Leitartikel
Warum der Bahnhof SBB immer Flickwerk bleiben wird

Die Bundesbahnen hangeln sich in Basel von Provisorium zu Provisorium. Auch eine zweite Passerelle macht da keinen Unterschied. Und rundherum: Eine städtebauliche Problemzone neben der anderen.

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli
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Die geplante neue und provisorische Passerelle beim Bahnhof SBB: Ein weiteres Stück im Flickwerk.

Die geplante neue und provisorische Passerelle beim Bahnhof SBB: Ein weiteres Stück im Flickwerk.

Bild: zVg

Basel und der Bahnhof SBB - falls es einmal eine Liebesbeziehung gegeben haben sollte: sie ist seit Jahren und Jahrzehnten erkaltet. Spätestens seit den sechziger Jahren, als diesem kleinen Organismus innerhalb des Stadtgebildes, um weiter biologische Metaphern zu verwenden, die Luft abgeschnürt wurde durch die fette Ringstrasse, die ihn seither vom Hauptteil der Stadt abtrennt.

Nein, als Basler wird man nicht warm mit diesem Bahnhof. Konzipiert im 19. Jahrhundert, steht er heute irgendwie falsch und verloren in der Stadtlandschaft. Aus der Zeit gefallen. Bewundernswert einzig aus bauhistorischer Sicht, mit den prächtigen Landschaftsmalereien in der Haupthalle, den Perrondächern mit ihrem frühindustriellen Charme und dem vor kurzem wunderbar restaurierten Westflügel. Ansonsten gleicht der Bahnhof SBB einem Flickwerk.

Von Provisorium zu Provisorium

Nun wird er, wie die SBB diese Woche verkündet haben, um zwei Gleise und eine zusätzliche Passerelle reicher. Mit ihr soll gelingen, was schon mit der ersten ihrer Art - einem inzwischen auch architektonisch fragwürdigen Gebilde - eigentlich zu keiner Zeit gelungen ist: Die Passagiere rasch und ohne Gedränge zu den Zügen hin oder von den Zügen weg zu befördern.

Es ist bezeichnend, dass dieser neue Übergang ein zwar teurer, aber lediglich zeitlich begrenzter sein wird. Die SBB als Bauherrin und Eigentümerin räumen damit offen ein, was schon seit Jahren zu konstatieren ist: Man hangelt sich von Provisorium zu Provisorium. Oder anders gesagt: Angesichts des sich immer rascher verändernden Mobilitäts- und Konsumverhaltens und der entsprechenden Bedürfnisse kann bei einem Bahnhof nichts mehr von Dauer sein.

Auch die Basler Stadtplanung, die sich quasi um das Rundherum des Bahnhofs kümmert, ist einigermassen ratlos. Der Centralbahnplatz ist das beste Beispiel dafür. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde er mit einer räumlichen Offenheit neu gestaltet, mit welcher die Nutzerinnen und Nutzer offensichtlich überfordert sind. Eine von der Regierung in Auftrag gegebene und vor einigen Monaten veröffentlichte Studie ortet weiteren Handlungsbedarf. Zum Beispiel bei der Margarethenbrücke, zum Beispiel im Raum vor der Markthalle.

Eine weitere Problemzone gefällig? Das Postreitergebäude (vulgo Rostbalken), steht seit den frühen achtziger Jahren quer über den Geleisen und verschlingt jeden Zug wie ein Monster. Was tut man also? Man will das Gebäude abreissen, merkt aber, dass sein Unterbau, bestehend aus einem Parking, bei laufendem Zugbetrieb nicht zurückgebaut werden kann. Also wird die «Nauentor» genannte geplante Bebauung einfach daraufgestellt. Das wird an der Nutzung und der Architektur etwas ändern, jedoch kaum etwas in der städtebaulichen Gesamtsituation. Die unwirtlichste Strasse der Stadt, die Nauenstrasse, wird den Bahnhof weiterhin vom Westen abschneiden wie die Übergänge vom und zum «Gundeli» nicht optimal bleiben.

Abschied von der Bahnhof-Romantik

Und wie wird sich die Bahnhofslandschaft erst verändern, wenn ein Tiefbahnhof gebaut und das S-Bahn-Herzstück realisiert werden? Die Zeit der Grossbaustellen wird bleiben und kommen. Die SBB als Eigentümerin ist weit weg von Basel und hat wie überall zwei grosse und unterschiedliche Herausforderungen, die einer planerischen Kohärenz nicht zuträglich sind: Den Schienenverkehr optimieren und mit den Bahnhofsflächen eine Rendite erzielen.

Wir müssen uns wohl definitiv von der Vorstellung verabschieden, dass der Basler Bahnhof SBB irgendwann einmal dank eines grossen architektonischen oder städtebaulichen Entwurfs attraktiver und besser an die Stadt angebunden wird. Und wer der Vorstellung nachhängt, einem Bahnhof wohne ein letztes Fünkchen Reiseromantik inne, wird sowieso von der Realität eines besseren belehrt. Diese Orte sind heutzutage kühle, auf Pragmatismus ausgerichtete Orte des Durchgangs und des Kommerzes.

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