Plattentaufe

Scratches: Mehr Zeit und Raum für den Weltschmerz

Im Gegensatz zum Voralbum «Before Beyond» präsentiert sich «Rundown» wesentlich düsterer und einheitlicher. (zvg)

Im Gegensatz zum Voralbum «Before Beyond» präsentiert sich «Rundown» wesentlich düsterer und einheitlicher. (zvg)

Die Basler Band Scratches lotet mit ihrem neuen Album «Rundown» die verschollenen Klangfarben der Melancholie aus.

Sie wirkt energiegeladen, fast elektrisiert, spricht schnell und bestimmt. Sarah-Maria Bürgin klingt so ganz anders als die raue, klagende Stimme in den Songs ihrer Band Scratches. Inmitten von Soundchecks und Hauptproben nimmt sich die Wahlbaslerin einen Tag vor der Plattentaufe eine Auszeit für ein Interview. Sie erzählt von der «zur Pornografie verkommenen Gesellschaft», von einer Welt, die in ihrer Verausgabung Stück für Stück zerbröckelt. Es sind solche Beobachtungen und Gefühle, welche die Scratches zum düsteren Drittalbum «Rundown» führten, dessen Plattentaufe heute Freitag stattfindet.

Frau Bürgin, das Artwork des neuen Albums ziert eine verzerrte, gealterte Fratze. Sie ist run-down – heruntergekommen. Was versteckt sich dahinter?

Sarah-Maria Bürgin: Ursprünglich ist es ein Foto des Fotografen Nicholas Winter und zeigt ein junges Mädchen mit einer Maske. Der Künstler Max Zitzer hat das Bild dann verfremdet. Es ist ein Spiel mit der Thematik des Alterns, eine doppelte Metaphorik. Einerseits steht sie für die heutige Gesellschaft, die sich mit ihrem Schönheitswahn und Selbstdarstellungs-Lifestyle hinter einer Maske versteckt und in ihrem narzisstischen Dasein weder zu inneren Werten steht, noch den unaufhaltsamen Prozess des Alterns akzeptieren kann. Andererseits ist es auch einfach ein persönliches Symbol für das Älterwerden. Wir werden wie jeder andere auch geboren, altern und sterben irgendwann.

Ist auch die Band seit dem zweiten Album gealtert? Oder nennen wir es lieber: gereift?

Wir sind konsequenter geworden, haben die bunte Wildheit des zweiten Albums «Before Beyond» abgelegt. Insgesamt konnten wir ein Gesamtwerk schaffen, das seiner düsteren, melancholischen Stimmung vom ersten bis zum letzten Track treu bleibt.

Die Melancholie ist ein zentrales Element jener Songs. Was bedeutet sie für Sie?

Wichtig ist mir die Abgrenzung von der Depression. Die meine ich nämlich nicht. Melancholie ist keine lähmende Unzufriedenheit, sondern eine treibende Sehnsucht. Es ist ein Lebensgefühl mit unglaublichem Tiefgang, ein Weltschmerz, eine Ur-Sehnsucht nach etwas Grösserem. Melancholie ist nicht einfach nur grau. Sie erscheint in einem riesigen Farbspektrum und muss wie ein Schatz gehütet werden. Leider wird ihr in der heutigen Zeit immer sehr wenig Raum gegeben.

Weshalb ist uns dieser Schatz abhandengekommen?

Melancholie ist wie Poesie – sie braucht Raum und Zeit. Heute haben wir genau das verlernt. Wir konsumieren nur noch des Konsumes willen. Wir ziehen uns einfach alles rein. So schnell und so viel wie möglich. Sowieso ist unsere Gesellschaft zur Pornografie verkommen. Es ist alles Oberfläche, alles Maske; die Welt ist voller Narzissten. Dabei machen genau jene Erlebnisse, die diese äussere Schale aufbrechen, die Menschen feiner, sensibler und liebenswert.

 

Freitag, 11. Oktober 2019
Plattentaufe im Sommercasino Basel, 21 Uhr, ab 15 Franken
www.scratches.ch

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