«Electric Drive»
Kleine Reichweite, grosses Potenzial – ein Elektroauto im Test

Elektroautos gehört die Zukunft – aber wie sieht es mit der Gegenwart aus? Im Praxistest erweist sich der Mercedes-Benz B «Electric drive» als leise und kraftvolle Alternative zum normalen Personenwagen – wenn da nicht die kürzere Reichweite wäre.

Matthias Zehnder
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Von aussen ist, bis auf den fehlenden Auspuff, der Mercedes B 250e nicht als Elektroauto zu erkennen.

Von aussen ist, bis auf den fehlenden Auspuff, der Mercedes B 250e nicht als Elektroauto zu erkennen.

Matthias Zehnder

Erst war es nur ein VW-Modell, das die Abgaswerte massiv überschritten hat. Dann waren es ganze Motorenreihen, die bei VW in verschiedenen Modellen eingesetzt wurden. Mittlerweile stehen auch Audi und Renault in der Kritik, und es würde eher überraschen, wenn keine weitere Marke vom Abgasskandal betroffen wäre.

Eigentlich gibt es nur ein Fazit: Schluss mit Verbrennungsmotoren. Nach dem Klimagipfel von Paris sowieso. Jetzt müssen Elektroautos her. Bloss: Elektroautos sind entweder keine richtigen Autos, oder sie kosten ein Vermögen. Entweder muss man sich also mit einem stark abgespeckten Leichtauto begnügen, oder man zahlt fast 80 000 Franken für einen Tesla Model S.

Schlieren–Basel 80 Kilometer

Doch halt: Es gibt mittlerweile Elektroautos, die wie ganz normale Personenwagen aussehen. Eines der wenigen Beispiele ist der Mercedes-Benz B Electric. Das Auto sieht, abgesehen vom fehlenden Auspuff und der Speziallackierung, von aussen genau gleich aus wie seine Geschwister, die mit Benzin oder Diesel fahren, und es kostet auch nicht mehr. Doch ist so ein Elektro-Mercedes im Alltag brauchbar? Ist er stadttauglich? Passt die Familie rein?

Mercedes Schweiz stellte der bz auf Anfrage für ein paar Tage einen Testwagen zur Verfügung. Bedingung: Das Auto musste in Schlieren abgeholt werden. Schlieren–Basel sind etwas über 80 Kilometer –, schafft das Elektroauto das? Der Mann am anderen Ende des Telefons lacht: «Aber klar!» Der Elektro-Mercedes habe mit einer Batterieladung eine Reichweite von etwa 200 Kilometern. Dann ist ja gut.

Mulmige Gefühle

Doch sitzt man dann im Auto und sieht zu, wie nach jedem beherzten Drücken aufs Pedal die Zahl der Kilometer schrumpft, wird einem schon mulmig zumute. In Basel angekommen, weist der Mercedes noch eine Reichweite von etwa 40 Kilometern auf –, bei einem Benziner würde das bedeuten, dass der Stillstand infolge Benzinmangels unmittelbar bevorsteht. Ein Elektroauto ist da genauer: Es lässt sich problemlos bis auf eine Reichweite von 15 Kilometern fahren. Die Angaben sind genauer als die eines Benziners. Immerhin.

Von der Reichweitennervosität abgesehen ist das E-Auto eine Wucht. Es reagiert vielleicht etwas langsamer auf das «Gas»-Pedal, zieht dann aber umso druckvoller durch. Schalten muss man nicht, der Motor hat nur einen Gang, zieht wuchtig und mit einer geraden Kraftlinie von 10 bis 100 Stundenkilometern – und das wohl schneller als die meisten Benziner seiner Klasse. Dabei ist der Motor kaum zu hören und man riecht auch nichts. Eine Wohltat.

Auf der Autobahn fühlt man sich wie im Wohnzimmer. Leise und elegant surrt man dahin, bloss die Windgeräusche sind zu hören. In der Stadt dasselbe: Der Wagen zieht etwas verzögert an, dann aber rasant. Ein bisschen fühlt es sich an wie Trolleybus-Fahren, bloss in viel kleinerem Massstab. Um die Kurven spürt man den tieferen Schwerpunkt, manchmal auch das grössere Gewicht der Elektroausgabe. Davon abgesehen: elegant.

Das Problem der Reichweite

Bloss die Reichweite. Die ist, mindestens psychologisch, ein Problem. Dazu kommt, dass die Welt zwar gefühlt voller Steckdosen ist, in der Praxis befinden sie sich aber oft am falschen Ort. Die «Sternengarage», also der Parkplatz auf der Strasse vor dem Haus, eignet sich nicht furchtbar gut, um ein E-Auto aufzuladen. Im Firmenparkhaus ist in der Nähe des gemieteten Parkplatzes keine Steckdose verfügbar. Dazu kommt: Angesteckt an eine normale Steckdose dauert es gut acht Stunden, um das E-Auto «aufzutanken». Immerhin: Es geht.

Stromtanken in der «Sternengarage»: eher beschwerlich.

Stromtanken in der «Sternengarage»: eher beschwerlich.

zdr

Es ist ein gutes Gefühl, das Auto unabhängig von Ölscheichs und ihren Tankstellen aufladen zu können. Wer es schneller haben will, sucht eine spezielle E-Auto-Ladestation auf. Die IWB haben hinter der Fernheizungszentrale im Gundeli eine solche Tankstelle eingerichtet. Vor einer Elektro-Zapfsäule hat es zwei Parkplätze. Man zirkelt rückwärts in die Lücke, schliesst das Ladekabel an die Säule an und meldet die Nummer der Tankstelle per SMS. Eine Ladung dauert etwa zwei Stunden. Das Aufladen ist nicht gratis: Eine «Tankfüllung» Strom kostet 15 Franken. Rechnet man lediglich die Energiekosten, kommt ein Kilometer Reichweite damit auf etwa sieben Rappen zu stehen. Das ist fast zehnmal mehr, als die Energie für einen Kilometer in einem Benzin- oder Dieselauto kostet.

Ladeinfrastruktur für Elektro-Autos

Die Kantone Basel-Stadt und Baselland sowie die regionalen Energieversorger beschäftigen sich mit Planung und Aufbau einer Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge. Anfang Monat haben sie ein «Massnahmenkonzept für die Bereitstellung von Ladeinfrastruktur» vorgelegt. Es zeigt, welche Faktoren für den Aufbau einer bedarfsgerechten Ladeinfrastruktur förderlich sind.
Die Kantone Baselland und Basel-Stadt wollen die E-Mobilität fördern, indem sie den Ausbau der Ladeinfrastruktur fördern. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass der rechtzeitige Aufbau einer bedarfsgerechten Anzahl gut platzierter Ladestellen mit gängigen Steckertypen und einfachem Abrechnungssystem wesentlich zur Attraktivität der Elektromobilität beitragen und den Wechsel von Verbrennungs- zu Elektromotoren beschleunigen kann. Ziel der Förderung ist es, alle beteiligten Akteure, Elektrofahrzeugnutzer und Ladestation-Anbieter zum Handeln zu bringen.

Zu unseren drei Eingangsfragen:

  • Ist der Elektro-Mercedes im Alltag brauchbar? Ja, definitiv, in der Stadt sowieso. Voraussetzung ist allerdings eine Ladestation zu Hause oder im Büro (oder beides). Ist die Stromzufuhr abgesichert, ist das E-Auto mehr als nur brauchbar. Man hat beim Fahren auch noch ein gutes Gefühl.
  • Ist er stadttauglich? Absolut. Gut gemeinte Umweltfahrzeuge waren früher oft mehr Verkehrshindernisse. Das ist der Mercedes B Electric nicht, im Gegenteil: Er zieht bei Grün schneller von der Ampel als mancher Benziner. Dank Parkautomatik lässt er sich auch rasch in engen Parklücken unterbringen.
  • Passt die Familie rein? Vier Personen problemlos, fünf mit Abstrichen. Im Fonds haben zwei Erwachsene gut Platz, bei drei Kindern oder Jugendlichen wird es eng. Für die rasche Besorgung oder den Hol-Bring-Dienst in der Stadt reicht das E-Auto aber allemal.

Das Fazit nach vier Tagen Stromauto: E-Autos gehört definitiv die Zukunft. Aber eben: die Zukunft, nicht unbedingt die Gegenwart. Eine Reichweite von 200 Kilometern reicht zwar im Alltag einer Stadt längstens aus, die geringe Reichweite kombiniert mit einer sehr niedrigen Dichte an geeigneten Steckdosen oder Ladestationen machen aber nervös. Autobauer müssen an der Reichweite arbeiten, die Stadt, Firmen und Hausbesitzer an Lademöglichkeiten. Beides ist keine Hexerei, dauert aber wohl noch ein, zwei Jahre. Danach gibt’s aber keine Ausrede mehr.

Mercedes-Benz B 250e «Electric Drive»

Limousine mit Platz für vier bis fünf Personen.

Nennleistung: 180 PS

Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h

Beschleunigung 0–100 km/h: 7,9 Sek.

Ladezeit an einer Steckdose (230V/13A): 9 Stunden

Ladezeit an einer Wallbox (400V/16A): 2,40 Stunden

Reichweite: 200 km

Basispreis: 42 900 Franken

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