Kolonialismus
Es gibt nur eine Welt, aber viele Weltbilder: Zwei Basler Museen suchen den Dialog zwischen den Künsten

Das Museum der Kulturen Basel und das Basler Kunstmuseum bespielen zwei Ausstellungen aus ihren Beständen. Das wirft Fragen zum Machtgefälle und zur Kommunikation zwischen Kulturen auf.

Mathias Balzer
Merken
Drucken
Teilen
Der Redner aus Papua-Neuguinea begegnet einem Bild aus El Grecos Schule. In «Making the World» im Museum der Kulturen, Basel

Der Redner aus Papua-Neuguinea begegnet einem Bild aus El Grecos Schule. In «Making the World» im Museum der Kulturen, Basel

Omar Lemke / MKB, Museum der Kulturen Basel

Europäische Museen und die Kunst aus ehemaligen Kolonialstaaten: Das Thema wird im Zuge der Postkolonialismusdebatte brisant. Ein erstes Zeichen setzte Emmanuel Macron 2017. Erstmals anerkannten ein französischer Präsident und seine Regierung ein moralisches Recht auf Rückforderungen von Kulturgütern. 2020 entschied die Nationalversammlung 27 Kultobjekte an die Länder Benin und Senegal zurückzugeben. Das ist schon mal ein Anfang. Alleine französische Institutionen besitzen insgesamt 90’000 Werke vom afrikanischen Kontinent.

Auch in anderen ehemaligen Kolonialstaaten wird eine Debatte über die Rückgabe von Kulturgütern geführt. In der Schweiz hat der Bund von 2016 bis 2020 zwei Millionen Franken für die Provenienzforschung bereitgestellt. Die berechtigte Forderung, die im Raum steht, ist klar: Geraubte oder unrechtmässig erstandene Kulturgüter sollen an die Herkunftsländer zurückgegeben werden.

Dialog zwischen europäischer und aussereuropäischer Kunst

Es steht jedoch auch die Frage im Raum, ob in Zukunft die Rückgabestrategie die einzig richtige ist. Das Museum der Kulturen (MKB) und das Kunstmuseum Basel schlagen in diesem Zusammenhang einen interessanten Weg vor: den Dialog zwischen europäischer und aussereuropäischer Kunst.

Beide Museen realisieren dieses Jahr zwei Ausstellungen mit Werken aus den jeweiligen Beständen. Unter dem Titel «Making the World - Gelebte Welten» ist das MKB gestartet. Im November folgt «Spirituelle Welten» im Kunstmuseum. Die Kuratorinnen und Kuratoren haben erstmals ein Ausstellungsthema gemeinsam erarbeitet - mit Fragen wie: Von welchem Weltbild gehen wir überhaupt aus, wenn wir über Welt reden?

Neben diesem Meta-Thema ordnen die Ausstellungsmacher das Gezeigte in weitere Unterthemen. Etwa: Wie entstehen Deutungen des Kosmos? Wie verständigen wir uns untereinander und mit anderen Welten? Wie orientieren wir uns in der Welt und welche Spuren hinterlassen wir in ihr?

Raumansicht zu «Making the World» im Museum der Kulturen, Basel

Raumansicht zu «Making the World» im Museum der Kulturen, Basel

Omar Lemke / MKB, Museum der Kulturen Basel

Dieses didaktische Korsett ermöglicht zwar räumliche Gliederungen, zum grossen kuratorischen Wurf trägt es jedoch nicht unbedingt bei. Wenn etwa im Raum zu den «Spuren» alte Pflüge aus allen Weltgegenden neben einem Kornfeld von Robert Zünd und einer Steinskulptur aus Sierra Leone, einer Beschützerin der Ernte, stehen, zündet der dialogische Funke nur bedingt. Oder im Raum zur «Orientierung»: Das Zusammenspiel zwischen Paul Klees Reisebild, dem «Christophorus» von Konrad Witz und einer alten Tempelkarte aus Lhasa wirkt etwas gar weit hergeholt, auch wenn die Qualität der Werke herausragend ist.

Andernorts gelingt der Dialog sehr gut

Die Qualität der gezeigten Werke ist es jedoch auch, die den Besuch der Ausstellung lohnenswert macht. Und manchmal sind die Gegenüberstellungen augenzwinkernd witzig. Etwa wenn eine archaische Rednerfigur aus Papua-Neuguinea ihren Blick auf ein Gemälde von Jan Brueghel d. Älteren richtet, auf welchem Johannes der Täufer predigt. Oder wenn der Nashornvogel aus Borneo, eine Skulptur, mit der Nachrichten ins Jenseits gesandt werden, neben den Rahmtrichtern steht, mit denen auf Schweizer Alpen Gottes Segen erbeten wird.

«Ohne Titel» von Fischli/Weiss im Museum der Kulturen, Basel

«Ohne Titel» von Fischli/Weiss im Museum der Kulturen, Basel

Omar Lemke / MKB, Museum der Kulturen Basel

Und es gibt im Zusammenspiel zwischen westlicher Kunst und Weltkunst durchaus auch Höhepunkte. Etwa wenn eine Skulptur von Fischli/Weiss, ein verkohlter Baumstrunk aus Gummi, auf einen Kriegsteppich aus Afghanistan und eine «Arpillera», ein Katastrophenbild aus Argentinien, trifft. Oder wenn Textilwerke aus Nigeria, Peru und Bamako mit Barnett Newmans monochromer Malerei und Kandinskys Abstraktionen in Dialog treten. In solchen Momenten scheint auf, dass ein über zeitliche und physische Räume hinweg geführter Dialog der Künste und Kulturen durchaus interessant wäre, da es neben allen Unterschieden viele Gemeinsamkeiten zu entdecken gilt.

Genau dieser Dialog wäre im Grunde spannender und zukunftsweisender, als die Diskussion darüber, wem diese Werke gehören. Denn sie gehören im Grunde der Menschheit. Was wiederum bedeuten könnte, dass die Bevölkerung ehemaliger Kolonien nicht nur Anspruch auf ihr eigenes Erbe hat, sondern auch auf ein paar Kandinskys oder El Grecos. Aber bis sich die Weltkulturen nicht nur im akademischen Diskurs, sondern auch in der Lebenswirklichkeit auf Augenhöhe begegnen, braucht es noch einige solcher Ausstellungen.

Making the World ‒ Gelebte Welten. Bis 23. Januar, Museum der Kulturen, Basel. www.mkb.ch.