudiums habe ich nie gedacht: Ich werde mal Künstler. Das kam erst mit dem Masterstudium in Basel.

Was war denn vorher Ihr Berufsziel?

Ich wollte mal Industriedesigner werden. Aber als ich mitbekam, was die so machen, wirkte das auf mich so, als suchten die Probleme, die es nicht gibt, um dann Lösungen dafür zu designen. Eine noch ergonomischere Zahnbürste. Die sind doch gut, die Zahnbürsten, die wir haben. Lösungen finde ich nicht so interessant.

Ist es Ihnen wichtig, aufzumischen?

Dafür bin ich zu brav, oder?

Das wissen Sie besser.

Die Idee, in der heutigen Zeit einen Buchladen zu eröffnen, ist gleichzeitig schräg und konventionell. Die Resonanz darauf war wohl grösser, als sie auf noch einen Kunstraum gewesen wäre. Was ich mag am Laden, ist die durchmischte Kundschaft. Da sind einerseits Künstlerfreunde, Literaturmenschen, aber auch Hipstertouristen und Leute aus dem Quartier. Darauf bin ich schon stolz. Auf ältere Menschen, die zu uns kommen und sagen: «Toll, dass es hier wieder einen Buchladen gibt.» Die stehen dann bei uns und gucken sich komische Kunstbücher an. Das sind die schönsten Begegnungen.

Wie läuft der Laden eigentlich?

Der läuft ganz gut. Er trägt sich selber, wir verdienen dabei aber alle nichts.

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