Wer Alltag mit Langeweile verwechselt, hat noch nie einen Film von Christian Petzold gesehen: Der deutsche Regisseur von «Yella», «Barbara» und zuletzt «Transit» nach dem gleichnamigen Roman von Anna Seghers bringt noch die stillsten Momente zum Leuchten – und Singen!

Herr Petzold, Sie gelten als Gespenster-Regisseur, weil Ihre Figuren oft aus der Welt zu fallen scheinen. Sehen Sie oft Gespenster?

Christian Petzold: Als ich noch jung war, gab es sonntags zum Essen jeweils zwei Tische: einen für Kinder und einen für Erwachsene. Wenn ich den Erwachsenen dann beim Reden zuhörte, dachte ich mir manchmal: Bei denen stimmt was nicht. Im Kino ist das nicht viel anders: Es scheint ein klares Bild zu geben, aber irgendetwas ist verschoben. Das muss kein eigentlicher Geisterfilm sein, es reicht die Angst davor, zum Gespenst zu werden – ungebraucht, ungeliebt, unsichtbar. Arbeitslose, alleinerziehende Mütter und Flüchtlinge sind für mich auch Gespenster.

Ihre Eltern sind aus der DDR geflüchtet, Sie selbst sind in Westdeutschland aufgewachsen. Schärft das den Blick für das Gespenstische?

Ich will jetzt nicht erzählen, dass ich eine schreckliche Kindheit hatte – obwohl ein Reihenhaus eine ziemliche Tortur sein kann. (lacht) Meine Eltern sind zu einem Zeitpunkt geflüchtet, als es noch keine Mauer gab. Und sie flohen dorthin, wo der Rock ’n’ Roll war: Die amerikanische Musik, die amerikanischen Körper haben sie Ende der Fünfzigerjahre in den Westen gezogen. Und dort sind sie nie angekommen, trotz Haus, Verein und Freunden. Das hat sich uns Kindern so mitgeteilt.

Wie haben Sie diese Zerrissenheit erlebt?

Wir mussten als Kinder jedes Jahr Urlaub in der DDR machen, weil das die Heimat meiner Eltern war. Und für uns Kinder war es sehr merkwürdig, dass unsere Mutter, sobald sie aus dem Zug in Thüringen stieg, eine komplett andere Frau war: Sie lachte, tanzte, flirtete. Auch mein Vater hatte einen ganz anderen Körper, einen anderen Rhythmus. Das war schon interessant zu sehen, dass man nicht aus der eigenen Haut kann. Dass man nicht von A nach B kann, ohne sich selbst mitzunehmen.

Ihr aktueller Spielfilm «Transit» handelt von Flüchtenden zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Trotzdem ist die Handlung im Marseille der Gegenwart angesiedelt. Wieso?

Gestern bin ich durch die Basler Innenstadt gelaufen, und da gibt es neue Gebäude neben alten. Genau so wollte ich «Transit» drehen, historisch und gegenwärtig zugleich, ohne Kulisse und Originalkostüme. Die Idee war, dass die Ausgestossenen, die Gespenster der Vergangenheit, die Zivilgesellschaft wieder aufzubauen versuchen, während die Gegenwart selbst gespenstisch wird.

Deutschlands «Willkommenskultur» für Flüchtlinge war überwältigend. Wie sieht es heute damit aus?

Das ist schwer zu beantworten. Meine Mutter zum Beispiel hatte sich 2015, als die Flüchtlinge kamen, sofort an einer Spendenaktion beteiligt. Das war der erste Reflex landesweit: helfen. Ich war sehr froh, weil ich nicht vermutet hatte, dass unter der Oberfläche des Kleinbürgertums ein solcher Humanismus schlummert. Dann haben die Rechten aus allen Rohren gefeuert und grosse Resonanz gefunden, was dazu führte, dass zwei Jahre lang in bescheuerten Talkshows über Flüchtlinge geredet wurde. Das hat diese zarte Pflanze, das Gefühl der Verantwortlichkeit, erst einmal ruiniert.

Apropos ruiniert: Woher stammt Ihr Bedürfnis, den Kapitalismus filmisch an die Wand zu fahren?

Kino ist ein Widerspruchskomplex. Es wurde als Kunstform von Fabrikanten erfunden, lehnt sich also stark an die Industriegesellschaft und den modernen Kapitalismus an. Gleichzeitig ist das Kino aber auch eine Verzauberungsanstalt, und diesen Gegensatz fand ich schon immer toll.

«Schläft ein Lied in allen Dingen», das haben die Romantiker entdeckt. Im Kapitalismus dagegen fährt ein Kreuzfahrtschiff hin zu diesen Dingen, nur singt da nichts mehr. Aber das Kino kann das, es stellt seine Kamera nochmals hin und sagt: Da ist doch ein Lied!

Gutes Stichwort: In Ihren Filmen wird viel gesungen. Sind das solche Momente der Verzauberung?

Ganz genau. Und dann ist es auch so, dass ich Musicals ganz toll finde. Als ich das Drehbuch zu «Toter Mann» schrieb, hörte ich ständig ein Lied von Burt Bacharach, das auch im Film gesungen wird. Ich wohne im vierten Stock in Berlin-Kreuzberg, die Fassade wurde gerade neu gemacht. Ich höre also das Lied sehr laut, da sagt ein Gerüstbauer vor meinem Fenster zum anderen: «Ick glaub’, hier wohnt een Schwuler.» Ich war so schockiert! (lacht) Da versuche ich, männliche Filme zu machen, und dann geht die Liebe zum Song mit mir durch.

Sie drehen ja nicht nur Filme fürs Kino, sondern auch fürs Fernsehen. Wie sind Sie beim «Polizeiruf 110» gelandet?

Als ich das Angebot bekam, war ich sehr stolz, weil ich wusste: Bei 20-Uhr-15-Terminen gucken meine Eltern auch. Dann weiss ich, dass ich in diesem Moment kein Kunst-Gespenst mehr bin, sondern zum Gemeinwesen gehöre.