Interview

Nicole Berneggers Leben nach «Voice of Switzerland»: «Ich gestalte mein Musikleben jetzt selbst»

Nicole Bernegger: «Ich konnte kompromisslos umsetzen, was mir vorschwebte.» (Archivbild)

Nicole Bernegger: «Ich konnte kompromisslos umsetzen, was mir vorschwebte.» (Archivbild)

Seit ihrem Sieg bei der Castingshow «The Voice of Switzerland» sind sechs Jahre vergangen, seit ihrem letzten Album «Small Town» vier Jahre. Nicole Bernegger hat ihr Leben als Sängerin umgekrempelt und in Eigenregie nun ihr drittes Werk «Alien Pearl» veröffentlicht. Für die 42-jährige Baselbieterin ist es ein Befreiungsschlag und ein Neubeginn zugleich.

Ihr Alltag als Künstlerin hat sich in den letzten zwei Jahren stark verändert. Markiert «Alien Pearl» eine Art Wiedergeburt?

Nicole Bernegger: Das kann man schon sagen. Nach «The Voice of Switzerland» hatte ich Schwierigkeiten, meinen musikalischen Weg zu finden. Vor zwei Jahren trennte ich mich schliesslich von meinem Label und vom Management. Ich wechselte die Band und stellte um mich herum ein komplett neues Team zusammen. Jetzt arbeite ich mit alten Weggefährten, welche die gleiche Ästhetik und dieselbe Musik lieben wie ich und ebenfalls aus der Region sind. Lukas Isenegger, meinen Gitarristen, kenne ich zum Beispiel seit fünfzehn Jahren. Er spielte schon in meiner ersten Band, The Kitchenettes, und ist jetzt wieder an Bord. Und mit meiner neuen Managerin Steffi Klär verbindet mich eine lange Freundschaft. Dieses Umfeld inspiriert mich sehr.

Befreit es Sie auch?

Auf jeden Fall. Ich war nach dem letzten Album blockiert und schrieb kaum noch neue Songs. Ich mochte die Leute, die sich bei Universal um meine Karriere kümmerten, aber wir hatten unterschiedliche Vorstellungen davon, wohin es musikalisch gehen sollte.

Heute halten Sie die Kontrolle über Ihre Karriere in den eigenen Händen. Sie haben das neue Album selbst herausgebracht und sind zusammen mit Ihrer Managerin für alles zuständig.

Ja, ich setze die Prioritäten und entscheide, wo wir Geld und Zeit investieren. Und vor allem entscheide ich, wie meine Alben tönen sollen. Ich gestalte mein Musikleben jetzt selbst.

Die beiden Alben, die nach Ihrem Sieg bei der Castingshow erschienen, waren von der Produktion her auf modern getrimmt. Der Soul auf «Alien Pearl» klingt dagegen roh und authentisch.

Die beiden Alben, vor allem das erste, waren für meinen Geschmack tatsächlich zu aufgepeppt. «Alien Pearl» wurde dagegen mit echten Instrumenten eingespielt und hat einen natürlichen Sound. Es klingt ein bisschen nach den 60er-Jahren, soll aber keine Kopie sein – so wie es The Kitchenettes waren. Diese Band war total retro. Wir zelebrierten den Northern Soul der 60er-Jahre und ich wollte möglichst originalgetreu wirken. Natürlich hört man auch «Alien Pearl» meine Liebe zu dieser Epoche an, aber das Album steht für einen selbstständigen Soul und ist im Hier und Jetzt verankert. Ich konnte ausserdem kompromisslos umsetzen, was mir vorschwebte, ohne auf marketingtechnische Fragen Rücksicht nehmen zu müssen. Das tat dem Album gut.

Sie sagen, Sie hätten vor ein paar Jahren Schwierigkeiten gehabt, Ihren musikalischen Weg zu finden. Bereuen Sie es heute, an der Castingshow teilgenommen zu haben?

Für mich war es nur ein kurzer Abschnitt in meiner Karriere. Allerdings hatte ich zeitweise schon zu kämpfen. Ich hatte manchmal das Gefühl, mir selbst untreu zu sein. Das war schwierig. Andererseits lernte ich das Business kennen, für mich einzustehen und meine Konsequenzen aus der ganzen Geschichte zu ziehen. Diese Erfahrungen machten mich zu dem, was ich heute bin. Und die Castingshow gab mir auch viel Positives, das sollte man nicht vergessen. Meine Alben verkauften sich gut, ich ging mit Simply Red auf Deutschland-Tournee und spielte mit Joss Stone, gab zahlreiche Konzerte vor grossem Publikum und lernte tolle Menschen kennen. Das kann mir niemand nehmen.

Fühlten Sie sich nie verheizt?

Dazu hatte ich damals schon zu viel Erfahrung. Ich war ja nicht das junge Mädchen, das eine Castingshow gewinnt, ohne je zuvor auf einer Bühne gestanden zu haben.

Derzeit läuft am deutschen Fernsehen «The Voice of Germany». Fiebern Sie mit?

Nicht wirklich, wenn ich aber zufällig in die Sendung zappe, bleibe ich schon mal hängen. Kürzlich sah ich die Blind Auditions. Da ging mir durch den Kopf, wie furchtbar nervös ich war, als ich damals vor dieser verschlossenen Tür stand und auf meinen Auftritt wartete. Ich wusste, ich hatte zwei Minuten Zeit zu überzeugen – Daumen hoch, Daumen runter, wie bei den römischen Gladiatorenkämpfen.

«The Voice» ist für Sie längst Vergangenheit, aber in der Wahrnehmung des Publikums werden Sie vermutlich immer eine Casting-Figur bleiben – wie Baschi oder Stefanie Heinzmann. Ist das eine Bürde, jetzt, da Sie als selbstständige Sängerin neu beginnen?

Ich weiss, was Sie meinen. In der Schweiz verliert man bei vielen Leuten an Glaubwürdigkeit, wenn man an einer Castingshow teilgenommen hat. In anderen Ländern ist das nicht so. Aber mich im Nachhinein zu hinterfragen, ist müssig. Ich kann nur schauen, wo ich jetzt stehe und wohin mich der Weg mit meinem neuen Album, der neuen Band und dem neuen Team führen wird.

Und unterdessen sind Sie ja wieder Herrin über Ihren Soul. Läuft der Sound aus den 60er-Jahren auch bei Ihnen zu Hause?

Ja, ich höre nach wie vor am liebsten Rocksteady, Ska, Soul und Early Reggae. Und wenn ich ein Konzert besuche, ist es meistens aus diesen Bereichen.

Wie bekommen Sie Ihr Familienleben und die Musik unter einen Hut? Sie kümmern sich neuerdings ja auch um das Administrative und den Vertrieb und haben drei Kinder zwischen sechs und zehn Jahren.

Natürlich ist es schwierig, aber die Musik ist mein Job, und ich muss mir einfach meine Zeit dafür nehmen. Andere gehen ins Büro, ich bin Sängerin. Manchmal arbeite ich nachts oder am Morgen, bevor ich die Kinder zur Schule bringe. Und ich habe das Glück, einen Mann und Verwandte zu haben, die mich unterstützen. Wir sind ein richtiger Familienbetrieb.

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