Schiblis Kopfsalat
Schluss mit der Fidschipuppe

Das Naziregime setzte unter anderem Schlager ein, um ihr Gedankengut zu streuen. Doch nicht in jedem Fall ist es angebracht, die unter diesen Vorzeichen entstandenen Lieder zu boykottieren.

Sigfried Schibli
Sigfried Schibli
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Der deutsche Sänger Max Raabe interpretiert Schlager mit streitbarem Inhalt. Darf er das?

Der deutsche Sänger Max Raabe interpretiert Schlager mit streitbarem Inhalt. Darf er das?

zvg/ Olaf Heine

Schlager gelten als politisch unverdächtig, handeln sie doch fast immer von Herz, Schmerz und Herzschmerz. Bei Schlagern aus den Dreissiger- und frühen Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts kann sich dieses Bild jedoch drastisch ändern. Denn das national­sozialistische Regime setzte den Schlager bewusst als Propaganda-Instrument ein und förderte Gesangsstars wie Zarah Leander, die sich willig vor den politischen Karren spannen liess.

Zum politischen Instrumen­tarium des Naziregimes gehörte der Tonfilm, der nicht selten massentaugliche Schlager enthielt und zu ihrer Popularität beitrug. So etwa das Lied «Davon geht die Welt nicht unter» aus dem Spielfilm «Die grosse Liebe», dessen Text von Liebeskummer und Einsamkeit handelt. Zu den punktierten Rhythmen dieses Schlagers kann man wunderbar schunkeln.

Wettbewerb zur Förderung optimistischer Propaganda­filme

Doch der von Bruno Balz getextete und von Michael Jary vertonte Song hat es in sich. Er war das Produkt eines 1942 vom deutschen Propagandaministerium organisierten Wettbewerbs zur Förderung optimistischer Propaganda­filme. «Die grosse Liebe» und seine Lieder waren somit alles andere als unpolitisch. Damit nicht genug: In Konzentrationslagern wurden musik­begabte jüdische Häftlinge gezwungen, «Davon geht die Welt nicht unter» vor ihren Peinigern zu singen und zu spielen, bevor sie in die Gaskammern abkommandiert wurden. Mehr Zynismus geht nicht.

Darf man so ein Liedchen heute noch vortragen? Der politische Instinkt sagt klar: Nein. Kontaminiert und auf ewige Zeiten tabu. Der erfolgreiche deutsche Sänger Max Raabe hat Schlager mit zweifelhaften Inhalten wie «Ich lass mir meinen Körper schwarz bepinseln» von Friedrich Hollaender aus dem Repertoire genommen. Auch, weil da der Satz fällt: «Ich trage nur ein Feigenblatt mit Muscheln / und gehe mit ‘ner Fidschipuppe kuscheln.» Fidschipuppe, das geht heute gar nicht mehr.

Verstosses gegen den Paragrafen 175

Schaut man näher hin, so liegen die Dinge komplizierter. Bruno Balz (1902–1988) war ein deutscher Jude, der sich zu seiner Homosexualität bekannte, als Aktmodell wirkte und zeitweise ein Liebesverhältnis mit dem Sexualforscher Magnus Hirschfeld hatte. Dieser Pionier der sexuellen Befreiung wurde schon 1936 und danach wieder 1941 wegen Verstosses gegen den Paragrafen 175 des deutschen Straf­gesetzbuchs festgenommen (der Paragraf existierte bis 1994). Er wäre sicherlich im KZ gelandet, wenn sein Mitstreiter, der Komponist Michael Jary, nicht versichert hätte, er könne ohne Balz keine weiteren Schlager komponieren.

Bruno Balz war eher ein Opfer der nationalsozialistischen Sexualmoral als ein Täter, auch wenn er mit seinen optimistischen Schlagern dem Regime zudiente. Während Friedrich Hollaender wie viele andere komponierende Juden über Paris nach Hollywood emigrierte, ging Bruno Balz in die «innere Emigration» und versuchte, in Deutschland zu überleben. Seine Schlager heute zu boykottieren, träfe den Falschen. So leicht kann Political Correctness in ihr Gegenteil umschlagen.

Sigfried Schibli ist Musikkritiker und Publizist, Hobbymusiker, Grossvater und Querbeet-Leser. Er nutzt seine Zeit für die ­Erholung vom Nachdenken.

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