Situationsanalyse

Männerstimmen gesucht: Den Basler Chören fehlt der Nachwuchs

Chorkonzerte können auf ein treues Stammpublikum zählen. Hier im Bild der Bach Chor in der Martinskirche in Basel. Zlatko Mićić

Chorkonzerte können auf ein treues Stammpublikum zählen. Hier im Bild der Bach Chor in der Martinskirche in Basel. Zlatko Mićić

Die grossen Basler Laienchöre begeistern mit der Aufführung opulenter Chorwerke. Doch wie steht es um den Nachwuchs und die Finanzen? Eine Situationsanalyse

Fastenzeit ist Chorzeit. Insbesondere an deren Ende, an Ostern, freut man sich auf grosse geistliche Chormusik wie eine Bachsche Passion, Haydns Schöpfung oder eine Messe von Mozart, Beethoven und Co. Man pilgert in Scharen in die grossen Kirchen und lässt sich von den grossen Chören, die solche Werke aufführen, begeistern.

Eine beliebte, jahrzehntelange Tradition – immerhin gibt es die meisten dieser Chöre schon gefühlte Ewigkeiten. Längst findet sich im Programm aber auch Unbekanntes, Innovatives, bis hin zu Uraufführungen. «Das gefällt zwar den Kennerinnen und Kennern sehr, vermag aber nicht immer, alle Ränge zu füllen», meint Christoph Ritter von der Cantate Basel, die seit über 50 Jahren aktiv ist. «Für ein volles Haus braucht es die Konzentration auf Schlager der Chorliteratur. Unkonventionelles ist schwierig», meint auch Werner Baumann vom Basler Gesangverein, dem ältesten gemischten Chor der Schweiz.

Unkonventionelles gefällt aber nicht nur den Kennern, sondern auch den Geldgebern, die weniger Bewährtes und mehr Innovation fördern – ein klassisches Spannungsfeld, nicht nur für Chöre.

Stammpublikum als Kassengarant

Eine solide Finanzierung der grossen und oft sehr kostspieligen Konzerte ist notwendig, gerade bei teilweise schwankenden Ticketeinnahmen auf der einen Seite und steigenden Konzertraummieten auf der anderen Seite. Professionelles Fundraising oder Strategien dazu haben die wenigsten. Man setzt erfolgreich aufs private Netzwerken und gute Überzeugungsarbeit aus den eigenen Reihen und hohe musikalische Qualität.

Und die Gelder kommen: unregelmässig von öffentlicher Hand und Stiftungen (selten von Unternehmen), regelmässig durch Spenden sowie Gönner- und Mitgliederbeiträge. Der grösste Kassengarant bildet das eigene Stammpublikum, was sich bei der Cantate Basel überwiegend aus dem näheren und weiteren Verwandten- und Bekanntenkreis der Chormitglieder speist: Ein natürlicher Vorteil grosser Laienformationen, der aber zwingend einer wichtigen Konstante bedarf: Nachwuchs.

Die Sorge um den Nachwuchs

In Zeiten beruflicher und privater Flexibilität, die insbesondere von jüngeren Generationen gelebt wird, bildet das wochenlange Erarbeiten grosser Chorwerke im Vereinsrahmen scheinbar nicht das ideale Freizeitprogramm. Zumal es mittlerweile ausreichend kleinere, flexiblere – und eben jüngere – Projektchöre gibt.

Die Überalterung ist durchschnittlich ein Thema der grösseren Traditionschöre, wenngleich beispielsweise der Basler Bach-Chor in den letzten Jahren erfreulich viel Zulauf durch jüngere Sängerinnen und Sänger erhielt, wodurch es zu einer sicht- und hörbaren Verjüngung kam. Präsidentin Tina Widmer ergänzt, dass es sogar eine Altersobergrenze gibt, um die stimmliche Qualität auf einem hohen Niveau zu halten.

Die Cantate setzt erfolgreich auf moderne Aussenrepräsentation, kann trotzdem vor allem Sängerinnen und Sänger ab Dreissig fürs Mitsingen begeistern, «da diese privat und beruflich stabil geworden sind», sagt Christoph Ritter.

Andere Chöre, die – oft aufgrund ihrer festgefahrenen Strukturen – weniger erfolgreich junge Singbegeisterte binden können, sind dann «jung geblieben» mit hohem Durchschnittsalter. Kooperationsprojekte mit jüngeren Formationen wie sie beispielsweise der Regio-Chor Binningen/Basel unternimmt, sind hier Hoffnungsträger. Hält aber die Hoffnung im elementarsten Geschäft eines Laienchors, der Nachwuchsakquisition, Einzug, sind auf lange Sicht Strategien und Überlegungen notwendig.

Clevere Strategien braucht es zum Beispiel im Speziellen für die Akquirierung von Männerstimmen. In der Tiefe mangelt es selten, aber gerade hohe Register sind Mangelware. Ein Zustand, der von manchem grossen Chor – wie in anderen Chören nicht anders – als gegeben hingenommen wird. Andere versuchen, dem Problem mit zielgruppenorientierter Werbung entgegenzuwirken – bislang erfolglos.

Die singfreudige Männerschaft ist scheinbar ein Relikt früherer Tage; da gilt es die erfahrenen Männerstimmen zu halten und das allfällige Manko so gut es geht zu kaschieren. Oder vielleicht weitere Überlegungen wie eine Fusion anzustrengen. Mit anderen Chören fusionieren und die eigene Tradition aufgeben? Kein brennendes Thema bei den grossen Basler Chören. Vielleicht lodernd beim Basler Gesangverein und dem Regio-Chor, bei dem «die Zukunft grundsätzlich, aber durchaus immer wieder ein Thema ist, das uns beschäftigt», so Präsident Ulrich Brückner.

Der Basler Bach-Chor und die Cantate Basel setzen dagegen auf ausserstädtische Kooperationen, auch um richtig grosse Konzerte wie Beethovens Missa solemnis finanziell und personell zu stemmen. Sehr zur Freude der eigenen Sängerinnen und Sänger. Denn letztlich bringt das gemeinsame Musizieren, insbesondere das Singen, ja Menschen zusammen – und das gefällt auch wieder dem Publikum.

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