Kultur

Kunst hilft gegen den Bildermüll

Anna Ostoya vergleicht in «Mixed Pseudomorphism of aTrue/False Cry» echte mit Showbusiness-Tränen.

Anna Ostoya vergleicht in «Mixed Pseudomorphism of aTrue/False Cry» echte mit Showbusiness-Tränen.

Das Kunsthaus Baselland geht mit «Zeit/Ge/Schichten» der Frage nach, wie wir inmitten der Bilderflut eigene Geschichten erschaffen.

Wir leben inmitten eines Bilder- Tsunamis. Alleine auf Facebook werden täglich 300 Millionen Fotos gepostet. Sind wir überhaupt fähig, all diese Eindrücke und Geschichten sinnvoll mit unserem Leben zu verknüpfen? Was braucht es, damit Informationen nicht bloss oberflächliches Hintergrundrauschen bleiben? Und wie schaffen wir es, die für uns emotional wichtigen Ereignisse in lebbare Geschichten zu verwandeln?

Solche Fragen stellt Ines Goldbach, Direktorin am Kunsthaus Baselland, in der aktuellen Ausstellung. 13 Künstlerinnen und Künstler aus Basel, der Schweiz und dem nahen Ausland geben unter dem Titel «Zeit/Ge/Schichten» ein Beispiel, wie in der Kunst Geschichte erzählt, Erinnerungen zu einer Biografie verknüpft oder Reiseeindrücke zu einem Gesamtbild verwoben werden können.

Die thematische Spannweite ist entsprechend dem Thema gross, die sämtliche Räume umfassende Ausstellung eine Herausforderung. Auch hier begegnet uns eine kleine Flut unterschiedlichster Weltbilder, die entschlüsselt sein wollen.

Ein Schlüssel, den uns die Künstler für den Weltzugang in die Hand geben, ist Reduktion der Flut und Konzentration auf dasjenige, was uns persönlich berührt. Diesem Rat folgend, beleuchtet dieser Text eine kleine Auswahl der gezeigten Arbeiten.

Die Kraft der Collage und die Manipulation des Bildes

Ein bewährter Zugriff, um den Bildern Herr zu werden, ist die Collage. Gleich zu Beginn der Ausstellung zeigt die bosnisch-französische Künstlerin Maja Bajević eine Serie solcher. Sie spielt darin mit Nachrichtenbildern aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Atompilze treffen da auf Frauenporträts, Schlagzeilen auf Gebrauchsanleitungen für Küchengeräte. So entsteht das Bild einer widersprüchlichen Epoche, die immer noch bis in unsere Gegenwart hineinwirkt.
Die Basler Künstlerin Cécile Hummel präsentiert auf langen Stoffbahnen Fotos ihrer intensiven Reisetätigkeit. Die thematische Klammer ist dabei der Mittelmeerraum, wo sich die europäische und arabische Kultur berühren. Sie ordnet die Flut ihrer Reiseeindrücke zu einem luftigen Bildreigen, der den Reichtum dieses kulturellen Raumes spiegelt.

Die Baslerin Sabine Hertig weitet das Prinzip der Collage aus. Ihre grossformatigen Landschaften bestehen aus Hunderten Fotos aus alten Kunstzeitschriften. Damit bringt sie das Verhältnis von Einzel- und Gesamtbild auf den Punkt: Wer das Ganze sehen will, sieht das Detail nicht, und umgekehrt.

Die Selektion als Ursprung des Weltbilds

Das Bild, das wir uns von der Welt machen, entspringt der Selektion, ist unvollständig und manipuliert. Wie solche selektiven Bildwelten entstehen, das zeigen gleich mehrere Arbeiten.
Da ist beispielsweise das uns durch Fotoreportagen bekannte Bild der USA in den Dreissigerjahren. William E. Jones zeigt uns diejenigen Fotos, die damals von der auftraggebenden Behörde zensuriert und durch eine kreisrunde Stanzung unbrauchbar gemacht wurden.

Die Polin Anna Ostoya thematisiert die selektive Geschichtsschreibung innerhalb des Kunstbetriebs. Und der Holländer Jonas Stahl zeigt, wie die US-Administration den unliebsam gewordenen Berater Steve Bannon nachträglich aus allen Bildern wegretouchiert, die ihn mit Trump zeigen.

Bereits diese kleine Auswahl an Arbeiten zeigt: Die Zugänge sind vielgestaltig und individuell. Und gerade darin liegt die Kraft künstlerischer Strategie. Ihr emotionaler Zugang zur Welt ist persönlich. Kunst braucht Zeit, und, das zeigt die Ausstellung auch, sie formt ihr Weltbild jenseits der Konventionen spielerisch.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1