Abenteuer
In Afrika auf die Welt gekommen: eine Basler Auswanderin erzählt

Vor fünf Jahren hat die Baslerin Ursula Abegglen die Schweiz Richtung Ghana verlassen. Voller Elan, aber auch blauäugig. Ein Betrug hat ihr ein Restaurant und fast die Existenz gekostet. Doch sie hat sich zurückgekämpft.

Elio Stamm, Akkra
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Die Baslerin Ursula Abegglen ist nach Akkra (Ghana) ausgewandert und hat dort ein B&B eröffnet. Ein abenteuerliches Unterfangen.

Die Baslerin Ursula Abegglen ist nach Akkra (Ghana) ausgewandert und hat dort ein B&B eröffnet. Ein abenteuerliches Unterfangen.

Elio Stamm

Es leben viele Expats in Akkra, der mehr als 2 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Ghanas in Westafrika. Die meisten von ihnen arbeiten für grosse Firmen oder noch grössere Organisationen wie die UNO. Sie wohnen in schicken Wohnblocks im Zentrum oder in Flughafennähe, hinter dicken Mauern, und verbringen ihre Freizeit in Schwimmbädern und auf Tenniscourts, die überall auf der Welt stehen könnten.

Ursula Abegglen aus Basel ist anders. Das merkt man schon auf dem Weg zum Haus der 58-Jährigen, wenn man sich im Taxi über eine nicht asphaltierte Strasse voller Schlaglöcher kämpft. In Teshie, keine 20 Minuten vom Zentrum Akkras entfernt, aber halt doch ausserhalb der Hauptschlagadern der Kapitale, führt sie in ihrem Heim ein Bed & Breakfast, das African-Swiss Guesthouse. Als einzige Weisse weit und breit. Ihr Haus ist nicht anders als das der Nachbarn, nur etwas sauberer und aufgeräumter.

Eine Frau voller Energie

Ursula Abegglen begrüsst einen in breitem Baseldeutsch, mit einer kräftigen Stimme und einem Funkeln in den Augen. Eine Frau voller Energie. Zwei Zimmer hat sie für Gäste einfach, aber schön eingerichtet, mit je einem eigenen Bad. Es scheint zu gefallen. Die Bewertungen auf den Internetportalen könnten besser nicht sein. «Ich habe mich wie zu Hause gefühlt», steht in den Kommentaren, und «ich komme wieder». Und doch hat Ursula Abegglen seit Monaten kaum ein Zimmer vermietet. «Ebola», erklärt sie. «Wir haben keinen einzigen Fall in Ghana, aber die Menschen in Europa haben Angst.» Sie sagts unaufgeregt. Abegglen hat schon zu viel erlebt, um wegen einer Massenpanik die Zuversicht zu verlieren.

Ausgewandert ist sie im Frühjahr 2010. Schwarzafrika hat sie aber schon lange vorher geprägt. Als Kind in Birsfelden spielt die kleine Ursula mit einer dunkelhäutigen Puppe, und als sie mit 18 Jahren in die Stadt Basel zieht, trifft sie über ihren Freundeskreis erstmals echte Afrikaner. Sie ist fasziniert von ihrer Lebensfreude, und schon bald auch verliebt in einen Mann aus Ghana. Mit 20 heiraten die beiden, und kurz darauf besucht Ursula Abegglen das erste Mal das Land in Westafrika.

Der Entscheid für das Wagnis

Die Liebe zerbricht nach sechs Jahren, nicht aber die Faszination für den Kontinent und seine Menschen. Abegglens Lebenspartner bleiben Afrikaner, einer von ihnen schenkt ihr ihren Sohn Cedric. Trotz dieses persönlichen Bezugs und vieler Ferienreisen lebt die Afrikabegeisterte während Jahrzehnten weiter in Basel, wo sie als Sekretärin arbeitet. Es bedarf einer Gleichgesinnten, um mit Mitte 50 tatsächlich Auswanderungsgedanken zu spinnen. In gemeinsamen Ferien fällt in Akkra am Strand der Entscheid für das Wagnis.

Die beiden Frauen lassen sich von ihrer Pensionskasse auszahlen und investieren einen grossen Teil des Geldes in ein Restaurant. Sie tun das «im vollsten Vertrauen auf die Mitmenschen und darum sehr naiv», gesteht Abegglen heute ein. Sie werden grausam übers Ohr gehauen.

Dabei denkt Abegglen zu Beginn noch, Vorsicht walten zu lassen. Es ist eine enge ghanaische Freundin, die ihr hilft beim Kauf zweier Grundstücke, eines für das Wohnhaus, eines fürs Restaurant. Die Bauarbeiter werden ihr vermittelt von «King», US-Ghanaer und Vorbesitzer ihres künftigen Wohnhauses. Sie arbeiten auch zuverlässig und «King» schaut immer wieder auf der Baustelle vorbei, um ihnen Beine zu machen. Doch dann gestehen die Arbeiter «King», dass sie von der ghanaischen Freundin Abegglens unter Druck gesetzt worden seien, falsche Offerten zu liefern und die Differenz der Freundin zu geben. Sonst würden sie den Job verlieren.

Fast mit dem Auto überfahren

Als Ursula Abegglen das hört, fällt sie aus allen Wolken. Die ghanaische Freundin lebt zu dieser Zeit bei ihr und ihrer Schweizer Mitstreiterin im Haus, als «Dank für ihre Dienste». Abegglen lässt sich die Geschichte von den Arbeitern bestätigen, stellt die Ghanaerin zur Rede und wirft sie aus dem Haus. Sie kann sich nur schwer kontrollieren. «Ich habe sie fast mit dem Auto überfahren, so wütend war ich», sagt Abegglen.

Doch es kommt noch schlimmer. Noch als das Restaurant im Bau ist, erfahren Ursula Abegglen und ihre Schweizer Freundin, dass sie auch beim Kauf des Restaurantgrundstücks betrogen wurden. Und wie. Der Mann, der ihnen das Land verkauft hat, ist gar nicht dessen Besitzer. Landplan und Urkunde sind gefälscht. Und die ghanaische Bekannte, die «Verkäufer» und Agenten vermittelt hat, ist natürlich ebenso darin verwickelt. Sie hat im Vordergrund gelächelt, im Hintergrund eiskalt die Fäden gezogen. Es folgen Anzeigen. Aber die Polizei zeigt nicht das geringste Interesse, aktiv zu werden.

Die Talsohle ist noch nicht erreicht. Unsicher, wie ihre rechtliche Situation ist, und mit finanzieller Unterstützung der Familien in der Schweiz eröffnen die beiden Frauen ihr Restaurant im Februar 2011. Sie bieten ghanaische Kost an, aber auch Rösti und Geschnetzeltes. Für die Schweizer Kollegin wird der Druck aber zu gross. Sie reist zurück in die Schweiz.

Zurück bleibt Ursula Abegglen mit einem Restaurant, das nicht rentiert, «auch wenn viele Heimwehschweizer und Deutsche gerne vorbeigekommen sind». Nach einem halben Jahr zieht sie die Notbremse, um nicht noch mehr Geld zu verlieren.

Die halbe Pension ist verspielt

Ursula Abegglen steht vor einem Scherbenhaufen. Sie fühlt sich betrogen, kann niemandem mehr vertrauen, hat die halbe Pension verspielt. In einem Blog schreibt sie sich denn Frust von der Seele. Doch sie steht wieder auf, weigert sich, «als Loser zurück in die Schweiz zu gehen und dem Sozialamt auf der Tasche zu liegen». Also besinnt sie sich auf das Einzige, was ihr geblieben ist, ihr Haus, stellt eine Homepage online und bietet Zimmer an. So kann sie sich über Wasser halten.

Zwei Probleme hat sie aber noch. Sie muss die Sache mit dem Restaurant und ihren Aufenthaltsstatus klären. Während Abegglen nämlich ihr Geschäft legal registriert hat und sämtliche Steuern und Sozialabgaben für ihre Angestellten zahlt, lebt sie selbst nach Ablauf des Touristenvisums über drei Jahre illegal in Ghana. Sie kann sich die Aufenthaltsbewilligung nicht leisten, die ausländische Investoren über einen dafür zuständigen Wirtschaftsverband organisieren müssen.

Aus Mangel an Alternativen macht sie sich nun die weitverbreitete Korruption, unter der sie bis dato gelitten hat, selbst zu nutzen. Sie kennt die richtigen Leute, erhält einen Ausreisestempel in den Pass, der auf die Zeit vor Ablauf des Touristenvisums zurückdatiert ist, lässt sich im Flughafen in den Ankunftsbereich einschleusen und löst dort am Express-Schalter ein neues Einreise-Visum, mit dem sie sich danach legal eine Aufenthaltsbewilligung beschaffen kann.

Mitmachen oder untergehen

Als sie es erzählt, erschrickt Abegglen, «wie das tönt». «Wenn man hier lebt, gewöhnt man sich an diese Dinge», erklärt sie. Man mache irgendwann mit oder gehe unter. Sie ist heute zwar misstrauischer, was die Bildung neuer Freundschaften erschwert. Mitbewohner und engste Vertraute sind ihr Hausmädchen Charlène aus der Elfenbeinküste, ihre drei Hunde und drei Katzen.

Ghana hat sie aber immer noch gerne. «Das ist mir wichtig zu betonen», sagt Abegglen. Es gebe hier nicht nur Dinge, die aus Schweizer Perspektive schrecklich negativ erscheinen. «Ich fühle mich hier wohl, so wie ich bin. Die Menschen akzeptieren einen, auch wenn man mal laut ist und ein paar Pfunde auf den Hüften hat.»

Ja, es ist nicht alles schlecht. Sogar die Geschichte mit dem Restaurant nimmt ein annehmbares Ende. Die eigentlichen Eigentümer, eine Vereinigung traditioneller Landeigner, erlauben ihr tatsächlich, das Land weiterzuverkaufen. Auch dieser Deal aber platzt fast, weil der beauftragte Agent die Hälfte der Anzahlung erst in die eigene Tasche steckt. Nach einem Jahr hartnäckigem Nachfassen bekommt Ursula Abegglen das Geld mithilfe der Polizei dann aber wieder zurück. Und sie legt es gleich auf vielschichtige Art und Weise an – wie dies viele Ghanaer im Wissen um die Unwägbarkeiten im Land auch tun.

Brot backen gehört zum Job.

Brot backen gehört zum Job.

Elio Stamm

Ihren Minibus verleast sie

Abegglen kauft sich einen Minibus und verleast diesen an einen Taxibetreiber. Der muss ihr jede Woche in bar seine Rate bezahlen. Und seit neustem backt die Baslerin auch Schweizer Brot, Zopf, Vollkorn, die ganze Palette. Sie verkauft die Laibe an einem Monatsmarkt und liefert sie einmal wöchentlich auch aus. Vielleicht schreibt sie auch bald ihre Memoiren, ein Verlag habe bereits angefragt.

«Man wird nicht reich so», sagt Ursula Abegglen. Sie lacht ihr lautes Lachen und rennt, von Charlène gerufen, zurück in die Küche. Das Brot wäre ihr fast angebrannt vor lauter Erzählen. Feiner Duft breitet sich aus, und von drinnen tönt es: «Nicht reich, aber erfahren.»

Mehr Informationen zu Ursula Abegglens Pension finden sich auf www.africa-swiss-guesthouse.jimdo.com/, ihren Blog auf http://www.meinneueslebeninghana.blogspot.com

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