Nähkästchen
Kurierzentrale-Chef: «Wer in der Stadt wohnt, braucht kein Auto»

Jérôme Thiriet, Chef der Kurierzentrale und Grünen Grossrat, plaudert aus dem Nähkästchen. Übers Autofahren, WGs und Plastikabfall.

Rahel Koerfgen
Merken
Drucken
Teilen
Jérôme Thiriet hat den Begriff «Jugend» aus dem Nähkästchen gezogen.

Jérôme Thiriet hat den Begriff «Jugend» aus dem Nähkästchen gezogen.

Juri Junkov

Jérôme Thiriet, worüber reden wir?

Über Jugend. Das passt. Ich fühle mich trotz meiner 36 Jahre einigermassen jung. Gerade im Vergleich mit anderen Gleichaltrigen.

Was ist Ihr Jungbrunnen?

Grundsätzlich hat das sicher mit meinem Naturell zu tun, ich bin ein spontaner, offener und freiheitsliebender Mensch. Aber auch damit, dass ich in einem relativ «jungen» Business arbeite, bei den Velokurieren. Ich übernehme gewisse Verhaltensformen der jugendlichen Leute – es arbeiten ja viele Studenten bei uns.

Bei den Velokurieren sind die Wilden, Unabhängigen.

Dann würden Sie sich älter fühlen, wenn Sie jetzt Anwalt oder Banker wären?

Wahrscheinlich. In einem «normalen» Unternehmen hast Du eher die Vernünftigeren. Die das Leben gerne in gelenkten Bahnen haben. Bei den Velokurieren sind die Wilden, Unabhängigen. Mir gefällt, dass hier starre Strukturen fehlen, dass wir wie eine Familie sind. Gesellschaftlich sind wir zwar weniger angesehen als ein Anwalt oder Arzt...

... dafür sind Sie glücklicher, weil Sie das machen, was Ihnen Spass macht.

Genau. Und man muss schon sehen, dass sich unser Betrieb und auch der Beruf professionalisiert hat.

Sie arbeiten seit zwanzig Jahren in diesem Beruf. Hatten Sie nie Lust, was Neues zu probieren?

Das habe ich hinter mir. Auf Anraten meiner Eltern – ich könne doch nicht ewig Velokurier bleiben – habe ich das KV gemacht und bei verschiedenen Unternehmen gearbeitet, etwa bei einer Immobilienverwaltung. Ich war todunglücklich, das war für alle dort nichts mehr als ein Brotjob. Aber stimmt, auch der Velokurier-Job wiederholt sich. Deshalb habe ich vor vier Jahren die Kurierzentrale dem Vorbesitzer abgekauft und die Geschäftsführung übernommen.

Velofahren ist Ihr Leben. Können Sie sich ans erste Pedale-Treten erinnern?

Oh ja, noch sehr genau. Weil das ging zwei, drei Mal schief...

...keine Stützrädli?!

Nein. Mein Vater fand, das geht auch ohne, setzte mich auf den Sattel und gab mir einen Schupf. Ich bin ein paar Mal gefallen, aber ich hatte es zackig drauf. Seither bin ich immer Velo gefahren. Viel am Rhein entlang, wenn ich etwa zur Schule musste. Aber auch in der Freizeit.

Was fasziniert Sie daran?

Dass man mit eigener Muskelkraft so schnell vorwärts kommt. Deshalb fahre ich auch nicht gerne Auto. Das ist so passiv.

Warum haben Sie dann den Führerschein gemacht?

Das war mehr ein Zwang, aus beruflichen Gründen. Die Kurierzentrale liefert ja auch Dinge mit dem Auto aus.

Sie politisieren seit einem halben Jahr für das Grüne Bündnis im Grossen Rat. Da gehören Sie – verglichen mit der Arbeit – zu den Jungen.

Ja, das Durchschnittsalter im Grossen Rat ist crazy hoch.

Ich muss mir im Grossen Rat zuerst meine Sporen abverdienen.

Werden Sie da mit Ihrem jugendlichen Esprit überhaupt ernst genommen?

Ich habe das Gefühl: Überhaupt nicht. Das hat aber vermutlich damit zu tun, dass ich davor politisch nicht sonderlich aktiv war. Ich muss mir zuerst meine Sporen abverdienen.

Haben Sie darum erst einen Vorstoss eingereicht?

Ja. Ich muss mich erst mit allen Abläufen vertraut machen.

Ihre politische Agenda: Sie wollen Basel «noch velo-freundlicher» machen. Was heisst das konkret?

Ähnlich wie in Kopenhagen wünsche ich mir durchgehende Veloverbindungen in Basel. Es gibt viele gefährliche Strassen, wo Auto und Velo nicht getrennt sind und es oft zu brenzligen Situationen kommt. Etwa die grossen Ringstrassen.

Bringen Sie trotzdem Verständnis für die Gegenseite auf? Autofahrer, die sich darüber beklagen, dass es immer weniger Parkplätze gibt in Basel-Stadt?

Ich finde das gut, weil Autos, die rumstehen, nehmen Platz weg. Und der Platz hier ist knapp. Wenn man die Stadt weiter entwickeln und mehr Leute hierhin bringen will, braucht es Platz zum Leben, für mehr Lebensqualität. Beispiel: Die Rheingasse ist doch viel geiler, seit sie autofrei ist. Und sowieso: Wer in der Stadt wohnt, braucht kein Auto...

...wenn man zum Beispiel jeden Tag nach Hölstein pendeln muss, braucht man doch sehr wohl ein Auto.

Auch das geht mit dem öV. Oder mit dem Velo (lacht).

Ich wünsche mir durchgehende Veloverbindungen in Basel – ähnlich wie in Kopenhagen.

Sie politisieren für die Trendpartei schlechthin, für die Grünen. Seit den Klimademos und -diskussionen scheint ein Umdenken in der Gesellschaft stattzufinden, gerade bei den Jungen. Also: weniger Fliegen, Abfall trennen, auf Plastik verzichten. Wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Ich finde es gut, dass die jungen Leute checken, dass unser Planet kurz vor dem Untergang steht. Ein Fragezeichen setze ich da, wo diese Haltung das persönliche Leben einschränkt und zu viel Verzicht führt. Die freiwillige Einschränkung wird nie einen grossen Effekt haben. Da müssen Gesetze her, etwa Flugticketabgaben, weitere Reduktion des Autoverkehrs, und so weiter. Die Politik steht hier in der Pflicht.

Gehen Sie mit gutem Beispiel voran, was die freiwillige Einschränkung angeht?

Oh ja! Ich verreise eigentlich nur mit dem Zug – das letzte Mal bin ich im 2016 geflogen –, wohne in einer WG, brauche also wenig Platz. In der Kurierzentrale verzichten wir auf Plastik, in der Kantine gibt es hauptsächlich veganes oder vegetarisches Essen, und eine Klimaanlage haben wir auch nicht. Wobei letzteres schon fatal ist bei diesem Wetter (lacht).

Sie leben mit 36 Jahren noch in einer WG?

Warum nicht? Das haben mich tatsächlich viele gefragt.

Ja, warum nicht. Ich habe von 30 bis 33 auch mit zwei Freundinnen zusammengewohnt.

Wissen Sie, ich wohnte ein paar Jahre alleine, da fehlte mir die Gesellschaft. Es war langweilig und ich deshalb fast nie zuhause. Jetzt wohne ich zufrieden mit einem Kollegen zusammen. Das ist vielleicht dieses Jugendliche in mir, das ich mir beibehalten habe: Offenheit, Flexibilität. Gegen die Konventionen.