Fotografie
Otto Böhne hält Basel mit seiner Kamera fest: «Ich dachte anfangs, Basel sei so hässlich wie Wuppertal»

Der Basler Strassenfotograf Otto Böhne erzählt von seinem bewegten Leben – etwa davon, wie er ein Jahr lang das Bett nicht verlassen hatte und nur Toastbrot ass.

Martina Rutschmann
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Otto Böhne hält Basel mit der Kamera fest
22 Bilder
 Hobbyfotograf Otto Böhne verlässt das Haus nie ohne seine Kamera – dabei entstehen ungewohnte Fotos von Basel.
 Die Umkleidekabine des Naturbades in Riehen.
 Paul Gauguin am Rheinufer, quasi.
 Velofahrer durchquert Lichtkegel beim Messebau.
 Ausblick aus dem Parkhaus bei der Rosentalanlage.
 Tänzerin in der Rheingasse.
 Leben in der Rheingasse im Kleinbasel.
 Ein Lastwagen an der Utengasse.
 Noch ist das Riesenrad nicht bereit für die Herbstmesse.
 Warten auf die Münsterfähre.
 Hochschule an der Oslostrasse auf dem Dreispitz-Areal.
 Der Roche-Turm, fotografiert an einem Nachmittag im Herbst.
 Hunde am Rhein.
 Auch die Möwen brauchen mal was zu Essen.
 Rheinschwimmer ohne Wickelfische.
 Friedliche Stimmung im Kleinbasler Schafgässlein: Kurt liest.
 Eine Touristin flaniert mit Sonnenschirm dem Rhein entlang.
 Treppenhaus an der Florenzstrasse auf dem Dreispitz-Areal.
 Seitenansicht des Theater Basel, aus dem Tram fotografiert.
 Der Basler Beizenchor singt in der Rheingasse.
 Eine Frau am und eine Frau im Rhein.

Otto Böhne hält Basel mit der Kamera fest

Kenneth Nars

Sein Gehirn ist ein Flipperkasten. Und egal, wo die Kugel landet: Es kommt was Kluges heraus. Meist eine Anekdote, oft eine Weisheit. Etwa: «Kunst muss einen emanzipatorischen Hinweis liefern, sonst ist es keine Kunst. Helene Fischer liefert keine emanzipatorischen Hinweise.» Er nennt Namen, die kaum mehr einer kennt. Seinen eigenen etwa. Otto Böhne. Gestatten: Dieser Mann fotografiert Basel, auf seine Art. Seinen Namen hat er einem Kommunisten geklaut, der im Konzentrationslager ermordet wurde. Es ist sein Künstlername, eigentlich heisst er Frank.

Böhnes Kunst ist vor allem auf Facebook zu sehen. Daumen hoch bis zum Abwinken. Die Bilder zeigen intime Momente Fremder und fangen Augenblicke ein. Er macht Kunst und «Gebrauchsfotos». Der Mann hat Geduld, kann stundenlang warten, bis ein Velofahrer den Lichtkegel unter dem Messebau durchquert. Und Zeit, das hat Böhne auch. Seit 17 Jahren. Damals verliess er das Theater Basel, wo er als Kostüm- und Bühnenbildner angestellt war. Seither fotografiert er, lebt von der Hand in den Mund. Zwischendurch lag er mal ein Jahr lang in seinem Bett vor der Glotze und ass Toastbrot.

Alkohol, Burn-out, Scheidung

Otto Böhne kommt 1957 im deutschen Wuppertal zur Welt. Er wohnt am Otto-Böhne-Platz. «Der echte Otto Böhne lebte schräg gegenüber von uns, wäre er nicht umgebracht worden, hätte ich den kennen können», sagt der falsche Otto Böhne. Im Gegensatz zum Original ist sein Leben ein gutes. Zwei Schwestern, nette Eltern, keine Nazis im Genick. Nach der Schule wird Böhne Kunstmaler. Er verliebt sich in die Schwester eines Freundes. Die junge Frau will auf die Bühne. Ein Tänzer des Pina-Bausch-Ensembles bringt ihr Ballett bei. Bausch, Ballettdirektorin an den Wuppertaler Bühnen, ist bereits ein Star. Zuweilen ein schwangerer. Bloss: Wohin mit dem Kind? Das Baby wird mehr Zeit mit Otto Böhne und seiner Freundin verbringen als mit Pina Bausch.

«Da gab es einen Bruch in meinem Leben», sagt Böhne – und die Kugel in seinem Flipperkasten überspringt ein paar Jahrzehnte. Alkohol, Burn-out, Scheidung. Abends zahlreiche Biere, morgens ein Kater, tagsüber viel Arbeit. Die Ehe läuft nebenbei und irgendwann nicht mehr. Böhne und die junge Frau von damals lassen sich scheiden. Er weist sich selber in die Psychiatrie ein, macht einen Entzug. «Trinken war anstrengend», sagt er. Erschöpft bleibt er auch ohne Alkohol. Er verlässt das Theater und steigt ins Bett. Inzwischen ist Böhne, wenn überhaupt, nur noch als Zuschauer im Theater. Lieber schaut er dem Alltag zu. Am liebsten durch das Objektiv seiner Leica.

«Es war hippiemässig, aber geil!»

Böhne wohnt in einer kleinen Wohnung im Kleinbasel. Tino Krattiger, die personifizierte Rheingasse, ist ein guter Freund. «Oh Gott!», sagt dieser, «der Otto! Manchmal denke ich, er wurde uns von einem anderen Stern gesandt.» Otto sei ein Mensch, der alles, wirklich alles, wisse. «Es würde mich nicht erstaunen, wenn er ein weltbedeutender Physiker wäre, der den Rummel satthatte und inkognito leben will», sagt Krattiger. Doch Böhne war kein Physiker. Sondern Babysitter.

Nach der Geburt ihres Sohnes suchte Pina Bausch eine Nanny. Böhnes Freundin nahm den Job an, brauchte aber Unterstützung. Wer wäre da besser gewesen als ihr Freund Böhne, der Mann mit Zeit und Geduld? Bald bekam das Bausch-Baby ein eigenes Zimmer bei Böhnes Eltern.

Es war die Zeit von Joseph Beuys. Der deutsche Künstler prägte Menschen wie Böhne. Dieser beruft sich etwa dann auf Beuys, wenn er gefragt wird, warum er hundert Fotos am Tag schiesst. «Ich hämmere an der Gesellschaft», sagt Böhne. In Beuys Worten heisst es «Arbeit an der Sozialen Plastik». Diese schliesst alles ein, auch das Babysitten. Jahrelang trug Böhne den Bausch-Jungen mit sich herum. Und da ihn dessen Mutter auch als Kleinkind noch stillte, musste Böhne stets in ihrer Nähe sein. »Das war hippiemässig, aber geil!», sagt Böhne.

An einem Festival erkannte ihn ein Jugendfreund wieder. Der Jugendfreund war verzweifelt. Seine Bühnenbildnerin war nach einem Streit abgehauen. Die Premiere stand kurz bevor. «Malst Du noch?» Ab und zu noch, ja. Und schon stand Böhne in der Werkstatt und machte etwas, von dem er keine Ahnung hatte: ein Bühnenbild. Jahrzehntelang tat er nichts anderes mehr. Auf der ganzen Welt hat er gearbeitet. Bis zur Wende. Da zog es ihn an einen Ort, der nah war und doch fern: in den Osten.

Mit Joachim Schlömer, inzwischen ebenfalls ein Star des Theaters, wurde Böhne am Nationaltheater Weimar engagiert. Doch der Intendant dort, der war eher unangenehm. Michael Schindhelm kam ihnen da gelegen mit seiner Frage: «Kommt ihr mit nach Basel?» Das war 1995. Böhne ging mit – und blieb. «Ich dachte anfangs, Basel sei so hässlich wie Wuppertal. Bald habe ich aber gemerkt: Basel ist wunderschön!», sagt er – und macht sich auf den Heimweg. Mal schauen, ob aus einem der 100 Fotos, die er geschossen hat, etwas geworden ist.

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