Coronavirus
Schwerkranke haben das Nachsehen: Nicht Berechtigte schnappen Basler Impftermine weg

Basler Hausärzte kritisieren gegenüber der bz, dass sich auch Personen, die nicht berechtigt wären, einen Impftermin schnappen. Sie fordern nun, ihre gefährdetsten Patienten separat anmelden zu können. Der Kantonsarzt sieht dagegen die Ärzte in der Verantwortung, zu kontrollieren.

Michael Nittnaus
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Da vertiefte Kontrollen fehlen, gibt es Zweifel, ob wirklich nur berechtigte Personen in den Basler Messehallen geimpft werden.

Da vertiefte Kontrollen fehlen, gibt es Zweifel, ob wirklich nur berechtigte Personen in den Basler Messehallen geimpft werden.

bz

Der zweite Covid-19-Impfstoff wurde für den Schweizer Markt zugelassen. Doch vorerst geht das Warten auf freie Impftermine weiter. Im Baselbiet sind die Spielregeln glasklar: Geimpft werden vorerst bloss die über 75-Jährigen. Sogar jüngere Patienten mit dem höchsten Risiko, einen schweren Corona-Krankheitsverlauf zu haben, müssen sich hinten anstellen. In Basel-Stadt sind Höchstrisikopatienten dagegen – wie vom Bund empfohlen – bereits jetzt zur Impfung zugelassen.

Was weitum begrüsst wird, bringt bei der Umsetzung Probleme. Mehrere Basler Hausärzte berichten der bz, dass Personen im Basler Impfzentrum geimpft wurden, die weder über 75-jährig waren noch zur vom Bund definierten Gruppe der Höchstrisikopatienten gehörten. «Diese Menschen leiden zwar unter hohem Blutdruck oder Diabetes, doch ihre Krankheit ist gut eingestellt. Demnach wären sie noch nicht impfberechtigt», erzählt Annemarie Martin, Hausärztin im St. Johann.

Wer Impftermin ergattern konnte, wird kaum abgewiesen

Doch wie kann das sein? Schliesslich verlangt der Kanton, dass jeder, der unter 75 ist und im Impfzentrum eine Bestätigung seines Hausarztes vorweist, die Kriterien der Eidgenössischen Kommission für Impffragen erfüllt. Das weiss Martin natürlich: «Das Problem ist, dass unsere Patienten erst zu uns kommen, nachdem sie sich schon einen Impftermin sichern konnten. Wenn ich sie dann abweise, verärgere ich nicht nur meine Patienten. Der Impfplatz ist dann bereits vergeben und würde bei Nichtauftauchen verfallen.» Ein Dilemma. Also füllt Martin in solchen Fällen nicht das offizielle Formular aus, sondern gibt eine Notiz mit dem Krankheitsbeschrieb mit. «Danach berichten sie mir, dass die Bestätigungen im Impfzentrum kaum angeschaut würden. Das kann doch nicht sein.»

Das Problem ist, dass unsere Patienten erst zu uns kommen, nachdem sie sich schon einen Impftermin sichern konnten.

(Quelle: Annemarie Martin, Basler Hausärztin)

«Auch ich wundere mich, dass Patienten geimpft werden, die ich nicht in der höchsten Priorität eingestuft hätte», bestätigt Stefan Kradolfer die Erfahrungen Martins. Der Präsident der Hausärztevereinigung beider Basel führt selbst eine Praxis am Picassoplatz. Die Hausärzte wollen niemandem unterstellen, sich wider besseren Wissens einen Termin geschnappt zu haben. «Sie sind ja chronisch krank, verstehen aber wohl die genauen Kriterien nicht», so Martin.

Kantonsarzt appelliert an Berufspflicht der Hausärzte

Gleichzeitig seien die wirklich Schwerkranken oder Hochbetagten mit dem Anmeldeprozedere überfordert und blieben so ohne Impftermin. Deshalb fordern Kradolfer und Martin dasselbe: Dass Hausärzte ihre gefährdetsten Patienten separat zur Impfung anmelden können, noch bevor die allgemeinen Anmeldefenster öffnen. Einige Kantone machen dies bereits. «Für uns Hausärzte wäre es kein Aufwand, entsprechende Listen an den Kanton zu liefern», sagt Kradolfer. Sowohl er wie Martin hätten bisher aber vom Kanton entweder keine oder nur eine ablehnende Antwort erhalten.

Es gehört zur Berufspflicht der Ärzte, die Bestätigung korrekt auszufüllen. Sonst könnte es ein Aufsichtsverfahren nach sich ziehen.

(Quelle: Thomas Steffen, Kantonsarzt BS)

«Es gibt keinen Königsweg», sagt der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen. Solange der Impfstoff so rar und die Lagerung so schwierig sei, müsse man ihn so rasch wie möglich verwenden. Würden die rund 1000 Ärzte Listen erstellen, wäre ein Durcheinander programmiert. Ausserdem hält Steffen fest: «Es gehört zur Berufspflicht der Ärzte, die Bestätigung korrekt auszufüllen. Sonst könnte es ein Aufsichtsverfahren nach sich ziehen.» Im Impfzentrum fehle schlicht die Zeit, jedes Formular vertieft zu prüfen. Bringe jemand eine Arztnotiz, so gehe man davon aus, dass er berechtigt sei.

Allerdings sagt Steffen auch: «Ich verstehe das Dilemma der Hausärzte. Es ist für alle sehr belastend zurzeit.» Vielleicht prüfe man eine separate Anmeldespur, sobald mehr Impfstoff vorhanden sei. Mittel- oder langfristig hat Steffen aber ein anderes Ziel: «Das Impfzentrum soll durch die ordentlichen Impfstellen abgelöst werden – wie eben die Hausärzte.»