Am Ende des Prozessauftaktes am Montag blieb ein Fazit: Um am Basler Strafgericht ein Chaos anzurichten, braucht es keine russischen Anarchistenkünstler. Das berühmt-berüchtigte Künstlerpaar Oleg Vorotnikov und Natalya Sokol tauchte nämlich gar nicht erst auf. Die rund ein Dutzend Sicherheitskräfte rund um das Gericht und im Saal waren vergeblich aufgeboten worden.

Ob die beiden Aktionskünstler allerdings wirklich dazu beigetragen hätten, den Sachverhalt zu klären, ist eine andere Frage. Denn das Paar, das als Künstlerkollektiv Woina (russisch für Krieg) für Aufsehen sorgt, ist für seine destruktiven Aktionen bekannt. Zum Kollektiv gehörten früher auch heutige Mitglieder der feministischen Punkband Pussy Riot, die international Bekanntheit erlangten, als sie nach einer Protestaktion in einer Moskauer Kathedrale zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden.

Woina hinterlassen oftmals eine Spur der Zerstörung. So auch in der Genossenschaft an der Wasserstrasse, wo sie im April 2015 unterkamen. Eigentlich hätte das Paar mit seinen drei Kindern nur für wenige Tage in den ehemals besetzen Häusern unterkommen sollen. Doch offenbar dachte die Familie nicht ans Weiterziehen. Bald kam es zum Streit mit den Bewohnern, die grossenteils der linksautonomen Szene zugerechnet werden können.

Künstler berauben ihren Anwalt

Nach gut einem Jahr eskalierte die Lage endgültig. Die Bewohner stellten der Familie ein Ultimatum. Als dieses verstrich, drang eine Gruppe maskierter Männer und Frauen gewaltsam in den Dachstock ein. Unter anderem mit Pfefferspray überwältigten sie das Paar und zerrten die beiden und ihre teilweise nackten Kinder auf die Strasse. Für den Staatsanwalt erfüllt der Vorfall unter anderem den Straftatbestand der Entführung, des Raubs und des Hausfriedensbruchs. Insgesamt zehn Bewohner im Alter zwischen 29 und 61 Jahre stehen seit gestern vor Gericht.

Wenige Tage vor dem Prozess tauchte letzte Woche ein rund viertelstündiges Video des Vorfalls auf dem Internetportal Youtube auf. Es stammt von einer Kamera, welche das Künstlerpaar geheim installiert hatte. Pikant: Das Video ist Teil der Prozessmittel und eigentlich geheim. Das Ehepaar hatte ihrem eigenen Anwalt überfallartig einen USB-Stick entrissen, um es zu erhalten. Bezeichnenderweise dokumentierten sie diesen Raub ebenfalls filmisch. Auch gestern tauchten im Netz weitere Videos auf, in denen Personen namentlich an den Pranger gestellt wurden.

«Ein Klima der Hetze»

«Es war von Anfang an das Ziel der selbst ernannten Künstler, dieses Video ins Netz zu stellen», sagte ein Verteidiger. Die eigentlichen Täter seien nicht die Beschuldigten, sondern die Privatklägerschaft, also das russische Ehepaar. «Woina gehen sehr professionell vor bei der Inszenierung von Realität und schrecken auch nicht davor, ihre Kinder zu instrumentalisieren.» Vergeblich beantragten die Verteidiger, das Video nicht als Beweismittel zuzulassen. Dieses sei illegal hergestellt worden, und würden gegen die Privatsphäre der Beschuldigten verstossen.

«Ganz Basel soll glauben, was Woina inszeniert hat», so der Verteidiger weiter. «In einem solchen Klima kann kein fairer Prozess stattfinden.» Das sei eine massivste Vorverurteilung. «Diese Gruppe Woina führt uns an der Nase herum», sagte ein weiterer Anwalt. Ein anderer Verteidiger sprach von einem «Klima der Hetze.» Die Angeklagten seien bereits öffentlich als Täter hingestellt worden. «Das Ganze ist eine inszenierte Schmierenkomödie.» Das Gerichtsverfahren verkomme zur Farce. «Woina sind die Zirkusdirektoren, wir die Clowns und Tanzbären.»

Tatsächlich schien auch das Gericht zu befürchten, dass das Künstlerkollektiv den Prozess für einen weiteren aufsehenerregenden Auftritt missbrauchen könnten. So war für ihre Zeugenaussage ein abgesonderter Vernehmungsraum vorgesehen, damit keine Videoaufnahmen vom Prozess hätten angefertigt werden können.

Chaotische Zustände

Doch auch ohne die Anarchisten drohte der Prozess mehrfach aus dem Ruder zu laufen. Richter, Staatsanwalt, Angeklagte und Verteidiger trugen alle ihren Teil dazu bei. So agierte Gerichtspräsidentin Kathrin Giovannone immer wieder unsouverän. Etwa, als sie einer Frau die falsche Anklage vorhielt. Weiter sprach sie trotz mehrfacher Intervention der Verteidiger immer wieder von einem «Überfall» statt einem «Vorfall» und musste sich so dem Vorwurf aussetzen, sie sei voreingenommen. Zuletzt begann sie, die zunehmenden Anträge der Verteidiger zu ignorieren.

Auf der anderen Seite gaben sich einige der zehn Strafverteidiger ebenfalls grosse Mühe, Sand ins Getriebe zu streuen. Alleine am Eröffnungstag wurde rund zwei Dutzend Mal der Antrag gestellt, dass die Richter wegen Befangenheit ihr Amt niederlegen sollen und der Prozess verschoben wird. Als einer der Verteidiger mit seinem Antrag vertröstet wurde, weitere Videos der Gruppe Woina zu visieren, um deren Vorgehen aufzuzeigen, liess er diese während einer kurzen Pause mitten im Gerichtssaal ablaufen. Am Ende des Tages spazierten Angeklagten, welche ansonsten Aussagen zur Sache konsequent verweigerten, mehrfach ohne zu fragen aus dem Saal oder hielten einen kurzen Schwatz mit Kollegen im Publikum. Und beim Übersetzen von russischen Aussagen im Beweisfilm musste kurzerhand eine Zuschauerin der Dolmetscherin aushelfen.

Auch der Staatsanwalt fing sich eine juristische Watsche ein. Zu Beginn des Prozesses stellte er den Antrag, die Anklage zu verschärfen. Aus den bedingten Freiheitsstrafen, welche die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift forderte, wären damit zumindest teilweise unbedingte Gefängnisstrafen geworden. Der Antrag wurde vom Gericht allerdings abgelehnt. Das Urteil wird am Freitag bekannt gegeben.