«Stimmen»

Respektlose Arbeit mit Stilen beim Clash der Chöre

«Choirnevale» am Stimmen-Festival: Die Verantwortlichen wagen im Wenkenpark Riehen den Spagat zwischen vier Basler Chören und einem verrückten dänischen Quintett.

Von allen Spielorten des Stimmen-Festivals hat der Riehener Wenkenpark vielleicht die wechselvollste Geschichte erlebt. Anfangs eher der Weltmusik vorbehalten, fanden sich auch bald Blues, Soul und Americana auf der Open-Air-Bühne ein. Bis dann der Umzug in die Reithalle im letzten Jahr als neuen Akzent Chormusik und Lied etablierte. Diese Tendenz wird in der jetzigen Ausgabe von «Stimmen» fortgesetzt, wobei die Beteiligung von gleich vier Basler Chören dem ersten der beiden Abende auch den Reiz der lokalen Verankerung verleiht.

«Choirnevale» steht als etwas sperriger Titel über dem Spektakel, als dessen Spiritus Rector der Komponist Kim Nyberg von der Formation Afenginn verantwortlich zeichnet. Den Dänen mit dem oft angestrengten Prädikat «Folkband» beizukommen, scheitert kläglich. Das fängt damit an, dass sie mit Klarinette, Mandoline, Violine, Bass und Schlagzeug keineswegs skandinavische Musik machen. Stattdessen hört sich Vieles in ihrem Katalog nach Balkan oder Klezmer an, Anklänge an Alte Musik lassen sich heraushorchen. Zwischendurch ereignen sich auch mal ausgesprochen rockige Eruptionen, dann wieder muten einige Passagen an wie Bühnenmusik zu einem Bertolt Brecht-Stück.

Das braucht Erfahrung

Mit «Choirnevale», in einer etwas anderen Version schon mit Chören von den Färöern und aus Estland erprobt, stossen Afenginn nochmals in neue Klangbezirke vor. «Als ich vor Monaten die Partitur bekam, war mein erster Gedanke, dass der Chor hier Farbe ist, aber nicht im Sinne von Background, sondern als gleichwertiges Instrument», so Abélia Nordmann, die Leiterin der vier beteiligten Vokalensembles. «Das Werk fordert von den Chorleuten extreme Flexibilität, die Linien sind sehr hoch und schnell, es gibt Metren wie Elf-Sechzehntel- oder Siebener-Takte. Und dann ist da noch dieser Text, der alles andere als leicht zu fassen ist.» Nordmann bietet für die Begegnung mit den Dänen sechzehn der versiertesten Sängerinnen und Sänger aus ihren Klangkörpern auf: Der Contrapunkt Chor dürfte der bekannteste sein, aber auch Mitglieder von Bâlcanto, dem Ensemble Liberté und dem Novantik Project sind dabei.

Schillernd statt klassisch

Klangeindrücke aus früheren Aufführungen von «Choirnevale» offenbaren eine abenteuerliche Mixtur aus imaginärer Folklore, Minimalelementen und Anklängen an Carl Orff, was nicht zuletzt der fantasievollen Sprache, einer Art Esperanto-Latein zuzuschreiben ist. «Ich freue mich auf den Moment, in dem die Band uns das erklären wird!» Und schmunzelnd trägt sie einen kleinen Eindruck aus dem Libretto vor, in dem sich fantasievoll und sprachspielerisch ein Sarkophag, Vampire und ein Krokodil tummeln. «Afenginn gehen an dieses Werk ohne das klassische Auge dran», erklärt die gebürtige Münchnerin. «Es hat viel von Filmmusik, von Klangflächen, die möglichst gross sein sollen, es ist alles sehr schillernd. Ich finde es toll, dass die so respektlos mit den Stilen arbeiten. Das passt insofern ganz gut zu uns, da wir in einigen der Chöre auch oft weggehen von den Klängen des klassischen Musikbetriebs und gerne Volksmusik oder Folk integrieren.» Nordmann sieht dem Ereignis, in dem auch szenische Elemente mit Maskenfiguren und eine ausgefeilte Lichtshow eingesetzt werden, mit gespannter Erwartung entgegen.

Auch wenn ihre Chormitglieder schon lange am Notenmaterial arbeiten, ist auch jetzt, kurz vor der Aufführung, noch Einiges im Fluss: Nyberg hat ihr vor kurzem noch zwei neue Stücke geschickt, und es ist lediglich eine gemeinsame Probe vor der Aufführung angesetzt.

«Das alles mit den Instrumenten der Band zusammenzusetzen», sagt die Dirigentin, «das wird eine grosse Herausforderung.»

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