Unfallgefahr
Kunst auf dem Kreisel: In Südbaden ein Problem, in beiden Basel egal

Wegen Unfallgefahr soll der Dreispitz im Kreisel im südbadischen Binzen bei Basel abgebaut werden. Die Gemeinde und viele Bürger wehren sich dagegen. In der nahen Schweiz dürfte das Kunstwerk wohl stehen bleiben, weil andere Regeln gelten.

Peter Schenk
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Kreiselkunst
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Der Basler Wiesenkreisel stammt von 2005. Das Kunstwerk kostete 200 000 Franken.
In Deutschland undenkbar: Der Hafenkreisel in Birsfelden.

Kreiselkunst

Martin Toengi

Im südbadischen Binzen, nur wenige Kilometer von Basel, bewegt eine Skulptur aus Aluminium die Gemüter. Der sogenannte Dreispitz besteht aus drei jeweils acht Meter lange Spitzen, steht mitten in einem Kreisverkehr und symbolisiert, dass hier drei Verkehrswege aufeinander treffen. Nachts wird das Bauwerk von unten beleuchtet.

Das zuständige Landratsamt hat bereits im Juni diesen Jahres angeordnet, dass das Kunstwerk abgebaut wird. Begründet wird dies mit der hohen Unfallgefahr. In den beiden Basel dürfte es wohl stehen bleiben. Hier geht man von anderen schweizweiten Normen aus. Andererseits dürfte manche Baselbieter Kreiselkunst im Badischen zu ähnlichen Auseinandersetzungen wie um den Dreispitz führen (siehe Text unten).

Anhand von Unfallsimulationen habe das Lörracher Landratsamt in einem Gutachten nachgewiesen, «dass sich im ungünstigsten Falle einer Schussfahrt durch den Kreisverkehr bei einer Kollision mit dem Kunstwerk Unfälle mit erheblichen Folgen ereignen können», hiess es damals in der Medienmitteilung.

Das Landratsamt Lörrach wurde durch das baden-württembergische Verkehrsministerium angewiesen, die Kreisel zu überprüfen. «Anlass dafür sind die vermehrt schweren Unfälle im Zusammenhang mit den Verkehrskreiseln.» In den beiden Basel dürfte das Kunstwerk wohl stehen bleiben, hier geht man von anderen schweizweiten Normen aus (siehe Text unten).

Protest gegen Behördenwillkür

Im Landkreis Lörrach hat sich Widerstand gegen die «Behördenwillkür» formiert, wie es auf der Internetseite zur Petition «Rettet den Dreispitz» heisst. Gestern hatte diese bereits 4766 Unterstützer gefunden, die Mehrheit aus dem Landkreis Lörrach. Sie fordern, dass das Landratsamt die «Beseitigungsanordnung» zurück nimmt.

Die 3000 Einwohnergemeinde Binzen hat bereits Widerspruch gegen die Anordnung eingelegt. Da das Freiburger Regierungspräsidium den Sofortvollzug angeordnet und somit die aufschiebende Wirkung aufgehoben hat, klagt Binzen vor dem Verwaltungsrgericht Freiburg gegen beide Entscheidungen, wie Bürgermeister Andreas Schneucker der bz mitteilt.
Das Kunstwerk steht seit 2001 im Kreisel. «Seitdem sind 90 Millionen Fahrzeuge durch ihn gefahren und es gab in den 16 Jahren lediglich 20 Unfälle», argumentiert Schneucker – laut Petition «mit nur acht Leichtverletzten und Blechschäden».

Die Initiative gegen Behördenwillkür sieht deshalb keinen Handlungsbedarf. Sie verweist auch darauf, dass die Geschwindigkeit beim Kreisel, der sich ausserorts befindet, seit Oktober 2015 stufenweise bis auf 30 Stundenkilometer reduziert wurde. «Trotzdem kann eine letzte Eigenverantwortung dem Verkehrsteilnehmer nicht abgenommen werden.»

Die Initiative weist darauf hin, dass es zwischen dem Kreisel von Binzen und dem von Eimeldingen wenige Kilometer entfernt in jeder Fahrtrichtung ein gutes Dutzend Gefahrenquellen wie massive Betonpfeiler der Autobahnbrücke, schwere Eisenpfeiler für Ampelanlagen, Autobahnhinweisschilder und massive Stromkästen gebe. «Der gesunde Menschenverstand sagt, dass hier schwerwiegende Unfälle wesentlich wahrscheinlicher sind, als sie für den Kreisel konstruiert werden.»

Landkreis-Chefin wehrt sich

In einem offenen Brief hat sich nun die Chefin des Landkreises, die Landrätin Marion Dammann, zu Wort gemeldet. Sie betont, dass ihr die Bedeutung des Kunstwerks in Binzen und der Region sehr bewusst sei, das Landratsamt aber gezwungen sei, «eine sehr unpopuläre Entscheidung zu treffen.»

Sie begründet dies mit dem erwähnten Gutachten, dem Erlass des Verkehrsministeriums und der Verkehrssicherheit. «Hintergrund ist auch, dass meine Mitarbeiter im Fall eines Unfalls einer Amtspflichtverletzung bezichtigt und strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden könnten.» Ob die juristischen Grundlagen für den Erlass zutreffend seien, werde nun gerichtlich überprüft.

Der Dreispitz ist nicht das einzige Kreiselkunstwerk, das bedroht ist. Treffen könnte es auch die grosse Stuhlskulptur, die in Weil am Rhein in der Einmündung zur Zollfreistrasse steht.

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Die Gestaltung von Kreiseln richtet sich in der Schweiz nach einheitlichen Normen. Sie stammen laut Daniel Hofer, Mediensprecher des baselstädtischen Bau- und Verkehrsdepartements, vom «Schweizerischen Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute». Sie besage in Kürze: «Mittelinseln eines Kreisels sollen – idealerweise schon beim Herannahen – deutlich erkennbar sein und gleichzeitig die Sicht zu den nächstgelegenen einmündenden Strassen gewährleisten.» Kontrolliert werde dies von den Kantonen.

So gebe es beim Wiesenkreisel im Kleinbasel mit seiner roten Installation keine Probleme. «Der Kreisel erfüllt die erwähnte Norm und stellt keinen Unfallschwerpunkt dar.» Das Kunstwerk mache den Kreisel deutlich erkennbar und die notwendigen Sichtbeziehungen seien gewährleistet. Von Künstlern prägend gestaltete Kreisel gebe es in Basel sonst nur noch beim 2015 eröffneten Kreisel Luzernerring/Wasgenring. Der Kreisel an der Kohlenstrasse liegt in Frankreich. Eine abschliessende Umfrage beim Tiefbauamt sei ferienhalber aber nicht möglich.

Gar keine Auskunft zu den Kreiseln gab es aufgrund der Herbstferien im Kanton Baselland. Vielfältige Informationen liefert zum Glück die Internetseite www.kreiselkunst.ch, die unterteilt nach Kantonen mit Fotos die «tollsten Kreiselkunstwerke der Schweiz» zeigt, also keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Im Baselbiet finden sich da insgesamt immerhin 20 Kreiselkunstwerke. Mit Abstand der Spitzenreiter ist darunter Pratteln mit sechs. In Therwil, Füllinsdorf und Pratteln sei zusätzlich jeweils ein Kreisel mit Kunst in der Mitte abgebaut worden.

Klickt man sich durch die Fotos fällt auf, dass es im Baselbiet Kreiselkunst wie in Birsfelden, Sissach oder Oberwil gibt, die bei den deutschen Nachbarn wohl weichen müsste. (psc)

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