Nach Gewalt in Stadien
Regierungsrätin Stephanie Eymann im Interview: «Es wird kein Eymann-Alleingang»

Die Basler Sicherheitsdirektorin über die geplante Einführung der ID-Pflicht in den Super-League-Stadien.

Maximilian Karl Fankhauser und Jonas Hoskyn
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Stephanie Eymann sieht in der ID-Pflicht eine langfristige Verbesserung.

Stephanie Eymann sieht in der ID-Pflicht eine langfristige Verbesserung.

Kenneth Nars

Stephanie Eymann, wann waren Sie zuletzt im
St.-Jakob-Park?

Stephanie Eymann: Ui, das muss vor der Pandemie gewesen sein.

Haben Sie sich sicher gefühlt im Stadion?

Im Stadion selbst fühlte ich mich schon wohl, dazu muss ich sagen, dass ich auch in der Lounge oben gesessen bin. Was aber das Bild mitprägt, ist das grosse Aufgebot der Polizei, die vor dem Stadion steht. Je nachdem gegen welchen Gegner der FCB spielt, ist die Kantonspolizei dann in hoher Alarmbereitschaft.

Würde sich dieses Bild denn ändern, wenn man eine ID-Pflicht in den Schweizer Fussballstadien einführt?

Wir sind noch ganz am Anfang dieser Geschichte. Der Entscheid, diese Variante «Biglietto» anzunehmen, wird von allen Polizeidirektoren der 26 Kantone einstimmig angenommen. Nun gilt es für die Polizeikommandanten, die Chancen und Risiken abzuwägen. Wichtig ist: Wir müssen in dieser Thematik langfristig denken. Es ist für mich auch klar, dass es ein Tal der Tränen geben wird, wenn diese Lösung kommen sollte. Deswegen will ich eine saubere Einschätzung der Polizei.

Was muss man sich unter «Biglietto» vorstellen?

Die Variante steht dafür, dass jede Person, die an ein Super-League-Spiel gehen möchte, sich ausweisen muss.

Im Joggeli gibt es noch immer Stehplätze, die nicht einer einzelnen Person zugeschrieben sind. Hat die ID-Plicht dann einen Nutzen?

Wie gesagt, wir stehen ganz am Anfang bei dieser Thematik. Zuerst kommt der politische Entscheid. Momentan ist es an der Arbeitsgruppe, diesen Entscheid nun detailliert auszuformulieren. Diese wird, wenn der Antrag detailliert steht, das Gespräch mit dem Klub und der Fanarbeit suchen. Dort wird diese Frage sicher auch besprochen. Zudem tagt bald auch die Arbeitsgruppe Bewilligungsbehörde, welcher ich angehöre, wo es ausschliesslich um diese Thematik der personalisierten Tickets geht.

Bei der Abstimmung haben auch Vertreter aus Kantonen mitgeredet, die keinen Super-League-Verein stellen. Macht eine Diskussion in diesem Rahmen dann Sinn?

Es ist ein gesamtschweizerisches Gremium. Ich finde das einstimmige Resultat gerade auch deswegen ein Statement. Bedenken Sie: Bei Grosseinsätzen wegen Fussballspielen helfen auch Korps aus anderen Kantonen mit. Was aber klar ist: Wenn es ein knappes Resultat gegeben hätte und die betroffenen Kantone dagegen gewesen wären, würde die Sache ganz anders diskutiert werden. Es ist deshalb auch ein entscheidendes Signal, dass es einstimmig angenommen wurde.

Haben wir denn überhaupt ein Gewaltproblem im Basler Fussball? Das Polizeiaufgebot hat in den letzten Jahren ja sichtlich abgenommen.

Klar, es ist ruhiger geworden in Basel, auch wegen der Pandemie. Aber auch in diesen Zeiten kann immer etwas geschehen, wie zum Beispiel in Zürich oder Luzern. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir einen einheitlichen Weg beschreiten. Denn mir ist jede gewalttätige Auseinandersetzung eine zu viel. Denn die meisten Menschen wollen wegen des Fussballs ins Stadion, nicht wegen der Gewalt.

Was ist falsch am viel beschworenen «Basler Weg»?

Der Weg des Dialogs, den wir bis jetzt haben, wird ja nicht wegfallen. Ich sehe die ID-Pflicht als Zusatzmöglichkeit. Wir wollen ja nicht den Sport verbieten, sondern der Gewalt im Sport entgegentreten. Das Ja war auch eine Solidaritätsbekundung. Ich finde die Lösung richtig für Basel und will keinen Flickenteppich, bestehend aus kantonalen Extraregelungen, wie wir ihn Stand jetzt haben.

Was sind die längerfristigen Ziele, die mit der ID-Pflicht erreicht werden sollen?

Ein erstes Ziel ist es ganz klar, das Polizeiaufgebot reduzieren zu können. Es kann nicht sein, dass wegen eines Fussballspiels so viel Steuergelder investiert werden müssen. Hinzu kommt der Wegfall der Anonymität. Man kann nicht mehr einfach tun und lassen, was man will. Dies hilft bei der Strafverfolgung, hat aber auch einen präventiven Effekt.

Besteht dann nicht die Gefahr, dass sich die Gewalt aus dem Stadion nach draussen verschiebt?

Das kann eine kurzfristige Folge sein und auch zu einem Mehraufwand führen. Längerfristig wird sich dies aber einpendeln. Denn irgendwann wollen auch die, die sich weigern, ihren Ausweis zu zeigen, wieder ins Stadion gehen wollen.

Haben Sie das Gespräch mit dem Verein und der Fanarbeit schon gesucht?

Nein, das habe ich bisher nicht getan. Ich möchte mit Substanz in diese Gespräche gehen können und deshalb warte ich den Bericht der Arbeitsgruppe ab und werde dann auf die entsprechenden Personen zugehen. Denn deren Meinung ist mir in der Ausarbeitung sehr wichtig. Dennoch sehe ich mich als Sicherheitsdirektorin und nicht als Fanbeauftragte.

Gab es auch andere Varianten als eine ID-Pflicht, gegen die man sich aber entschieden hat?

Ja, die hat es gegeben. Wir haben auch über die Schliessung der Gästesektoren gesprochen. Dort hätten wir dann die Problematik, dass es im gesamten Stadion zu einer Durchmischung kommt und keine Trennung mehr vorhanden wäre. Von dieser Variante haben wir uns deshalb keine Besserung erhoffen können.

Muss die Vorlage vor das Parlament?

Ich denke, dass es aus datenschutztechnischen Gründen zu einer Gesetzesänderung kommen muss und wir es dem Grossen Rat vorlegen müssen. Und auch wenn das nicht der Fall ist, wünsche ich mir eine politische Legitimation. Es soll kein Stephanie-Eymann-Alleingang werden.

Was passiert, wenn die Vorlage abgelehnt wird?

Das wäre dann zu akzeptieren, das gehört zum politischen Alltag. Aber es schon gar nicht erst zu versuchen, mit dem Argument, das habe man ja schon mal diskutiert vor Jahren, wäre sicher falsch. Es gehört zu meinem Job, Lösungen für Probleme zu suchen und zu vertreten, ansonsten könnte ich das Politisieren sein lassen.

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