Rutschmadame
Hirn-Boost im Advent

Woche für Woche nimmt die Rutschmadame das regionale Geschehen aus dem Blickwinkel des nahen Elsass aufs Korn. Heute: Adventskalender im Jahr 2021.

Martina Rutschmann
Martina Rutschmann
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Ein Adventskalender der anderen Art.

Ein Adventskalender der anderen Art.

Oliver Berg / dpa

Adventskalender schon besorgt? Tut es nicht! Es ist Abzocke! Vorbei die Zeiten, als Glitzerbildchen reichten. Heute muss es mehr sein, Kosmetik, Schnäpse, Energie-Präparate. Was soll ich mit einer Mini-Nagelfeile, wenn ich eine Maxi-Tube Augencrème brauche? Und dieser Energie-Quatsch! Schon mal jemanden gesehen, dem ein Gummibärchen einen «Energy-Boost» bescherte? Kommt mir ja nicht mit «Bastle doch selbst einen Kalender». Wer hat in dieser «Gute Zeiten, schlechte Zeiten»-Real-Life-Soap, in der wir gefangen sind, schon die Musse, sich mit Filz und Schnur an einem Adventskalender abzuarbeiten? Täglich die bange Frage, ob die «guten Zeiten» in unserer völkerübergreifenden Serie bloss leere Versprechungen sind und «schlechte Zeiten» als Titel genügen würden? Kauft lieber eine Flasche Schnaps statt eines Adventskalenders mit gepanschten Fläschchen – und fordert bei einem Schluck euer Hirn heraus. 24 Tage lang. Ein virtueller Adventskalender für den Kopf.

Aber – ihr müsst denken. Vielen fällt das schwer, doch bei dieser Alternative zum Klassiker braucht es Grips. Ein Beispiel: Am 3. Dezember müsst ihr eine Rechnung mit der Zahl 3 aufstellen. Bei einer Schweizer Impfquote von 65 Prozent kann man grosszügig sagen: Einen Drittel braucht es noch für «gute Zeiten». In zivilisierten Ländern könnte man die Rechnung mit 10 machen – ein Zehntel fehlt. Weiteres Beispiel: Am 6. Dezember beschäftigen wir uns mit der Appenzeller Treichel, einem Instrument, das dank einer Gruppe von Intellektuellen unter manchem Weihnachtsbaum landen wird. Die Treichel wiegt 6 Kilo. Letztes Beispiel: Tag 11. In der Schweiz sind über 11'000 Menschen wegen Corona gestorben. Ihr müsst euch am 11. des Monats aber wohl eine andere Rechnung einfallen lassen, da die Zahl steigt. Allenfalls könnt ihr die Rechnung am Tag 14 einsetzen, wir sind ja flexibel. Es wird eine anspruchsvolle Zeit. Darum erlasse ich euch die Rechnerei für Heiligabend. Wir alle werden mit den Vorbereitungen für den familiären Superspreader-Event beschäftigt sein und keine Zeit für Rechenspiele haben. Macht es so: Vor 24 Monaten wurde der erste Coronafall registriert. Wenn es so weitergeht, hat der Booster-Gummibär bald ausgedient und der Rechenkalender wird zum Klassiker. Es hat eben alles seine guten Seiten, Pardon, Zeiten.

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