Grundlegend
Kultur ist bloss Luxus? Falsch!

Wozu Kultur? Diese Frage stellen einige, wenn es um die Kultursubventionen von Baselland an den Stadtkanton geht. Man findet viele Antworten darauf, doch letztendlich lassen sich alle auf drei Worte herunter brechen.

Matthias Zehnder
Matthias Zehnder
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Der Begriff «Kultur» steht nicht alleine für die Schönen Künste. Hinter ihm verbirgt sich noch viel mehr. (Archiv)

Der Begriff «Kultur» steht nicht alleine für die Schönen Künste. Hinter ihm verbirgt sich noch viel mehr. (Archiv)

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Das Argument, das ich derzeit am häufigsten höre, wenn es um die Baselbieter Sparpläne in Sachen Kultur geht, lautet so: «Die Kassen sind leer, wir müssen den Gürtel enger schnallen. Kultur ist nun mal Luxus, deshalb ist es logisch, dass Kultur eingespart wird. Wir können uns Kultur dann wieder leisten, wenn es uns besser geht.» Das Argument klingt logisch und verständlich. Bloss: Es ist falsch.

Wie macht es denn der Aargau?

Dabei geht es nicht um das ökonomische Argument, dass also die Kulturleistungen in der Stadt von Bürgern des Landkantons konsumiert werden. Obwohl Bürger des Kantons Aargau im Zürcher Opernhaus, im Schauspielhaus und in der Tonhalle sowie im KKL Luzern jeweils nur einen kleinen Prozentsatz ausmachen, bezahlt der Kanton Aargau 5,174 Millionen Franken an den Kanton Zürich und 0,639 Millionen Franken an den Kanton Luzern.

Das sind keine generösen Kulturspenden, sondern Beiträge, die der Einsicht entspringen, dass die umliegenden Kantone sich in dem Mass an den kulturellen Zentrumsleistungen von Zürich und Luzern beteiligen müssen, wie die Bürger dieser Kantone diese Leistungen nutzen. Wer in Zeiten roter Zahlen diese Zahlungen einstellt, obwohl die Bürger die Leistungen weiter nutzen, betreibt Schwarzfahren aus Geldnot.

Lassen wir dieses ökonomische Argument also mal beiseite. Es geht um das Argument, die Kultur sei Luxus und wegzusparen, wenn der Zahlenfirn sich rötet. Die radikale Frage, die darin steckt, lautet: Wozu Kultur?

Die einfachste Antwort auf diese Frage lautet: Damit wir das werden können, was wir sind. Denn es ist die Kultur, die den Menschen ausmacht. Das liesse sich in der simplen Formel «Mensch minus Kultur gleich Tier» ausdrücken und ist natürlich zu simpel, weil Kultur dabei viel mehr meint als das, was in den Kulturinstitutionen stattfindet. Trotzdem führt die simple Formel uns auf eine wichtige Spur. Kultur (auch Kultur im engeren Sinne) ist nicht ein verzichtbarer Luxus, den sich der Mensch überstülpt wie einen Sonnenhut bei Sonnenschein.

Kultur ist die Vorbedingung dafür, dass aus dem allesfressenden Zweibeiner ein Mensch wird. Anders als Brecht es in seiner berühmten Ballade formulierte, kommt nicht bedingungslos zuerst das Fressen und dann die Moral. Es ist umgekehrt, muss umgekehrt sein, weil wir sonst unser Menschsein aufs Spiel setzen.

Marcel Reich-Ranicki hat in seiner Autobiografie «Mein Leben» eindrücklich beschrieben, wie die Juden im Warschauer Getto sich mit Kultur am Leben erhielten. Sie gründeten Orchester, spielten Theater, lasen Gedichte. Und es war diese, ihre Kultur, die ihnen die Kraft gab, die Unmenschlichkeit des Gettos zu überleben. Es ist kein Zufall, dass Könige wie Louis Quatorze so viel Geld in Kunst, Musik, Theater und Architektur investierten, dass die Terroristen des IS die uralte Hochkultur in Syrien schleifen, dass China und Russland die Kultur in ihren Ländern so scharf kontrollieren. Kultur ist nicht der Sonnenhut, Kultur ist das Nervensystem der Gesellschaft.

Und warum soll der Staat Kultur subventionieren, wenn es der Markt auch richten kann? Aus zwei Gründen: Zum einen richtet es der Markt nicht. In einem so kleinen und kleinräumigen Land wie der Schweiz schon gar nicht. Wenn es nur nach dem Markt ginge, hätten sich die drei grossen Sprachgebiete den jeweiligen Kulturen ihrer Nachbarländer längst angeschlossen. Zum anderen: Der Markt befördert immer nur das Populäre, das heisst: was schon bekannt ist. Der Markt funktioniert nur in der Heckwelle des Gesellschaftsdampfers. Hochkultur findet aber vornehmlich in der Bugwelle statt, muss Neues bringen, irritieren. Kultur ist der Narr am Hof der Gesellschaft, das geht nur ausserhalb der Gesetze der Rendite.

Ein letztes Argument: «Das sollen die bezahlen, die es nutzen.» Konsequent gedacht, würde das heissen: Es gibt nur noch Privatschulen, Privatspitäler, Privatgärten. Zentrale Aufgabe eines Gemeinwesens ist es, Dienstleistungen jenseits der individuellen Nutzung zu finanzieren. Nötig ist das gerade, wenn sie nicht von allen genutzt werden, aber trotzdem wichtig sind. Theater und Konzerte sind wie die Landschaften, die von Bergbauern gepflegt werden: Obwohl sie nicht von allen genutzt werden, sind sie wichtig. Wozu Kultur? Um zu leben.

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